Wir waren ganz schöne Technik‑Nerds

Ein Gespräch mit Philipp Käßbohrer, Geschäftsführer der Kölner Produktionsfirma BTF

Von Lutz Hachmeister

28.11.2018 • Philipp Käßbohrer, geboren am 30. Oktober 1983 in Biberach an der Riß (Oberschwaben), gründete im Jahr 2008 in Köln mit seinem Kommilitonen Matthias Murmann die Produktionsfirma Bildundtonfabrik (BTF). Die beiden, seither auch Geschäftsführer des Unternehmens, studierten an der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM). Noch während ihres Studiums bescherten sie dem ZDF mit der anarchistischen Talkshow „Roche & Böhmermann“ (17 Folgen ab März 2012 bei ZDFkultur) „eine der umjubeltsten Sendungen des Jahres“ („Spiegel Online“). Und sie wurden als Produzenten mit dem Förderpreis des Deutschen Fernsehpreises geehrt. Das Format wurde 2016/17 mit Olli Schulz unter dem Titel „Schulz & Böhmermann“ bei ZDFneo fortgeführt. Seit 2013 produziert die BTF die ebenfalls von Jan Böhmermann moderierte Late-Night-Satire-Show „Neo Magazin Royale“, die bereits mehrfach mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Käßbohrer selbst wurde als Produzent bereits fünfmal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet (2014, 2015, 2016, 2017, 2018). Das an dieser Stelle abgedruckte Gespräch von Lutz Hachmeister, Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) in Köln, mit Philipp Käßbohrer stammt aus dem Mitte September erschienenen „Jahrbuch Fernsehen 2018“. Das Gespräch führten Käßbohrer und Hachmeister am Sitz der Bildundtonfabrik in Köln-Ehrenfeld. Am 24. Oktober wurde bekanntgegeben, dass BTF für den US-amerikanischen Streaming-Anbieter Netflix nun auch eine deutsche Serie produzieren wird, Titel: „Don’t try this at home“. Käßbohrer und Matthias Murmann fungieren hier wieder zusammen als Produzenten, Käßbohrer ist zudem neben Sebastian Colley und Stefan Titze einer der Autoren der Serie. • MK

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Wir waren ganz schöne
Technik-Nerds

Ein Gespräch mit Philipp Käßbohrer, Geschäftsführer der Kölner Produktionsfirma BTF

Lutz Hachmeister: Herr Käßbohrer, worin liegt der tiefere Sinn, im 21. Jahrhundert noch eine eigene Firma für Fernsehproduktionen in Deutschland zu gründen, in Köln?

Philipp Käßbohrer: Gute Frage. Wir waren nie in der Situation, nach einem Business Case, einer Marktlücke in der Medienbranche zu suchen, um dann dafür ein Unternehmen zu gründen. Das lief zum Glück viel organischer. Mein Kompagnon Matthias Murmann und ich haben uns am ersten Tag des Studiums an der Kunsthochschule für Medien in Köln kennengelernt und schnell festgestellt, dass wir in der Gruppe stärker sind als alleine. So kamen immer mehr Leute hinzu, größtenteils ebenfalls von der Kunsthochschule. In einem eingespielten Team aus ungefähr acht Leuten haben wir dann an verschiedensten Projekten gearbeitet: Musikvideos, Kurzfilme, Werbespots, Kunstinstallationen. Weil die Kerngruppe stets dieselbe war, entwickelte sich eine Art Handschrift. Ein Stempel. Diesen haben wir dann bereits 2008 auf den Namen Bildundtonfabrik getauft. Die Firma zu gründen, hatte dann eher strukturelle Gründe. Matthias hat Unternehmer in seiner Familie, ich wurde von zwei BWL-Lehrern erzogen. Die waren einerseits alle überrascht, dass man mit diesem Kunst-Quatsch doch irgendwie Geld verdienen kann, haben uns aber auch früh auf unspannende Dinge wie das Arbeits- und Steuerrecht aufmerksam gemacht. Also haben wir beschlossen, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass das für alle Beteiligten ordnungsgemäß läuft.

Und jetzt gibt es hier in Ehrenfeld in der Firma schon rund 100 Leute in verschiedensten Vertragsformen.

Genau. Inzwischen haben wir ungefähr 100 Leute mit Festverträgen. Und natürlich ein großes Netzwerk an Freischaffenden.

