Neue App des WDR: Zeitzeugen erinnern an die Schrecken der NS‑Zeit

10.03.2019 •

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hat eine neue App bereitgestellt, mit der vor allem Schülern die Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs nahegebracht werden soll, und zwar durch Erzählungen von Zeitzeugen. „WDR AR 1933-1945“ heißt die App, die mit der „Augmented-Reality“-Technik konzipiert wurde (daher die Abkürzung „AR“ im Namen der App). Bei Augmented Reality, was sich als „erweiterte Realität“ übersetzen lässt, wird die reale Welt um eine digitale Ebene ergänzt: Virtuelle Bilder, Hologramme oder Zusatzinformationen können so in reale Räume integriert werden. Die neue App stellte der WDR am 18. Februar in Köln vor und damit einen Tag vor Beginn der Bildungsmesse Didacta 2019, die vom 19. bis 23. Februar in Köln stattfand und sich unter anderem an Schulen richtet. Für mobile Endgeräte (Smartphones und Tablets) mit dem iOS-Betriebssystem von Apple ist die kostenfreie App nun verfügbar. Eine Android-Version soll Mitte März veröffentlicht werden.

Seit Jahrzehnten kommen Zeitzeugen der NS-Zeit in die Schulen und erzählen von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, vom Nationalsozialismus und von der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Doch mittlerweile, 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, gibt es immer weniger Überlebende, die aus eigener Erfahrung über die Nazi-Zeit berichten können. Das war der Anlass für den WDR, die „Augmented-Reality“-App zu entwickeln, damit sich Schüler künftig mithilfe dieser App Zeitzeugen in quasi lebendiger Form in den Klassenraum oder ins eigene Zimmer holen können. Die Zeitzeugen sind dann als ‘Hologramme’ dreidimensional präsent und erzählen von ihren Erfahrungen und Erinnerungen.

Das darf nie wieder passieren!“

„Wir dürfen nicht vergessen, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist und welches Leid der Krieg den Menschen bringt“, erklärte WDR-Intendant Tom Buhrow anlässlich der Vorstellung der App. „Unsere Aufgabe ist es“, so Buhrow, „diese Erinnerung auch in Zukunft wachzuhalten. Mit modernster Technologie holt der WDR Zeitzeugen in Wohn- und Klassenzimmer – und macht diesen Teil unserer Geschichte auch für die nachfolgenden Generationen erfahrbar.“

Die App „WDR AR 1933-1945“ wurde laut Senderangaben von einem Team aus Dokumentarfilmern, Grafikern, Programmierern und Redaktionsmitgliedern gemeinsam entwickelt und produziert. Zum Team gehörten Mitarbeiter des Medienfachbereichs ‘Mixed Reality und Visualisierung’ der Hochschule Düsseldorf, der Firma LAVAlabs Moving Images (Düsseldorf) und der WDR-Redaktion ‘Doku & Digital’. Die Mitglieder des Teams reisten unter anderem nach London und Sankt Petersburg, um Zeitzeugen zum Bombenkrieg gegen England und zur Einkesselung der damaligen Stadt Leningrad zu befragen.

Maik Bialk, Leiter der Redaktion ‘Doku & Digital’, hält die Schulen für den geeignetsten Ort, um die App einzusetzen. Für den Schulunterricht wurden zusätzlich Begleitmaterialien konzipiert, und zwar in Zusammenarbeit mit der Redaktion ‘Planet Schule’, die das gemeinsame Schulfernsehangebot von WDR und Südwestrundfunk (SWR) verantwortet. In einer Einführungsphase zu der neuen App sollen WDR-Mitarbeiter auch Schulen besuchen und beraten. Außerdem ist der Sender mit dem nordrhein-westfälischen Schulministerium im Gespräch.

Über die App „WDR AR 1933-1945“ sind nun die Geschichten von drei Zeitzeuginnen abrufbar, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt haben. Weiteres soll in den kommenden Monaten veröffentlicht werden – darunter Gespräche mit zwei Freundinnen von Anne Frank. Interviews wurden auch mit Männern geführt. Doch am Ende seien die Gespräche mit den drei Frauen ausgewählt worden, sagte Bialk: „Die Frauen konnten besser erzählen. Sie erinnerten sich an mehr Details, was für die App ganz wichtig war. Bei den Frauen bekamen die Sachen einen Geruch. Natürlich tragen es die Männer genauso in sich, sie konnten es nur nicht so nach außen tragen.“

Die 1930 geborene Kölnerin Anne Priller-Rauschenberg etwa erzählt von der Angst der Kinder im Bunker während der Luftangriffe der Alliierten. „Meine Geschichte, die darf nicht verlorengehen. Ich sag’ den Kindern immer: Seid wachsam, das darf nie wieder passieren!“, mahnt Priller-Rauschenberg, die bereits seit langer Zeit in Schulen geht, um über die Schrecken der NS-Zeit zu berichten. Sie habe, so der WDR, keinen Moment gezögert, sich an dem Zeitzeugen-Projekt des Senders zu beteiligen.

10.03.2019 – vn/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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