Großbritannien: BBC will das Netflix des Hörfunks werden

23.12.2016 •

23.12.2016 • Die Radiodienste der öffentlich-rechtlichen britischen Rundfunkanstalt BBC sollen in den nächsten Jahren ausgebaut werden. Das kündigte BBC-Generaldirektor Lord Tony Hall am 23. November 2016 in London auf der Herbstversammlung der britischen Hörer- und Zuschauerorganisation „Voice of the Listener and Viewer“ (VLV) an. „Wir haben Weltklasse-Inhalte und wir könnten die aktuellen Produktionen und den Reichtum unseres Archivs nutzen, um ein Netflix des gesprochenen Worts zu schaffen“, sagte Lord Hall.

Er wolle nach dem Vorbild des US-amerikanischen Videostreaming-Anbieters Netflix einen Audiostreaming-Dienst der BBC gründen, der es den Hörer auch außerhalb Großbritanniens ermögliche, die Angebote der BBC auf Abruf zu nutzen, erläuterte Hall. Eines seiner Ziele für die nächsten Jahre sei die Stärkung und Ausdehnung jener Programmbereiche, wo die BBC „tatsächlich weltweit an der Spitze“ liege. Das sei der Fall bei Nachrichten, Naturgeschichte und Fiktion, aber auch bei den Ressorts Bildung, Wissenschaft und Künste. Und beim Hörfunk sei dies auch der Fall, betonte der BBC-Generaldirektor.

Mehr Geld für den World Service

Im Sommer 2016 hatte sich Lord Hall mit der neuen konservativen Regierung von Premierministerin Theresa May grundsätzlich auf eine neue Royal Charter, das Grundsatzdokument zur Tätigkeit der BBC, für die nächsten elf Jahre vom 1. Januar 2017 bis zum 31. Dezember 2027 geeinigt (vgl. MK-Meldung). Die Vereinbarung sieht die Beibehaltung der jetzigen Rundfunkgebühr („Licence Fee“) in Höhe von 145,50 Pfund (173,25 Euro) jährlich einschließlich eines Inflationsausgleichs für die nächsten Jahre vor.

Vor der britischen Hörer- und Zuschauerorganisation unterstrich Tony Hall, dass die Rundfunkgebühr auch über 2017 hinaus das Modell zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bleiben werde. Der Generaldirektor dankte der VLV für ihre Unterstützung im öffentlichen Konsultationsprozess zur neuen Royal Charter. Fast 200.000 Menschen hatten sich daran beteiligt. Das waren nach Angaben der Regierung die zweitmeisten Teilnehmer überhaupt an einer öffentlichen Beratung nach der Konsultation über die Schwulen- und Lesbenehe.

Zur Entwicklung der BBC sagte Tony Hall auf der VLV-Versammlung weiter: „Während es in den vergangenen drei Jahren um die Wiederherstellung des Glaubens in die BBC und den Wiederaufbau ihrer Grundlagen durch die Sicherung einer starken Royal Charter gegangen ist, wird es in den nächsten drei Jahren um die Erneuerung der BBC gehen, um eine kühne, ehrgeizige Vision für die Zukunft.“

Elf neue Sprachdienste

Die BBC habe einen „einzigartigen Status“, sie sei „lokal, national und global“ präsent, so Lord Hall weiter. Der BBC World Service sei seit fast 85 Jahren Großbritanniens „Stimme in der Welt“, der World Service sei „eine der größten Quellen des internationalen Einflusses Großbritanniens, der unsere kulturellen und demokratischen Werte um den Globus trägt“. Dies sieht auch die Regierung in London so und nicht zuletzt deshalb stellte sie nun erstmals seit Jahren mehr Geld für den World Service zur Verfügung: Zum Ausbau dieses Angebots gibt es bis 2020 fast 290 Mio Pfund (345 Mio Euro) zusätzlich. „Das ist die größte Erweiterung seit den 1940er Jahren“, sagte Lord Hall.

Am 16. November hatte die BBC mitgeteilt, dass der World Service ab 2017 elf neue Sprachdienste für Fernsehen, Radio und Online-Angebote starten werde. Damit erhöhe sich die Anzahl der Sprachdienste auf 40, einschließlich Englisch. Zu den neuen Diensten gehören bald BBC-Angebote in Sprachen Indiens (Gujarati, Marathi, Telugu, Punjabi), Nigerias und Westafrikas (Yoruba, Igbo, Pidgin) sowie Äthiopiens und Ostafrikas (Oromo, Amharisch, Tigrinja). Mit einem neuen Koreanisch-Dienst sollen vor allem Menschen im abgeschotteten kommunistischen Nordkorea über Radio und die sozialen Netzwerke online erreicht werden. Zudem will die BBC auch ihre Nachrichtensendungen in Russisch erweitern.

„Durch Krieg, Revolution und globale Veränderungen haben die Menschen in der Welt auf den World Service mit seinen unabhängigen, vertrauenswürdigen und unparteiischen Nachrichten gebaut“, sagte dazu Francesca Unsworth, die seit Dezember 2014 Direktorin des BBC World Service ist. Und sie fuhr fort: „Als unabhängiger Rundfunk bleiben wir auch im 21. Jahrhundert, in dem es an vielen Orten weniger statt mehr Meinungsfreiheit gibt, so relevant wie eh und je.“ Bis 2022 – das ist die Vision von Lord Hall – soll sich die Zahl der BBC-Nutzer auf 500 Mio Menschen weltweit verdoppeln.

23.12.2016 – me/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

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