Hat man irgendwann das Gefühl: The project runs away with us? Es gibt ja hier in Köln eine weitere unabhängige Firma, die in einer anderen Zeit etwas Ähnliches gemacht hat wie Ihr, Brainpool. Und da sieht man, wie das ausgehen kann. Und dann wird man als Jörg Grabosch auch mal entlassen. Oder es wird versucht, ihn zu entlassen. Geht einem bei solchen Geschichten im Kopf herum, dass man da frühzeitig gegensteuert?

Ein ständiger Wettlauf
mit den Strukturen

Wir sind seit 2012 ziemlich rasant gewachsen. Wir haben uns x-mal geschworen: Jetzt wachsen wir nicht weiter. Dann mussten wir doch nachbesetzen. Die letzten Jahre waren somit ein ständiger Wettlauf mit den Strukturen. Wir können glücklicherweise sagen, dass wir uns nicht haben abhängen lassen. Inzwischen haben wir einen Grad der Professionalisierung erreicht, an dem kaum etwas daran erinnert, dass hier vor ein paar Jahren einige Kunststudenten mehr oder weniger versehentlich ein Medienunternehmen gegründet haben. Wir nehmen uns strukturell und strategisch jedoch ungern andere Firmen zum Vorbild. Das Wichtigste ist, flexibel zu bleiben und unerwartete Veränderungen nicht auszuschließen. Es gibt ja keinen Grund, jetzt einzurasten, sich zurückzulehnen und zu denken: „So kann es bleiben.“ Wir sind eine neue Generation an Medienmachern in einer neuen, extrem unvorhersehbaren und diversifizierten Medienlandschaft. Keiner weiß, wie genau die Mediennutzung und Distribution in zehn Jahren aussieht. Mit „Das haben wir schon immer so gemacht“ werden wir die nächsten zehn Jahre jedenfalls nicht überleben.

Das heißt, die Auftragslage ist so angenehm divers, dass man sagen kann: Wenn ein größerer Auftraggeber wegbricht, gerät die Firma nicht in größere Schwierigkeiten?

Na, ganz so einfach kann man das nicht sagen. Das ist natürlich für jede Firma eine Schwierigkeit, wenn ein größerer Auftraggeber wegbricht. Aber ich glaube, dass die Struktur der Firma, das gute Arbeitsverhältnis mit den Auftraggebern und die große Diversität der Projekte ein stabiles Grundgerüst bilden. Von hundertprozentiger Sicherheit kann man in der Branche nie reden.

Ein sehr beachteter
Tweet von Claus Kleber

Ihr habt die Reportage „Ungleichland“ für den Auftraggeber WDR hergestellt, das ist das erste Produkt der „Docupy“-Reihe. Wie kann man das definieren?

Das ist eigentlich gar nicht so kompliziert, wie es sich auf den ersten Blick anfühlt.

Weil es ein multimediales Projekt ist?

Genau. „Docupy“ ist eine Online-Marke, die wir gemeinsam mit dem WDR erfunden haben, um komplexe dokumentarische Themenschwerpunkte der Reihe „Die Story“ langfristig, aktuell und in der Tiefe online zu begleiten. Die Idee: Wir besetzen ein Thema über ein halbes Jahr hinweg online und im Fernsehen. Diesmal „Ungleichheit“, #Ungleichland, mit der dazugehörigen Doku als Höhepunkt. Die Redaktionen der Online-Inhalte und des Films arbeiten Hand in Hand und befruchten sich so gegenseitig. „Ungleichland“ war im Grunde das Pilotprojekt für diese Art der Verschränkung.

Damit ist die Firma im Herzen des Systems angelangt – mit einer ARD-Primetime-Programmierung und thematisch angehängter Talkshow, Frank Plasbergs „Hart aber fair“. Da könnte man sagen: Bei dem Zustand dieses Systems ist alles, was da landen kann, schon eher suspekt…

Das kann man als erfahrener Systemkritiker natürlich so sehen… Unsere Firma ist grundsätzlich „content driven“. Auch bei diesem Projekt lag uns vor allem das Thema am Herzen. Bisher haben unsere Inhalte eher an den Randbereichen ihren Platz gefunden, da sie auf Zielgruppen mit speziellen Interessen und nicht auf die Mainstream-Masse zugeschnitten sind. Auch die Qualität des „Ungleichland“-Projekts liegt in der Tiefe und Detailverliebtheit, mit der sich das wunderbare Team um Eva Müller in die Recherche und die Herstellung gestürzt hat. Dass die ARD sich entschieden hat, solch eine Produktion auf einen Mainstream-Platz zu heben, hat uns in erster Linie stolz gemacht. Ich hätte mir allerdings lieber 75 Minuten lang unseren Film angeguckt und stattdessen nur 45 Minuten „Hart aber fair“ – aber das sind dann eben die Sehgewohnheiten der Zuschauer in der ARD um 20.15 Uhr. Hätte schlimmer kommen können. RTL um 20.15 Uhr zum Beispiel.

Die Sender haben immer
gerne alles in Kästchen

Es gab zu dem sehr beachteten Film einen Tweet von ZDF-Anchorman Claus Kleber: „Aufregender, anregender Film von einem tollen jungen Team: #Ungleichland am Montag, 7. Mai. Spitzenzeit: 20.15, ARD. Eine der wichtigsten Fragen überhaupt: Gleichheit, Gerechtigkeit. Nah am Leben, ohne Schaum vorm Mund, Klischees auch in Frage stellend. Super-Projekt.“ Das ist auf den ersten Blick ein schönes Lob. Auf der anderen Seite hat man das Gefühl von seltsamer Dankbarkeit: Ach, auch jüngere kreative Leute nehmen uns, ARD und ZDF, überhaupt noch ernst. So habe ich das auch gelesen. Nach dem Motto: Eigentlich wäre das doch eine Selbstverständlichkeit, dass in ARD und ZDF auch mal ein junges Team ein wichtiges Thema bearbeitet – aber dass gleich eine solche Reaktion kommt, könnte einen auch ein bisschen nachdenklich machen, bei allem Stolz auf das eigene Projekt, oder?

Interessante Frage, so habe ich das noch gar nicht gelesen. Das mag auch daran liegen, dass wir es in unserer Binnensicht überhaupt nicht überraschend finden, dass wir als junges Team so etwas wie „Ungleichland“ machen. Wir wissen schon, dass es diese Irritation da draußen gibt. Sie ist eine der großen Herausforderungen für unsere Firma. Die Sender haben immer gerne alles in Kästchen. Für uns stehen aber, wie gesagt, die Inhalte im Vordergrund. Ob daraus am Ende eine Doku wird, eine fiktionale Serie, ein Game oder eine Unterhaltungsshow, ist erst im zweiten Schritt entscheidend. Formell können wir das alles bedienen. Inhaltlich kommt es auf das richtige Team an. Ich muss da Herrn Kleber auch ein bisschen widersprechen. Das „Docupy“-Team ist eine interessante Mischung aus etablierten und frischen Journalistinnen, Journalisten und Medienmachern. Eva Müller, Julia Friedrichs, Fabienne Hurst, Andreas Spinrath, Nora Nagel, Sara Lienemann, Leonie Heling, Michael Schmitt. Ein Team zwischen Anfang 20 und Ende 30, das hervorragend zusammengearbeitet hat. Im besten Sinne divers und heterogen. Ich glaube, das ist keine Frage des Alters.

Ihr Team hat bei der „Republica“, der Berliner Internet-Messe, geschrieben: „Auf Twitter haben wir über zwei Millionen Timelines erreicht, über 14 Millionen Impressions auf Facebook, ein Grund für den Erfolg, so glauben wir: Wir haben uns für eine neue Form der Zusammenarbeit entschieden“ und so weiter. Die Sprache ist doch die gleiche Sprache der Quantifizierung, die diesen Diskurs so merkwürdig und technokratisch macht. Also so und so viele Impressions, so viele Klicks. Das hat mich ein bisschen nachdenklich gemacht, unabhängig vom Gehalt der Dokumentation. Ist es nicht dieselbe Sprache wie von Zuckerberg & Co.?

Oder wie beim konventionellen Quotenfernsehen? Ich kann jetzt nicht mit Sicherheit sagen, von welcher Partei die Aussage stammt. In der Liste der Menschen, die sich bei der „Republica“ zu „Docupy“ geäußert haben, sind ja auch Mitarbeiter des WDR, für die die Reichweite natürlich etwas wichtiger ist als für uns. Um jedoch gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Wir machen unsere Projekte nicht zum Selbstzweck. Uns ist es schon wichtig, dass das möglichst viele Leute sehen. Gerade bei einem inhaltlich anspruchsvollen Projekt wie „Docupy“, das ja alles andere als „snackable“ ist, freut es uns natürlich, wenn wir bei Instagram und Facebook Viralität erzeugen können. Das spricht sowohl für das Projekt als auch für die Menschen, die die Plattformen glücklicherweise nicht ausschließlich nutzen, um ihr Mittagessen zu posten oder Videos zu teilen, auf denen jemand über einen Stock fällt. Das ist doch auch irgendwie beruhigend.

Ich bin froh, dass ich kein
Channel Manager bin

Aber man bedient natürlich Facebook, generiert für die Werbeeinnahmen, was die öffentlich-rechtlichen Anstalten ja auch ständig und ziemlich blind machen. Die haben es bislang nicht geschafft, eigene Plattformen zu gründen, die sicherlich zunächst nicht so groß wären wie Facebook. Eine Harmonisierung der Mediatheken von ARD und ZDF wäre aber keine titanische Aufgabe, um damit etwas mehr Power zu entfalten. Das ist schon ein naives Verhältnis zu den datenkapitalistischen Plattformen.

Definitiv. Ich sehe das ebenfalls mit Sorge, habe darauf aber auch keine schnelle Antwort. Auch, ob es irgendwo da draußen jemanden gibt, der ARD und ZDF zu einer gemeinsamen Online-Strategie bewegen kann, weiß ich nicht. Ganz verteufeln möchte ich diese neuen Kanäle jedoch auch nicht. Wir sind die erste Generation von Medienmachern, die mit der Option des Self-Publishings aufgewachsen ist. Als wir unsere ersten Musikvideos und Kurzfilme gemacht haben, haben wir das einfach ins Internet gestellt und unter Freunden ein bisschen Werbung dafür gemacht. Und dann flog das vielleicht oder eben auch nicht. Das hing hauptsächlich von der Qualität ab. Wenn man sich sehr angestrengt hat und etwas Außer­gewöhnliches gemacht hat, wurde es meist auch häufiger geklickt. Eigentlich ein sympathisches Prinzip. „Content is King“ in Reinform. An den Maßstäben des traditionellen Publishings gemessen, stößt man damit aber natürlich schnell an Grenzen. Es fehlen gute Ideen zur Monetarisierung. Auch das Urheberrecht ist auf diese Art der Verbreitung und Vervielfältigung nicht eingestellt. Das sind dann die Momente, in denen ich froh bin, dass ich kein Publisher oder Channel Manager bin. Aus Produzentensicht ist die Fokussierung auf die Content-Qualität meiner Meinung nach die einzige sinnvolle Strategie, um in Zukunft in der Flut an Inhalten nicht unterzugehen.

Man hat uns erst mal den
Rucksack weggenommen

Die Kölner Kunsthochschule für Medien als Brutstätte der ganzen Geschichte – welche Rolle hat die KHM gespielt? Wäre die Geschichte der Bildundtonfabrik theoretisch auch gelaufen ohne die KHM?

Klares Nein.

Die KHM ist natürlich stolz auf Euch. Ihr seid da jetzt der Werbeträger.

Einerseits. Andererseits. Man schämt sich auch ein kleines bisschen. Ich denke, ein Großteil der aktuellen Studenten verachtet uns dafür, dass wir uns an den Kommerz verkauft haben. Wenn wir beispielsweise Gastvorträge halten oder als Alumni in Seminare eingeladen werden, sind das jetzt nicht unbedingt Straßenfeger. Ich freue mich darüber, weil ich dann weiß, dass sich an der radikalen Grundhaltung der Schule nichts verändert hat. Dieses Selbstbewusstsein, nur sich selbst und seiner Kunst verpflichtet zu sein, ist ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung an der KHM. Dass das später alles anders läuft, lernt man früh genug. Sowohl Matthias als auch ich waren als Jugendliche ganz schöne Technik-Nerds. Wir sind mit der ersten Generation an Mini-DV-Kameras aufgewachsen. Haben damit unsere eigenen Sachen gedreht und am Aldi-PC non-linear zusammengeschnitten. Eigentlich dachte man mit 18, man ist ein einigermaßen fertiger Filmemacher, weil man weiß, wie man dreht und schneidet. Wir kamen dann beide mit einem Rucksack voller Technik an die KHM. Dort hat man uns erst mal den Rucksack weggenommen und gesagt: ‘Denkt mal darüber nach, warum ihr das alles machen wollt, wie eure Haltung dazu ist, was euch bewegt, was euch wirklich interessiert…’ Das war auch ein bisschen hart, weil man gemerkt hat: Okay, mit dem, was ich bisher gemacht habe, komme ich hier nicht weiter. Heute glaube ich, dass uns diese Herangehensweise von anderen Produktionsfirmen unterscheidet.

Schaut man auf die KHM auch weiterhin als Personalreservoir, auf neue Absolventen? Oder ist das inzwischen nicht mehr so wichtig?

