Der Radiosonderweg von Schleswig-Holstein

12.10.2016 •

Auf dem Radiosektor hat das Bundesland Schleswig-Holstein in den vergangenen Jahrzehnten einen Sonderweg eingeschlagen. Es dauerte tatsächlich bis zum 1. Juni dieses Jahres, ehe dort das erste kommerzielle lokale Hörfunkprogramm an den Start ging. Als Pionier darf sich der Sender Syltfunk fühlen, der sowohl auf der namensgebenden Insel Sylt als auch dem angrenzenden Festland über die UKW-Frequenzen 88,1 und 100,3 MHz zu empfangen ist.

Der vollständige Name des neuen Programms lautet Syltfunk – Söl’ring Radio. Er bezieht sich darauf, dass Teile des Programms auch in den Sprachen Sölring, Friesisch und Dänisch ausgestrahlt werden. Sölring ist ein nordfriesischer Dialekt. Eines der Ziele des Senders sei es, „das Aussterben von Sprachen zu verhindern“, sagt Geschäftsführer Stefan Hartmann. Er ist mit 42,5 Prozent auch größter Anteilseigner der Sylt Funk-Mediengesellschaft mbH, bei der noch drei weitere Personen Gesellschafter sind.

Syltfunk und Antenne Lübeck

Die zweite Frequenz für kommerzielles Lokalradio in Schleswig-Holstein ist bereits seit rund einem Jahr vergeben: Am 14. Oktober 2015 erhielt die Antenne Lübeck GmbH die Sendelizenz der zuständigen Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein (MA-HSH) für die Region Herzogtum Lauenburg/Lübeck. Mehrheitsgesellschafter des neuen Anbieters ist die Fred Dohmen Medien GmbH, die zu zehn Prozent auch an dem seit April 2014 zu empfangenden Sender Radio Hannover beteiligt ist. Antenne Lübeck konnte bisher aber nicht starten. Ein Mitbewerber für die Frequenz, das Kieler Medienhaus Falkemedia, das unter anderem Computerzeitschriften und Rezepthefte herausbringt, klagt gegen die Entscheidung der MA-HSH vor dem Verwaltungsgericht in Schleswig. Zu Einzelheiten mochte das Unternehmen auf MK-Anfrage aber „keine Stellung nehmen“.

Hinzu kommen in Sachen Antenne Lübeck frequenztechnische Probleme. Die geplante Frequenz habe sich „als nicht belastbar“ erwiesen, sagte Thomas Fuchs, Direktor der MA-HSH, gegenüber der MK. Der Fehler liege nicht bei Antenne Lübeck, sondern bei den verantwortlichen schleswig-holsteinischen Regierungsbeamten, so Fuchs weiter. „Wir hoffen, dass wir in dieser Angelegenheit bis Ende des Jahres Klarheit haben“, ergänzte er.

Erstes nicht-kommerzielles Lokalradio

Nachdem vor rund einem Vierteljahr mit Syltfunk das erste kommerzielle Lokalradio in Schleswig-Holstein gestartet ist, wird es im Sommer 2017 eine weitere Premiere geben: Mit dem Freien Radio Neumünster geht in dem Bundesland dann erstmals ein nicht-kommerzielles Lokalradio an den Start. Am 7. September hat die MA-HSH dem Sender eine UKW-Zulassung erteilt. Die technische Reichweite des neuen Programms werde eine Region mit 100.000 Menschen umfassen, sagt Stefan Tenner, der Sprecher der Initiative, gegenüber der MK.

Möglich wurde die Einführung lokaler Hörfunkprogramme – sowohl kommerzieller als auch nicht-kommerzieller – erst dank der 5. Novelle des Medienstaatsvertrags zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg, die im Januar 2015 in Kraft getreten war (vgl. MK-Meldung). Als künftiger Anbieter eines nicht-kommerziellen lokalen Programms steht auch die Freie Radio-Initiative Flensburg parat. Zwischen der Initiative und der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein würden im Lauf des Oktobers Gespräche stattfinden, sagte Direktor Thomas Fuchs.

Nicht als Standorte für freies Radio im Staatsvertrag vorgesehen sind Kiel und Lübeck – dabei gibt es aufgrund der Größe der Städte dafür mehr Potenzial als anderswo. In beiden Städten sei der Offene Kanal sehr stark, sagt Peter Eichstädt, der medienpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im schleswig-holsteinischen Landtag in Kiel. Man habe im Staatsvertrag „einen Schwerpunkt“ legen wollen auf Regionen, in denen Bürger bisher gar keine Möglichkeit hätten, Radiosendungen zu produzieren. Diverse schleswig-holsteinische Gruppen senden bisher noch in einer Art Exil – beim Freien Sender Kombinat (FSK) in Hamburg. Jeden zweiten Freitag im Monat strahlt das Freie Radio Neumünster dort von 15.00 bis 16.00 Uhr eine Magazinsendung aus.

Novelle des Medienstaatsvertrags

Über die Rolle eines Stiefkinds kommt der nicht-kommerzielle Lokalfunk (NKL) im Norden vorerst wohl nicht hinaus. „Der jetzt für den gesamten Sektor NKL“ in Hamburg und Schleswig-Holstein „veranschlagte Rahmen“ von 279.000 Euro pro Jahr liege „unter dem zu erwartenden Förderbedarf“, kritisiert der Verein Freie Radio Initiative Schleswig-Holstein (FRISH), in dem sieben Gruppierungen zusammengeschlossen sind.

Über die Vergabe der Fördergelder entscheidet – noch – die Medienstiftung Hamburg/Schleswig-Holstein, die getragen wird von den Bundesländern Hamburg und Schleswig-Holstein, ihrer gemeinsamen Medienanstalt MA-HSH und dem Norddeutschen Rundfunk (NDR). In allen anderen Bundesländern ist für die Fördergeldvergabe allein die jeweilige Landesmedienanstalt zuständig. Die norddeutsche Spezialkonstruktion gilt als nicht ideal, weil die jeweiligen Landesregierungen direkten Einfluss auf die Vergabe der Gelder nehmen können. Mit der nächsten Neufassung des Staatsvertrags, die am 1. April 2017 in Kraft treten soll, wird diese „nicht wirklich staatsferne Regelung“ (Thomas Fuchs) nun abgeschafft. Fortan wird die Fördergeldvergabe so gehandhabt wie im Rest der Republik. Die Unterzeichnung der 6. Novelle des Medienstaatsvertrags zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein ist für Ende Oktober  vorgesehen; danach müssen die Bürgerschaft in Hamburg und der Landtag in Kiel zustimmen.

12.10.2016 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren