Wo im Fernsehen Dürre herrscht

Aus der Arbeit der Grimme-Nominierungskommission „Unterhaltung“

Von Senta Krasser
02.04.2019 •

Am 26. Februar wurden die Gewinner des Grimme-Wettbewerbs 2019 bekanntgegeben (vgl. MK-Meldung). Insgesamt vier Jurys hatten zu entscheiden, wer in den Kategorien „Fiktion“, „Information und Kultur“, „Unterhaltung“ sowie „Kinder und Jugend“ die Preise erhält. In der Vorstufe hatten ebenfalls vier Kommissionen entschieden, welche Sendungen und Personen für den Wettbewerb und damit für die Sichtung durch die jeweilige Jury nominiert werden. MK-Autorin Senta Krasser war Mitglied der Grimme-Nominierungskommission „Unterhaltung“ und berichtet im folgenden Artikel über deren Arbeit. Die Preise in der Kategorie „Unterhaltung“ gingen an die ARD-Reihe „Kroymann“, an „Lass dich überwachen! Die ‘Prism is a Dancer’ Show“, eine 90-minütige Sonderausgabe des „Neo Magazins Royale“ (ZDFneo/ZDF) von Jan Böhmermann, und an die Show „CATCH! Der große Sat 1 Fang-Freitag“. Die Nominierungen für den diesjährigen Grimme-Wettbewerb waren am 17. Januar bekanntgegeben worden (vgl. MK-Meldung). Die Grimme-Preisverleihung ist am 5. April im Stadttheater von Marl. • MK

- - - - - - - - - - - - - - - - - -

Reden wir nicht drumherum: 2018 herrschte Dürre im Land der Fernsehunterhaltung. Der Durst nach neuem, überraschendem, ideenreichem, gewitztem, lustigem und handwerklich gut gemachtem Programm wurde nicht gestillt. Und das, wo die Unterhaltungskommission bereits im Vorjahr auf dem Trockenen saß und es durchaus Nachholbedarf gab. Doch stattdessen setzte sich ein Negativtrend fort, dessen Ursachen vielfältig sind.

Sicher ist eine wesentliche Ursache in der Neigung der Branche zum More of the same zu suchen: Was einmal gut läuft, wird, insbesondere im Privatfernsehen, Staffel für Staffel fortgesetzt oder variiert und meist schlägt das Original die Kopie. Allein die aktuelle Fülle an Trödel-, Koch- und Gründershows gibt davon Zeugnis. So bleibt eine geniale Formaterfindung wie die Vox-Show „Kitchen Impossible“ auch in der aktuell vierten Staffel unerreicht, da mögen die Kabel-1-Köche aus „Zwei Asse tischen auf – Lecker Deutschland“ noch so energisch mit den Töpfen klappern. Zum Leidwesen der „Kitchen-Impossible“-Fans in der Grimme-Nominierungskommission „Unterhaltung“ war es unmöglich, ein Mauseloch zu finden, um das Format nach 2017 noch einmal zu nominieren.

Ein Hilferuf in der Not

Steckt das deutsche Unterhaltungsfernsehen in der kreativen Krise? So schaut es aus – wenn man jene Kreativköpfe ausnimmt, die zum Beispiel in Köln-Ehrenfeld sitzen, am laufenden Band Premium-Ware produzieren und von denen an dieser Stelle noch die Rede sein wird. Dass wir, die Vorjury für den 55. Grimme-Preis, trotzdem keinen Grund sahen, unser Unterhaltungskontingent von 19 möglichen Nominierungen auszuschöpfen – es blieben nur elf und eine Nominierung im Bereich „Spezial“ – ist auch als Hilferuf in der Not zu verstehen: Wir dürsten nach mehr gutem Programm!