Ein Schal, eine Flasche Rotwein
und eine Terrasse in der Toskana

Wir freuen uns immer, wenn jemand von der KHM kommt. Allerdings vermissen wir schon – und jetzt widerspreche ich mir irgendwie selbst – eine echte handwerkliche Ausbildung. Da schließe ich auch alle anderen Filmschulen ein. Gerade Autoren bekommen in Deutschland zu oft das antiquierte Bild vermittelt, dass der Beruf aus einem Schal, einer Flasche Rotwein und einer einsamen Terrasse in der Toskana besteht. Dabei ist gerade das Schreiben ein echtes Handwerk. Erst recht bei der Arbeit in einem Autorenteam. Wenn man auf internationalem Level an Serienstoffen arbeiten möchte, geht es ohne dieses Handwerk nicht. Leider mangelt es in der Branche insgesamt an Wertschätzung für dieses Handwerk. Sowohl bei Regisseuren, Produzenten und Sendern als auch bei den Autoren selbst.

Die Show, Böhmermann und so weiter, alles, was da läuft, ist publizistisch sehr erfolgreich – zumindest in der Zielgruppe. Es gibt trotzdem immer die gleiche Kritik: Ihr seid die Nerds, die das machen dürfen, und das Hauptprogramm wird immer verknöcherter. Nach dem Motto: Es ist die Auslagerung der Kreativität, die eigentlich auch woanders stattfinden müsste. Inwieweit reflektiert man das?

Für uns ist es kein Qualitätskriterium, ob man im Hauptprogramm läuft oder bei ZDFneo. Es gibt eben heutzutage bestimmte Kanäle für bestimmte Menschen. Ich würde ja auch kein Fidget-Spinner-Geschäft in Baden-Baden eröffnen. Man muss sich von der Idee verabschieden, dass alle Menschen über einen einzigen Kanal konsumieren. Wenn bestimmte Gruppen das Hauptprogramm nicht nutzen, weil da im großen und ganzen nichts für sie kommt, kann man für diese Leute einfach einen eigenen Kanal machen. Heutzutage sind Einzelmarken wichtiger als Kanäle.

Es geht dabei aber immer auch um Budgets. Die sind da mal höher und da mal niedriger…

Sicher. Aber auch da tut sich gerade viel. Und es kommt sicherlich noch mehr Bewegung rein, wenn Rundfunkstaatsvertrag und Telemediengesetz es erleichtern, Geld für exklusive Online-Inhalte auszugeben.

Gut, das wird sich ja absehbar mit der üblichen Langsamkeit ändern. Sie schreiben ab und zu in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ die Kolumne „Teletext“. Eine habe ich mal mitgebracht. Da äußern Sie Sympathie für eine Studentenjury, die beim Baden-Badener Fernsehfilmfestival keinen Preis vergeben hat, weil es aus deren Sicht nicht so viel gegeben hat, was wirklich preiswürdig gewesen wäre. Das ist die alte Diskussion über den deutschen Abstand bei der Entwicklung komplexer fiktionaler Stoffe. Wenn Sie eine solche Kolumne schreiben: Wie viel kann man sich als Autor leisten, wenn man gleichzeitig abhängig ist als Produzent für das herkömmliche System, auch vielleicht für die damit verklebten Förderinstitutionen?

Warum so etwas wie
„Toni Erdmann“ passiert

Ach, das ging eigentlich ganz gut. Ich finde es wichtig, auch als Produzent eine starke Haltung zu haben. Trotzdem muss ich gestehen: Ich habe die Kolumne aufgegeben. Es hat wirklich wahnsinnig viel Spaß gemacht, aber im Augenblick passt das einfach nicht in mein Zeitbudget. Vielleicht mache ich das eines Tages wieder. Dann mit Schal, Rotwein und in der Toskana.

Schade, so viele deutsche Produzenten, die ihr Gewerbe angemessen und öffentlich reflektieren können, gibt es ja nicht. Unabhängig davon: Dieser enorme Abstand, der entstanden ist, von zehn, fünfzehn Jahren, würde ich mal sagen, beim komplexen Erzählen im fiktionalen Bereich und bei manchen Dokumentationen auch, wenn man sich anschaut, was die BBC zum Teil macht oder HBO oder jetzt Netflix: Woher kommt das? Die Retardierung der deutschen Produktionswirtschaft, mit den bekannten Ausnahmen? Die wird zwar geringer, man hat jetzt nach zehn Jahren Feuilletonkritik an der mangelnden Erneuerungskraft das Gefühl, es ist was passiert, „Babylon Berlin“, „Bad Banks“, aber das kann immer noch nicht alles sein, wenn man sieht – okay, das sind andere Budgets, das ist ein anderer Sprachraum – aber was Netflix, Hulu und Amazon so monatlich inzwischen in den Markt werfen. Das ist ein Frontalangriff…

