Großbritannien: Lord Hall stellt Zukunftspläne der BBC vor

02.10.2015 •

„Eine bessere BBC für jedermann – britisch, kühn, kreativ“, so soll die Zukunft der BBC und damit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Großbritannien aussehen. In einer Rede am 7. September im Londoner Science Museum antwortete BBC-Generaldirektor Lord Tony Hall erstmals auf das Mitte Juli veröffentlichte Grünbuch der konservativen Regierung von Premierminister David Cameron, das für die BBC diverse kritische Punkte enthält wie etwa eine mögliche Verkleinerung der Sendeanstalt (vgl. MK-Meldung). In Englisch lautete der Slogan, den Hall ausgab: „British, Bold, Creative“ – womit das Kürzel der British Broadcastring Corporation in eine programmatische Aussage umgewandelt war.

Die BBC soll nach den Intentionen von Lord Hall, so erläuterte er es weiter, in den nächsten zehn Jahren „offener werden, sich reformieren und im Internet-Zeitalter gedeihen“. Gleichzeitig wolle die britische Rundfunkanstalt ihrer Gründungsmission von 1922 treu bleiben, die da lautet: informieren, bilden und unterhalten. Dabei unterstrich Tony Hall, dass die BBC der Öffentlichkeit gehöre und eine Institution sei, die von ihr geliebt werde.

Kulturelle Kräfte

Lord Hall kündigte eine Öffnung des BBC-Streaming-Dienstes iPlayer für Inhalte anderer Rundfunkveranstalter und die Einrichtung eines speziellen iPlayers für Kinder an. Zu den neuen Projekten gehört ein „Ideas Service“, eine geplante offene Online-Plattform mit Materialien von Galerien, Museen, Universitäten und der BBC selbst. „Großbritannien besitzt einige der großartigsten kulturellen Kräfte in der Welt. Wir wollen uns mit ihnen zusammentun, mit ihnen zusammenarbeiten, um Großbritannien zur großartigsten kulturellen Kraft in der Welt zu machen“, erklärte Hall, der früher auch Intendant des Royal Opera House in Covent Garden war. „Die Zielsetzung ist klar“, so der Senderchef weiter, die BBC solle „eine Plattform für britische Kreativität und noch bessere Erlebnisse für unser britisches Publikum“ sein.

Ein neuer Schwerpunkt werde bei der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt künftig auf mobilen Nachrichten liegen, kündigte Hall an. BBC Newsstream werde ein Videodienst sein, der durch Audio, Grafiken und Texte live von BBC News ergänzt werde. Das biete die Möglichkeit, Nachrichten anzubieten, „die persönlich und ortsungebunden abrufbar“ seien. Neu geordnet werden sollen die Bildungs-, Informations- und Unterhaltungsdienste der BBC für Schottland, Wales und Nordirland. Am 27. August hatte die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon in Edinburgh mehr Einfluss und einen größeren Anteil Schottlands am Gebühreneinkommen der BBC und einen eigenen BBC-Fernsehsender für Schottland gefordert.

„Beträchtliche Investitionen“ kündigte Tony Hall für den BBC World Service an. Unter dessen Dach sollen ein russischsprachiger Satellitenfernsehkanal als Antwort auf Russia Today (RT), ein tägliches Radionachrichtenprogramm für Nordkorea und mehr Sendungen für Indien und den Nahen und Mittleren Osten produziert werden. Außerdem soll ein Radionachrichtendienst der BBC für Äthiopien und Eritrea gegründet werden. In Großbritannien will die BBC einen Pool von rund 100 lokalen Reportern bilden. Damit soll die unabhängige Berichterstattung über lokale Ereignisse und Institutionen verbessert werden. Die Arbeit dieser Reporter soll auch von anderen lokalen Nachrichtenproduzenten wie Zeitungen genutzt werden können.

Skandinavische Solidarität

Ein wichtiger Punkt für die BBC bleibt die Frage ihrer Finanzierung. In seiner Rede im Science Museum betonte Tony Hall, dass die Budgetvereinbarung mit der Regierung vom Juli dieses Jahres Einsparungen von 20 Prozent in den nächsten fünf Jahren bedeute. Deshalb stehe die BBC vor einer „sehr schwierigen finanziellen Herausforderung“, so ihr Generaldirektor: „Wir werden unausweichlich einige Dienste schließen oder reduzieren müssen.“ Sowohl Lord Hall als auch Medienminister John Whittingdale schließen inzwischen eine Ablösung der britischen Rundfunkgebühr durch eine allgemeine Haushaltsabgabe nach deutschem Vorbild nicht mehr aus.

In einer beispiellosen Solidaritätserklärung mit der BBC forderten die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Nordeuropas, die Unabhängigkeit der BBC zu schützen. In einem offenen Brief, den die britische Tageszeitung „The Guardian“ am 20. September veröffentlichte, verlangten die Rundfunkintendanten aus Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island die Sicherung der BBC-Zukunft. Die britische Rundfunkanstalt sei ein Modell und Vorbild für ihre Sender. „Die Unabhängigkeit der BBC leitet sich her aus ihrer institutionellen Geschichte und Kultur und aus ihrer ordnungspolitischen Struktur, einschließlich der Finanzierung. Veränderungen des Systems sollten die Unabhängigkeit des Rundfunks stärken, nicht schwächen“, heißt es in der skandinavischen Erklärung zur BBC.

02.10.2015 – Mathias Ebert/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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