Schon gibt es Stimmen, die die Unterhaltung ob dieser Angebotsmisere als eigenständige Grimme-Preis-Kategorie am liebsten wieder abgeschafft sähen (bis 2007 lief die Unterhaltung im Wettbewerb „Fiktion“ mit, sofern es sich um fiktionale Inhalte handelte). Aber es wäre nicht richtig, das Rad zurückzudrehen, weil man damit den Happy few Unrecht täte, die aus der durchkonfektionierten Masse herausragen und Auszeichnungswürdiges leisten, das eben nicht fiktional ist oder als Format insgesamt für den Bereich „Spezial“ taugte, in den früher, als dies eine eigene Kategorie war, alles hineinflog, was sonst nicht unterzubringen war. Einen eigenen Raum, der sich sowohl von der Kategorie „Fiktion“ als auch der Kategorie „Information und Kultur“ klar abgrenzt, hat die Unterhaltung mehr als verdient. Denn es ist ja so: Mit der Verspartung des klassischen Fernsehens und dem Aufkommen von YouTube & Co. ist das Angebot an Shows und Doku-Soaps enorm gestiegen. Und es gibt sie eben doch, die Oasen von erfrischender Qualität. Sie sind rar, aber wir haben sie gefunden. Im Folgenden seien die Beobachtungen aus der Nominierungskommission zum Unterhaltungsjahr 2018 in sechs Kapiteln festgehalten.

1. Was gut war, ist immer noch gut

Böhmermann. Immer wieder dieser Jan Böhmermann. Grimme-Preis 2014, 2016, 2017, 2018. Und 2019? War natürlich auch kein Vorbeikommen am genial ausgefuchsten Anchor des „Neo Magazins Royale“ (ZDFneo/ZDF). Mit fünf verschiedenen Einreichungen für den Wettbewerb hatten wir es zu tun. Und schnell kam die Einsicht: Was gut war, ist immer noch gut und um Längen besser als alles andere. Manches sogar schockierend gut: wie „Lass dich überwachen! Die ‘Prism is a Dancer’ Show“. Als „echtes Schockfernsehen“ bezeichnete ein Kommissionsmitglied diese Spezialausgabe von Böhmermanns Hauptformat, in der sich eine bekannte „Neo-Magazin“-Rubrik zur fast 90-minütigen Show auswächst. Im dramaturgisch klugen Spiel mit Anspannung und Entspannung und dem beachtlichen Recherchefleiß auf sämtlichen Social-Media-Kanälen erkannten wir auch einen durchaus pädagogischen Ansatz. Die Show führt plastisch vor, wie sorglos Menschen ihre persönlichen Daten ins Netz kippen.

Natürlich mischte sich in unsere Diskussion auch der Zweifel: Wir können doch nicht? Nicht schon wieder? Wie einst die Kollegen von der „Fiktion“ fühlten wir uns im Dominik-Graf-Dilemma. Über Jahre dominierte Graf das Erzählen im fiktionalen Fernsehen. Zehn Grimme-Preise für den Regisseur zeugen davon. Böhmermann hatte erst vier, als wir darüber nachdachten, ob ein fünfter angemessen sein könnte – wobei unsere „Spezial“-Nominierung für das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld (RTO) und dessen Maestro Jan Böhmermann von diesem Gedankenspiel weitgehend unberührt war. Um es mit den Worten eines glühenden RTO-Verehrers in der Kommission zu sagen: „In einer Zeit, in der sich Fernsehshows bestenfalls eine kleine Hausband leisten, ist die Rückbesinnung auf die Zeit der Rundfunk-Tanzorchester auf den ersten Blick bloß eine skurrile Idee. Das 15-köpfige, teils traditionell, teils modern instrumentierte RTO Ehrenfeld ist aber weit mehr als ein aufwändiger nostalgischer Rekurs auf frühere Rundfunkzeiten. Mit seiner hohen Qualität und seinen phantasievollen Arrangements ermöglicht es dem ‘Neo Magazin Royale’ eine absolut einzigartige musikalische Begleitung.“

Es ist unbestreitbar: Was von der Produktionsfirma Bildundtonfabrik (BTF) aus Köln-Ehrenfeld kommt, die ja nicht nur das „Neo Magazin Royale“ produziert, ist nicht zu toppen. Allein die redaktionelle Vorbereitung jeder Sendung ist von solch andauernder Akribie und Präzision, dass es für die Protagonisten ein Leichtes ist, vor der Kamera zu glänzen. Ob sie nun Jan Böhmermann heißen. Oder Maren Kroymann.