…wobei ich finde, dass durch diese wahnsinnige Masse die Qualität auch nachlässt. Da ist auch nicht mehr alles erste Sahne. Aber zurück zum großen Abstand: In Deutschland haben wir das Problem, dass der Markt gerade so groß genug ist, um sich selbst zu tragen. Das ist eine Sondersituation, die so nur ganz wenige andere Länder haben. Japan ist vielleicht vergleichbar. Die sind jedoch auch kulturell abgeschlossener. Deutschland ist ja eigentlich kulturell sehr nah am angloamerikanischen Raum dran. Trotzdem gibt es keinen Grund, über den Tellerrand hinauszuschauen. Das Geld, das man braucht, um den Markt in Bewegung zu halten, reicht schließlich gerade so aus. Beim deutschen Kino zeigt sich das besonders stark. Es gibt gar kein Bestreben, eine typisch deutsche Erzählidentität zu entwickeln, die dann im Ausland besonders wahrgenommen wird. Ich kann mich nicht erinnern, im Ausland jemanden getroffen zu haben, der gesagt hat: „Ich liebe deutsche Filme.“

Gibt ein paar Sachen, „Berliner Schule“…

Ja, vereinzelt. Fassbinder war zum Beispiel auch deswegen so erfolgreich und sensationell, weil er eben sehr, sehr deutsch war. Das sind aber Dinge, die trotz des Systems entstehen. Nicht wegen des Systems. So was wie „Toni Erdmann“ passiert, weil sich eine sehr talentierte Filmemacherin dem System widersetzt. Am Ende klopfen sich trotzdem alle auf die Schulter und sagen: ‘Guck mal, wie gut unser System funktioniert.’ Beim Fernsehen ist das ganz ähnlich. Deutschland ist für sich genommen bereits ein wichtiger Markt. Da reicht es, sich selbst zu bedienen. Andere Länder haben entweder den großen Vorteil – wie zum Beispiel Großbritannien – dass sie automatisch anschlussfähig für den US-Markt sind…

…ist interessant, dass die beiden erfolgreichsten Netflix-Serien, also „House of Cards“ und „The Crown“, Adaptionen klassischer britischer Stoffe sind.

Und in Ländern wie den Niederlanden, Belgien, Dänemark oder Schweden müssen sich die Produzenten von Haus aus viel mehr anstrengen. Da ist es existenziell, über den Tellerrand hinauszuschauen.

Und Frankreich hat noch einmal eine besondere kulturelle Identität, spätestens seit der Nouvelle Vague.

Dort lernt man filmisches Erzählen im Kunstunterricht.

Ihre ökonomische Analyse ist, glaube ich, sehr treffend. Sie hat aber auch gesellschaftspolitische Auswirkungen. Diese Art von Provinzialismus, der da permanent erzeugt wird. Unser Freund Gebhard Henke vom WDR, der jetzt andere Schwierigkeiten hat, hat immer auf Podien gesagt: ‘Was wollt ihr denn? Unsere »Tatorte« sind avanciert im Rahmen des »Rumpelfernsehens« für alle und das reicht im Grunde auch.’ Das führt natürlich zu Lähmungserscheinungen, dass Leute von vornherein in diese vorbereiteten Formate gelotst werden und nur mit äußerster Willenskraft in dem System sich mit neuen Dingen beschäftigen. Und das ist, glaube ich, anschlussfähig an diesen neuen Heimatdiskurs. Wir bewegen uns in einer noch befriedeten Gesellschaft, die solche Dinge schätzt, alles andere wird als Aberration betrachtet. Das ist kein guter Zustand.

Mittelmäßig mutige Kunst-
„Tatorte“ und die Regietalente

Das ist kein guter Zustand, wirklich nicht. Ich vermute sogar, dass diese mittelmäßig mutigen Kunst-„Tatorte“ das ein oder andere Regietalent auf dem Gewissen haben. Zum Glück wird das System gerade unweigerlich von außen herausgefordert. Durch Netflix, Amazon & Co. ist der deutsche Content-Raum eben nicht mehr abgeschlossen. Diese Partner erwarten, dass man über die Landesgrenzen hinaus denkt. Die Serien werden in 15 Sprachen übersetzt. Zudem ist es durch diese globale Verfügbarkeit für die deutschen Sender schwerer geworden, Programm aus dem Ausland nachzuahmen. Heutzutage nimmt einem das Publikum sowas übel. Oder zumindest das Feuilleton. Immerhin. Es wurde ja jahrzehntelang Programm gemacht nach dem Motto: ‘Hat das schon mal irgendwo funktioniert? Können wir das adaptieren?’ Das war nicht sehr innovationsfördernd.

