USA: Die Ausbreitung von Special-Interest-Streaming

07.01.2017 •

Das sogenannte „Cord Cutting“ spielt in den USA eine immer größere Rolle, wenn über die Zukunft des Fernsehens diskutiert wird: Immer mehr Fernsehzuschauer durchtrennen die Nabelschnur zum Kabelfernsehen mit seinen Paketangeboten, in denen zwangsweise viele Programme enthalten sind, die man eigentlich gar nicht abonnieren will. Stattdessen wächst der Trend, nur für das zu bezahlen, was man wirklich sehen will – das Videostreaming bietet heutzutage diese Möglichkeit.

Wenn nun in den USA von der wachsenden Bedrohung des Kabelfernsehens durch die „Cord Cutters“ die Rede ist, dann sind meist Streaming-Alternativen wie Netflix, Amazon und Hulu gemeint, zukünftig wohl auch vergleichbare Angebote wie DirecTV Now, das jüngst von AT&T gestartet wurde (vgl. MK-Meldung). Selten jedoch spielt bisher in der Diskussion das Special-Interest-Streaming eine Rolle, also Streaming-Angebote, die sich bewusst nicht als erste Wahl für abtrünnige Kabelabonnenten verstehen, sondern als zusätzliche Möglichkeit, Programme anzusehen, die für spezielle Interessen und Liebhabereien gedacht sind.

Für Arthouse-Film-Fans

Um an einem Beispiel zu demonstrieren, worum es geht, sei die große Gruppe der Filmfans herausgegriffen, und zwar jener Filmfans, die in besonderer Weise an unabhängig von den Hollywood-Studios produzierten, oft unter der Kategorie ‘Arthouse Movies’ zusammengefassten Filmen und an ausländischen Filmen interessiert sind. Anhänger dieser speziellen Filmkategorie waren bisher darauf angewiesen, Kassetten und später DVDs oder Blu-rays zu kaufen. Viele dieser Filmliebhaber besitzen inzwischen ansehnliche private Sammlungen. Doch jedes Jahr kommen Hunderte von neuen und historischen Titeln hinzu, die weder im amerikanischen Broadcast-Fernsehen noch im Kabelfernsehen auftauchen, schon gar nicht auf einer Kinoleinwand. In den USA nimmt sich der Kabelsender Turner Classic Movies (TCM) zwar eines kleinen Teils dieser Filme an, er betreibt aber eine nach Popularität eingeengte Auswahl, die den Ansprüchen anspruchsvollerer Fans nicht genügt. Die einzige Zufluchtsstätte für sie war deshalb bisher der in New York ansässige Videovertrieb Criterion Collection, der seit dem Jahr 1984 eine umfangreiche Kollektion von Arthouse-Filmen aufgebaut hat und daraus Filme zum Verkauf anbietet.

TCM und Criterion Collection haben sich nun zu einem Streaming-Service zusammen­getan, der unter dem Namen ‘Film Struck’ eine aus Tausenden von Arthouse-Produktionen bestehende Sammlung anbietet, aus der man zu niedrigen Abonnementpreisen Filme abrufen kann. Was das Angebot besonders reizvoll macht, ist die Tatsache, dass auch ergänzende Materialien wie Dokumentationen, Kommentare und Interviews als sogenannte „Entire Editions“ zur Verfügung stehen. Die Abonnements starten schon bei 6,99 Dollar pro Monat.

Für Achterbahn-Fans

Vergleichbare Special-Interest-Kanäle schießen in den USA inzwischen wie Pilze aus dem Boden – bis hin zu scheinbar entlegenen Angeboten für Motorrad- und Achterbahn-Fans. Wie die „New York Times“ unlängst berichtete, haben sich bereits 16 Prozent aller „Cord Cutters“ entschieden, neben dem Bezug eines primären Streaming-Programms wie Netflix, Amazon oder Hulu dafür zusätzlich einen sekundären Special-Interest-Kanal zu abonnieren. Mit Broadcast-Fernsehen, einem primären und einem (oder sogar mehreren) auf ihre persönlichen Interessen zugeschnittenen Gesamtprogramm besteht beim TV-Konsumenten dann kaum noch Bedarf für eines der überteuerten Kabelpaket-Abonnements.

Diese Entwicklung bedeutet eine sich mehr und mehr verdichtende Gefahr für die alteingesessenen TV-Anbieter. Dies hat bei den traditionellen Networks schon in der Vergangenheit zu speziellen Programmen wie dem Travel Channel, dem Food Network, dem Golf Channel und ähnlichen Sendern geführt, die zu Bestandteilen der gebündelten Kabelabonnements gemacht wurden. Doch auf dem Verbreitungsweg des für den Zuschauer billigeren Internet-Streamings etablieren sich in jüngster Zeit immer mehr selbständige spezialisierte Angebote, die es den angesprochenen Kundenschichten leichter machen, sich vom althergebrachten und kostspieligen Kabelfernsehen abzunabeln.

07.01.2017 – Ev/MK