Obwohl die politisch-satirische Comedyreihe „Kroymann“ (ARD/Radio Bremen/SWR/NDR) erst im Vorjahr einen Grimme-Preis bekam (es war erst der erste), entschied sich die Kommission für eine erneute Nominierung und damit für eine erneute Preis-Chance. Die zweite Staffel hält nicht nur das außergewöhnlich hohe Niveau der ersten, sie ragt auch wieder deutlich aus dem Gesamtangebot im Segment „Unterhaltung“ heraus. Gleiches gilt für unser Déjà-vu mit Trixie Dörfel, der schlagersingenden Kunstfigur aus Olli Dittrichs TV-Zyklus, dessen Beiträge bisher allesamt große Kunst sind und von Grimme schon mehrfach nominiert und einmal auch bepreist worden sind. Feierte Trixie 2017 noch fröhliche Weihnachten in ihrer Luxusvilla in München-Bogenhausen (für „Trixie Wonderland – Weihnachten mit Trixie Dörfel“ gab es eine Nominierung), geht es in der jetzt nominierten Folge „Trixie Nightmare: Der tiefe Fall der Trixie Dörfel“ (ARD/WDR) um ihren Abstieg in ein Hochhaus-Apartment. Die Fortsetzung des charmanten Weihnachtsformats überzeugte uns nicht nur wegen ihrer dramaturgisch dichteren und dramatischen Wendungen, sondern auch durch ihre Detailverliebtheit: Vom versonnenen Blick der Protagonistin aus der U-Bahn bis hin zum Vogeldreck auf der Fensterscheibe merkt man der Produktion ihre beispiellose Sorgfalt an, die aber nie Selbstzweck bleibt.

Wie oft „Extra 3“ im Kontingent der Unterhaltungskommission war? Sehr oft. Seit Oktober 2014 ist die Satire-Sendung des NDR, die Dieter Kronzucker vor mehr als 40 Jahren erfand, auch regelmäßig im Ersten zu sehen – und sie überzeugt in der Premier League ebenso wie im Dritten Programm NDR Fernsehen mit anhaltend bissigem Niveau. Der Wille, nicht stehenzubleiben, feste Elemente und Rubriken auf den Prüfstein zu stellen, anzupassen und Neues aufzunehmen, ist deutlich erkennbar. So hat das Format im Jahr 2018 seine Aktivitäten in den sozialen Medien ausgebaut und ist auch dort zu einer lauten, kritischen Stimme geworden. Unsere Nominierung ist deshalb auch als Anlauf zu verstehen, einmal die Gesamtleistung des „Extra-3“-Teams anzuerkennen; bisher wurden ja nur Teile des Satireformats von Grimme bedacht, so zum Beispiel die Akteure der Rubrik „Johannes Schlüter“ („Spezial“-Preis 2009). Dass wir damit bei der Jury 2019 nicht durchgedrungen sind, kann nur heißen: „Extra 3“ bitte zur Wiedervorlage.

2. Was für ein Spaß, anderen beim Sich-Bewegen zuzusehen

Körperkraftspektakel sind im Unterhaltungsfernsehen sehr angesagt seit dem überraschenden Publikumserfolg von „Ninja Warrior Germany – Die stärkste Show Deutschlands“ (RTL) vor drei Jahren. Von der neuen RTL-Produktion „Big Bounce – Die Trampolin Show“ haben wir uns auch durchaus mitreißen lassen: verrückte Parcours, die in eine Halle im niederländischen Breda hineingebaut sind, und ansteckendes Triumphgeheul der Kandidaten, die einem vormachen, wie viel Spaß es macht, sich zu bewegen. 