Und eben auch politisch gefährlich, weil so ein Zustand der Grundsatisfaktion mit dem System entsteht, obwohl man weiß, dass es brüchig ist. Und dann ist man auf einmal verblüfft angesichts neuer oder vielleicht auch ganz alter gesellschaftlicher Zerwürfnisse… Wie sieht eigentlich die Zusammenarbeit der Bildundtonfabrik mit Pro Sieben, RTL, Vox etc. aus? Das ist ja nochmal ein eigener Markt, das gute alte Privatfernsehen.

Wir haben uns schon häufiger mal nach rechts „geswiped“, bisher hatten wir allerdings noch kein Match. Zumindest nicht auf der Vollauftragsebene. Für Pro Sieben haben wir zum Beispiel rein gestalterisch ein paar tolle Projekte gemacht. Bei „Die beste Show der Welt“ von Joko und Klaas ist beispielsweise so ziemlich alles Visuelle von uns. Studio, Szenenbild, Grafiken, Vorspann, Kostüm et cetera. Die Gestaltungsabteilung und die Postproduktion sind bei uns fast sowas wie eine kleine Firma in der Firma. Kreativ angeleitet von unserem Creative Director Julian Schleef. Ebenfalls ein Emporkömmling der KHM und sicher einer der fähigsten Gestalter des Landes. Bei ausgewählten Projekten arbeiten wir mit diesem Team auch als Dienstleister oder Koproduzent. Das sind wertvolle handwerkliche Erfahrungen für Teile unseres Teams, aus denen wir viel schöpfen, wenn es wiederum um eigene Produktionen geht.

Lassen Sie uns noch über „Böhmermann“ als Projekt sprechen. Es ist multimedial, sehr präsent in den Social Networks, es gibt zum Beispiel diesen effektvollen Twitter-Account. Wer bedient den eigentlich? Müssen ja mehrere machen, nicht nur er, oder?

Welchen? Den von Jan Böhmermann? Den macht Jan Böhmermann selber.

Aber das kann er doch nicht alles alleine machen?

Na gut. Sein Lebensgefährte hat meines Wissens auch einen Zugang. Der schreibt dann aber mit einem Kürzel.

„Reconquista Internet“, das neueste Böhmermann-Projekt, ist durchaus heftiger kritisiert worden, etwa von dem Medienkritiker Stefan Niggemeier, von Jochen Bittner von der „Zeit“ oder vom „Spiegel“. Die sagen im Grunde, da werden in alter Manier Proskriptionslisten erstellt, nur im Namen des vorgeblich Guten und Schönen…

Der Betrachter muss
die Lücken selbst füllen

Es ist doch wunderbar, dass wir hier nicht alle einer Meinung sind. Somit entsteht Raum für Diskurs. Es gibt ein wunderbares Zitat von meinem Lieblingskünstler Marcel Duchamp: „Die Kunst ist nicht das, was man sieht; sie ist in den Lücken. – Es ist der Betrachter, der diese füllen muss.“ Das mag jetzt vielleicht wie eine Ausrede klingen, wir halten es mit unseren Arbeiten jedoch genau so. Es ist nicht unsere Aufgabe, dem Zuschauer vorzuschreiben, was er in den Lücken zu finden hat. Unseren Beitrag zur Debatte über die populistischen Möglichkeiten des Netzes kann bzw. sollte man sich in der ZDF-Mediathek oder auf YouTube ansehen und sich dann eine eigene Meinung machen.

Vielleicht sollte man es gar nicht befeuern oder entzerren, sondern sich einfach mal raushalten. Die Guerilla-Strategie sah ja schon mal, historisch gesehen, anders aus.

Auch hier sind wir nicht einer Meinung.

Man nimmt es damit auch sehr wichtig…

Es ist ja auch sehr wichtig. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema ist überfällig. Der steigenden Bedeutung des Netzes ist nur durch Medienkompetenz beizukommen. Natürlich braucht es auch Regeln und Gesetze. Aber eine rote Ampel alleine reicht eben nicht, um im Straßenverkehr zu überleben. Man muss schon auch selbst wissen, wie gefährlich es ist, in ein fahrendes Auto hineinzulaufen. Und wenn man mündige Bürger haben möchte, dann muss man eben auch Diskurs aushalten. Für diejenigen, die das zu anstrengend finden, gibt es ja zum Glück noch andere Künstler. Matthias Schweighöfer zum Beispiel.

Sie gehören der ersten Generation an, von der die Wucht dieses Übermediums, des Netzes, voll erlebt worden ist, mit dem Prozess einer großen Enttäuschung. Es gab die Piratenpartei, die in Umfragen mal bei zehn Prozent lag. Jetzt ist die AfD im Bundestag und nutzt die „sozialen Netzwerke“ brutal und dieses mit vielen Hoffnungen versehene Medium ist zu dem geworden, was es ist – und gegen dessen Zustand Sie jetzt vorgehen wollen. War das für Sie auch persönlich eine Ernüchterung? Oder haben Sie von Anfang an gedacht, der Kapitalismus funktioniert eben so, solange das Medium kapitalistisch fundiert ist, wird es so funktionieren in einer höheren quantitativen Ausprägung, wie alle bisherigen anderen Netzwerke und Infrastrukturen auch?

Von der digitalen Völkerverständigung
ist nicht mehr viel übrig

Sicher bin ich enttäuscht. Das mag naiv klingen, aber spätestens beim sogenannten arabischen Frühling hatte ich das Gefühl, dass dieses Tool die Welt verändern kann. Und zwar zum Guten. Menschen können sich über Grenzen und Regierungen hinaus miteinander vernetzen. Darin liegt doch was. Acht Jahre später ist von diesem Gefühl der globalen Transparenz, der digitalen Völkerverständigung nicht mehr viel übrig. Microtargeting, also das Individualisieren von Inhalt und Information, ist vor allem für diejenigen interessant, die die Gesellschaft spalten wollen. Und blöderweise nutzen die es auch am effektivsten. Der einsame Nazi aus dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, bekommt plötzlich das Gefühl, dass er Teil einer Massenbewegung ist. Das ist eine Verzerrung, gegen die man ruhig mal auf die Straße gehen kann. Auch im Internet.

Das ersetzt eben keine konsistente Medienpolitik, die es hier nicht gibt. Niemand kümmert sich mehr darum. Dann kommt mal ein drittrangiger Vertreter von Facebook zu Frau Barley oder so. Da müsste eigentlich im Bereich der operativen Politik viel mehr passieren. Die Ministerpräsidenten, die sich auch nicht mehr richtig zuständig fühlen, lassen es einfach alles so laufen.

Ich vermute trotzdem, dass wir die freieste Zeit im Internet hinter uns haben. Das war die letzten 20 Jahre ein bisschen so, wie bei der Entdeckung Amerikas. Schön, dass man tun und lassen konnte, was man wollte, bis irgendwer gesagt hat, komm, lass uns die Ureinwohner umbringen. Das ist dann eben eine Scheißidee. Also müssen neue Gesetze her. Und die alten müssen schleunigst auf die neue Welt angepasst werden.

Verbreitet unter Benutzung von
elektromagnetischen Schwingungen

Und wenn jetzt Frau Weidel sagt, wir setzen darauf, dass die Leute demnächst AfD schauen statt ARD – guter Punch. Die wollen so eine Art eigenen Kanal machen, das ist eine klare Kriegserklärung. Und im Moment können sie es machen. Es gibt dafür keine Regulierung. So war das Internet eben auch gedacht, am Anfang.

Selbst die Bundesregierung nutzt diese Gesetzeslücken und zeigt beispielsweise regelmäßig Merkels Video-Podcast, in dem sie sich von ausgesuchten Personen und nicht von Journalisten interviewen lässt. Auch diese Form von Staatsfernsehen ist so eigentlich nicht gedacht, wird jedoch formell vom Rundfunkstaatsvertrag nicht erfasst. Nach aktueller Gesetzeslage darf man das also. Fragt sich nur, wer dafür zuständig wäre, die Gesetze zu ändern? Laut Rundfunkstaatsvertrag ist es nur dann Rundfunk, wenn etwas linear entlang eines Sendeplans unter Benutzung von elektromagnetischen Schwingungen verbreitet wird. Ich denke, das sollte dringend überarbeitet werden.

Und noch ganz zum Schluss: Dieses „Printo“-Projekt, das ich ja ziemlich genial fand – also die Aktion gegen die Inhalte von „Spiegel“-„Bento“ –, ist das mit öffentlich-rechtlichen Mitteln gedruckt worden? Das hieße ja: presseähnlich – und wäre damit verboten…

Nein, ich versichere Ihnen, das hat die Produktionsfirma aus der Kriegskasse bezahlt.

28.11.2018/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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