Noch mehr „gecatcht“ haben uns allerdings jene Menschen, die in „CATCH! Der große Sat 1 Fang-Freitag“ (Sat 1) beim Völkerball durch die Gegend stolpern. Verblüffend, wie viel Tempo, Witz und Spannung die simple Spielidee des klassischen Fangspiels in verschiedenen Variationen haben kann. Ziemlich schlau fanden wir, dass sich hier die üblichen Promi-Nasen des Showfernsehens mit Profi-Sportlern und Parcours-Spezialisten in Teams mischten. Die sieben Spielrunden entwickelten mit ihrer Dynamik und der optisch attraktiven Inszenierung eine Sogwirkung, der sich auch die größten Bewegungsmuffel nicht entziehen können. Luke Mockridge, der in „CATCH!“ mitfängt, hat das Format entwickelt. Und es blieb nicht unkommentiert, dass dieses vielseits talentierte Sendergesicht von Sat 1 (Musik kann Mockridge auch!) von Format zu Format eine Persönlichkeit erkennbar werden lässt, die mehr als nur ein One-Trick-Pony ist.

Im etwas entfernteren Sinne kann man auch „Denn sie wissen nicht, was passiert – Die Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show“ (RTL) in diese Actionshow-Kategorie einordnen. Denn was ist es anderes als ein Bewegungsspektakel, wenn das Trio der guten Laune mit seinen prominenten Gästen wahllos von der Decke herabfallende Stangen auffangen muss, bevor sie den Boden berühren? Andererseits und ganz ehrlich: Hätten wir nur in die erste von vier Ausgaben hineingeschaut, „DSWNWP“ (so das Kurzlabel der Show) wäre niemals durchgekommen. Die Spielanordnungen kompliziert, die Protagonisten Jauch, Gottschalk und Schöneberger desorientiert, ja, lustlos. Doch nach dem holprigen Auftakt besserte sich die Show und lief bis zur vierten und letzten Ausgabe zur Hochform auf. Durch einfachere, kleinere Spiele wurde ein Umfeld geschaffen, in dem das Dreiergespann eine geradezu kindliche Spielfreude entwickelte, die sich nicht nur auf die weiteren prominenten Kandidaten, sondern auch auf die Zuschauer vor dem Fernseher überträgt. Dass Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Barbara Schöneberger vorher weder wissen, wer moderiert, noch wie der Abend verläuft, lässt dabei Spielraum für mehr Spontaneität, als es in der stark durchgescripteten Formatwelt normal ist.

3. Talk, Talk, Talk oder was?

Talkshows gibt es wie Sand am Meer. Doch was passiert, wenn man zum Beispiel Juso-Chef Kevin Kühnert, die Schlagersängerin Stefanie Hertel, das It-Girl Sophia Thomalla und den Herzchirurgen Michael Hübler für einen langen Abend in einem Hamburger Filmstudio an einen Tisch setzt mit dem exzentrischen Theater-Popstar Lars Eidinger? Dann zeigt sich, dass in diesem Setting tatsächlich Gespräche entstehen und nicht nur Talk. Die bereits 2015 für den Grimme-Preis nominierte Sendung „Geschichte eines Abends“ (NDR Fernsehen) meldete sich 2018 mit verändertem Konzept zurück. Lud anfangs Dirk Stermann in ein Hamburger Restaurant, wechselten in der neuen Staffel (mit zwei Ausgaben) die Orte mit ihren Gastgebern. Die Moderatorin und Autorin Charlotte Roche wählte eine Waldhütte, der Schauspieler Lars Eidinger wie bereits erwähnt ein Filmstudio. Geblieben ist die chemisch höchstinteressante Mischung der Gäste, siehe oben. Diskutiert wurde, ob diese beiden Sendungen im Gesamtpaket oder besser einzeln zu nominieren wären, schließlich sind sie von höchst unterschiedlicher Temperatur: eher naturbelassen die Roche-, bis zur Schlussminute konstruiert die Eidinger-Sendung. Die Abstimmung ging dann fürs Gesamtpaket aus.

Neu im Genre Late Night Show ist das Format von Joko Winterscheidts besserer Hälfte Klaas Heufer-Umlauf, in der ja auch viel getalkt wird, wenn auch meist über ziemlich unwichtiges Zeug. „Late Night Berlin“ (Pro Sieben) blieb in der Kommission chancenlos. Anerkannt wurde, dass sich das Format nach einem schlechten Start gefunden hat, aber in der Qualität schwankt. Die Null-Pointen-Monologe sprächen für eine redaktionelle Unterfinanzierung, meinte ein Kommissionsmitglied. Für die sympathischere, kleinere Form von Late Night, für „Ringlstetter“ aus dem Dritten Programm BR Fernsehen, konnte sich abermals keine Mehrheit finden. O-Ton aus der Kommission: „Nicht edgy genug“, „zu bayerisch“. 

Kantiger dagegen und gar nicht bayerisch „So! Muncu!“ (ntv). Serdar Somuncu bezeichnet sein Format selbst als „Dekonstruktion einer Talkshow“. Er scheut den Konflikt weder mit seinem Sender noch mit seinen Gästen, was die öffentlichen Auseinandersetzungen um einzelne Sendungen der letzten Jahre zeigen (es gibt den Talk seit 2015). Wir fanden: Somuncu ist immer bestens vorbereitet, argumentativ immer auf den Punkt, auch bei so speziellen Gästen wie Bushido, und er hat überhaupt eine sehr eigene Art zu interviewen. Bemerkenswert ist zudem, dass die Sendung einen dauerhaften Programmplatz bei ntv gefunden hat und der Sender hier über den Tellerrand eines Nachrichten- und Dokumentationskanals mal hinausblickt. Dafür gab’s eine Nominierung.

4. U oder E? Egal, es unterhält

Erstaunlich noch im Nachhinein, wie das Vox-Format „Ich, einfach unvermittelbar?“ die Kommission zum produktiven Streiten anregte und es dann tatsächlich zu einer Nominierung schaffte. Eine in den vergangenen Jahren wiederholt geführte Grundsatzdebatte entspann sich, wo die Grenze zwischen U und E anzusetzen ist in einem Genre, das zugleich dokumentarisch und unterhaltsam sein will. Wo sind die Unterhaltungsreize, die Unterhaltungsqualität, wenn sich eine eigentlich klassisch gemachte, also inszenierte und auf Effekte geschnittene Doku-Soap wie „Ich, einfach unvermittelbar?“ einem so ernsten Thema wie dem Tourette-Syndrom oder dem Asperger-Autismus widmet und dabei ihre Akteure mit viel Feingefühl begleitet, anstatt sie als Futter für die Unterhaltungslust der Zuschauer bloßzustellen? Nur weil es um Behinderte geht, ist das keine Unterhaltung? Wir einigten uns dann auf den gemeinsamen Nenner, dass dieses Format nach BBC-Vorlage eine gemilderte, wohligere Form von halbdokumentarischer Unterhaltung ist, die sich zwar der Erzählweise von Doku-Soaps wie „Schwiegertochter gesucht“ (RTL) bedient, dies allerdings nicht so grell. 

Ähnlich verlief übrigens die Diskussion zur letztlich nicht nominierten Folge „Ich gegen mich – Der Kampf gegen meine Sucht“ aus der RTL-Reihe „Das Jenke-Experiment“. Erzählt wird hier eine Sachgeschichte – Was gibt es für Methoden, um das Rauchen dranzugeben? – als persönliche Geschichte des Jenke von Wilmsdorff. O-Ton aus der Kommission: „Jenke ist eine ausgesprochene Unterhaltungsfigur, sein Infotainment pädagogisch wertvoll.“

Die Reisereportage an sich ist nicht unbedingt das Genre, das man auf Anhieb in der Kategorie „Unterhaltung“ verorten würde. Zwei Exemplare gewannen dennoch unsere Sympathien: „Inas Reisen“, eine Fortsetzung des Formats „Inas Norden“ im NDR Fernsehen, und „Die Abenteuer des Herrn Lukas“ vom RTL-Sender Nitro. Die Entscheidung, welches davon eine Nominierung bekommt, war letztlich nicht schwer. Die nicht ganz so kultursensiblen Einlassungen der gewohnt spontanen Frau Müller fanden einige „zu gewollt doof“, gar „ignorant“ und die anderen die Machart doch recht konventionell. Aufregender fanden wir dagegen, wie sich in der Abenteuergeschichte des Schauspielers Florian Lukas Storytelling mit Dokumentation mischt. Die aufwendige fiktionale Einführung überzeugte uns mit ihrer „Das-Boot“-Ästhetik (Lukas wird von seiner Agentin beauftragt, sich auf eine Rolle in der Neuverfilmung von „Der weiße Hai“ vorzubereiten) und mündet nach dem reisedokumentarischen Teil in einer abschließenden Klammer. Der Hybrid ist außerordentlich schön gefilmt und mit guten Kameraeinstellungen mutig geschnitten.

5. Hinein in dieses Neuland

Schon seit einigen Jahren lüftet der Grimme-Preis die analoge Schranke und es darf auch Qualitätsfernsehen in den Wettbewerb hinein, das nur im Netz „ausgestrahlt“ wird. In diesem Jahr ist erstmals YouTube unter den Nominierten dabei und das gleich zweifach, weil parallel auch in der Kategorie „Kinder und Jugend“ (mit „LeFloid vs. The World“). Wir von der Unterhaltung waren schlicht sehr angetan davon, wie viel Spaß die Jungs von „Neuland“ haben an dem, was sie tun – im Vergleich zur Konfektionsware, die es im linearen Fernsehen zuhauf gibt. Interessanterweise stecken hinter „Neuland“ erfahrene Fernsehexperten: Die Firma Brainpool TV hat das Ganze im Auftrag von YouTubes Bezahlangebot (YouTube Originals) produziert. 

Im Groben handelt es sich bei „Neuland“ um eine Gesprächssendung mit Phil Laude als Gastgeber. Laude wurde mit dem Comedy-Trio Y-Titty zum YouTube-Star. Y-Titty ist Vergangenheit und darauf baut die Story von „Neuland“ selbstironisch auf. Man wird Zeuge einer fiktionalisierten Personality-Show-Werdung, an der in der ersten Folge David „The Hoff“ Hasselhoff beteiligt ist. Mit seinen späteren prominenten Gästen misst sich Laude unter anderem in der Spieldisziplin, einen Pingpongball in Biergläser zu werfen, die auf Staubsaugerrobotern fahren. Eigentlich ziemlich bekloppt, aber eine frische Idee, dazu viel Witz und Dynamik.

Als Veteran des frühen www-Entertainments geht auch Philipp Walulis durch. Grimme kann sich rühmen, das Talent aus dem Münchner Aus- und Fortbildungskanal afk tv früh in der Nische entdeckt zu haben. Seine 2011 beim Privatsender Tele 5 gestartete Fernsehsatire „Walulis sieht fern“ (mit dem schönen Motto: „Fernsehen macht blöd, aber auch unglaublich Spaß“) sendete Häppchen auch ins Netz und bekam 2012 schon einen Grimme-Preis in der Kategorie „Unterhaltung“. Unter dem Namen „Walulis“ ist das Format 2018 in abgewandelter, medienadäquater Form ganz ins Internet abgewandert, als YouTube-Kanal des von ARD und ZDF veranstalteten Online-Jugendangebots Funk und damit in ein Umfeld, in dem es eine gewisse Lautstärke braucht, um Gehör zu finden.

Und diese Lautstärke setzt Walulis ein, was nicht jedem in der Kommission gefiel. Ist es womöglich eine Fehleinschätzung, dass junge Leute respektive User angeschrien werden wollen? Vor lauter Geschrei geht beinahe unter, dass der Medienerklärer Walulis die Hintergründe und Funktionsweisen der Medienwelt jetzt noch sachthemenorientierter angeht als zuvor. Auch aus sperrigen Themen wie den Ursachen für den rückschrittlichen Netzausbau in Deutschland, die Werberegulierung im Fernsehen oder dem deutschen Filmfördersystem mache er „gut konsumierbare Videos, die für Durchblick sorgen, ohne mit der pädagogischen Erklärkeule zu winken“ – so begründete jedenfalls die Jury des Bert-Donnepp-Preises für Medienpublizistik, dass sie Philipp Walulis in diesem Jahr auszeichnete (vgl. MK-Meldung).

6. Was sonst noch auffiel, aber nicht nominiert wurde

„Das Fernsehen liebt die Alten“, bilanzierte ein Mitglied aus der Nominierungskommission nach vier Tagen Non-Stop-Sichtung. Rüstige Rentner, die sich kurz vor knapp noch den Lebenstraum einer Sängerkarriere erfüllen wollen („The Voice Senior“, Sat 1) oder nach einem harten Arbeitsleben um die Welt jetten („Mit 80 Jahren um die Welt“, ZDF) sind nur zwei Beispiele für den Trend zum Senioren-TV. Kam der „The-Voice“-Ableger (abgesehen von der unsäglich lieblos versendeten Finalshow) als „unfassbar unkitschige Alten-Repräsentation“ sehr gut bei uns an, wurde beim an sich sympathischen ZDF-Format gerüffelt, dass der Off-Kommentar dem Ganzen etwas Rührseliges überziehe, was aber die Protagonisten gar nicht in sich getragen hätten.

Ein letztes Wort zum nie endenden Trend „Trash as Trash can“, der regelmäßig ins Kontingent der Grimme-Einreichungen rutscht: Die erste Staffel von „Love Island“ 2017 bei RTL 2 wurde in der damaligen Nominierungskommission zugegebenermaßen mit Offenheit registriert. Wie die peppige Bildmontage zum Einstieg das Beziehungsdurchwechselspiel unter Palmen ironisch brach, amüsierte nicht nur Hardcore-Trash-Aficionados. Mit Staffel 2 war dann jegliches Wohlwollen dahin. „Love Island“, merkte ein Kommissionsmitglied an, verstoße gegen das eherne Grundprinzip ‘Protagonisten müssen interessant sein’. Stattdessen treten auf: gleichförmige Typen, die in einer doppelbödigen Inszenierung strategisch balzen nach der Devise: ‘Ich will die Kohle, also paare ich mich egal mit wem.’

Auch das „Sommerhaus der Stars“, das RTL seit 2016 in der dschungelcampfreien Periode zeigt, hat (O-Ton) „den Unterhaltungswert eines Unfalls, den man unfreiwillig sieht“. Kenner des Formats in seiner Gesamtheit meinten, in der dritten Staffel von Folge zu Folge gesehen zu haben, wie „die Fassade der Profi-Trash-Darsteller bröckelt“ und sie sich „gegenseitig in ihrer Professionalität knacken“. Ja, gut – aber was ist, wenn einen die Akteure komplett nicht interessieren und man eine Meta-Ebene vermisst, auf der die „Ich-bin-ein-Star-Holt-mich-hier-raus!“-Moderatoren ihre Pirouetten drehen?

Die grundsätzlich richtige Frage wurde in der Diskussion über diese beiden Trash-Formate gestellt: Kann man, kann Grimme an dieser Unterhaltungsform, die ein Millionenpublikum hat, vorbeigehen? Man kann.

02.04.2019/MK

Print-Ausgabe 24/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren