Filme entdecken

Aus der Arbeit der Grimme-Nominierungskommission „Information und Kultur“

Von René Martens
25.02.2019 •

Die Nominierungen für den diesjährigen Grimme-Preis wurden am 17. Januar bekanntgegeben (vgl. MK-Meldung). Über die Auszeichnungen haben vier Jury zu entscheiden, in den Kategorien „Fiktion“, „Information und Kultur“, „Unterhaltung“ sowie „Kinder und Jugend“. In der Vorstufe wählen ebenfalls vier Kommissionen aus, welche Sendungen und Personen für den Wettbewerb und damit für die Sichtung durch die jeweilige Jury nominiert werden. MK-Autor René Martens war Mitglied der Nominierungskommission „Information und Kultur“ und berichtet im folgenden Artikel über deren Arbeit. Wer in diesem Jahr die Grimme-Auszeichnungen erhält, wird am 26. Februar auf einer Pressekonferenz in Essen bekanntgegeben. Die Preisverleihung ist am 5. April im Stadttheater von Marl. • MK

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Ist es vorstellbar, dass in einer Fernsehdokumentation über die Jagd auf Steuersünder plötzlich ein Tiger zu sehen ist, gleich darauf ein paar seiner Beutetiere in spe und schließlich auch noch Fische unter Wasser? Bei ZDFinfo kam man im vergangenen Jahr bei der Produktion „Macht und Machenschaften – Milliardengeschäft Steuerhinterziehung“ tatsächlich auf diese Idee. Weil es in dem Film um „Jäger und Gejagte“ und um „Geldströme“ geht, dachte man offensichtlich, dass für Zuschauer, die sich unter diesen Begriffen überhaupt nichts vorstellen können, Bilder aus Fauna und Wasserwelt irgendwie hilfreich wären.

Derart tief in die Abgründe des deutschen Informationsfernsehens zu schauen, gehört zu den Privilegien, die man als Mitglied der Nominierungskommission „Information und Kultur“ des Grimme-Preises hat. Der Begriff „Privileg“ ist in diesem Kontext gar nicht ironisch gemeint. Wer dieser Kommission angehört, bekommt einen Überblick über das deutsche Informations- und Dokumentarfernsehen, der in der Branche sonst nur wenigen vergönnt sein dürfte. Für das zurückliegende Wettbewerbsjahr sichtete das siebenköpfige Gremium an dreimal fünf Tagen rund 400 Einreichungen von Sendern, Produktionsfirmen und Zuschauern – ähnlich viel wie in den vorangegangenen Jahren.

Für den Drogenbeauftragten des ZDF

Als noch etwas verrückter als die Tierfilmbilder in der Steuerhinterziehungs-Dokumentation erwies sich ein Film mit dem Titel „Die dreistesten Fake News der Geschichte“. Er gehört zur dritten Staffel der ZDFneo-Reihe „Die glorreichen 10 – Die größten Wendepunkte der deutschen Geschichte“. Die Kommission sah sich hier mit einem sinnfreien Kuddelmuddel konfrontiert: Der Obertitel der Reihe und der Titel des Einzelfilms passten nicht zusammen – inwiefern sind besonders „dreiste“ Fake News „glorreich“? –, und der Umgang mit dem Begriff „Fake News“ stellte sich als hemdsärmelig bis hanebüchen heraus. Unter „Fake News“ subsumierte man hier auch „eine der größten Urkundenfälschungen aller Zeiten“, nämlich das Privilegium Maius aus dem Mittelalter, packte noch ein paar unfreiwillig komische Laientheater-Spielszenen in diese Passage und ließ dazu Musik von Coolio („Gangster’s Paradise“) und Depeche Mode („Just can’t get enough“) laufen.

Man kann nur hoffen, dass der Drogenbeauftragte des ZDF (falls es einen gibt) diesen Film gesehen hat, anderen Personen ist er eigentlich auch nicht zuzumuten. Unterboten wurden „Die dreistesten Fake News der Geschichte“ nur noch durch vom Pro-Sieben-Magazin „Galileo“ gelieferten Beitrag „10 Fragen an einen verurteilten Mörder“. Darin geht es um einen Mann, der 19 Jahre lang im Gefängnis gesessen hat. Eine der an ihn gestellten Fragen lautete: „Einen Menschen erschießen – sag mal: Geht’s noch?“

Das weitaus angenehmere Privileg eines Grimme-Kommissionsmitglied ist es, Filme zu entdecken, die im Fernsehalltag wenig Aufmerksamkeit bekommen. Dokumentations- und Dokumentarfilmautoren beklagen ja regelmäßig, dass die Sender gerade für die besonders relevanten Filme zu wenig werben. Die Auswahl, die die Nominierungskommission „Information und Kultur“ in jedem Jahr trifft, kann da zumindest ein kleines Gegengewicht sein. Pro Wettbewerbsjahr kann diese Kommission bis zu 23 Einreichungen nominieren: 18 Einzelfilme und Mehrteiler, zwei Produktionen in der Rubrik „Spezial“ und drei in der Rubrik „Besondere journalistische Leistung“. Allein im Bereich Einzelstücke und Mehrteiler gelangten dieses Mal 59 Produktionen in die zweite Abstimmungsrunde und 27 – etwas mehr als sonst, nicht zuletzt dank einer größeren Breite in der Spitze – in die entscheidende dritte.

Zu den Entdeckungen gehörte im abgelaufenen Wettbewerbsjahr der Film „Bella Palanka“ aus der 3sat-Reihe „Ab 18!“. Regisseurin Johanna Bentz rückt hier einen bisher wenig beachteten Aspekt aus dem Themenkomplex Migration/Remigration ins Blickfeld: Sie erzählt die Geschichte eines in Serbien geborenen und in Deutschland aufgewachsenen jungen Mannes, der in sein Herkunftsland abgeschoben wurde, nachdem er mehrfach straffällig geworden war. Die Kommission schrieb in einer Kurzbegründung für die Jury, Bentz werfe hier einen Blick auf eine „aus der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit“ herausgeratene Personengruppe und zeichne „den tristen Alltag von Menschen nach, die sich mit wenig Perspektive in einem fremd gewordenen Herkunftsland neu zurechtfinden müssen“.

Bewusstmachung eines verdrängten Themas

Aus anderen Gründen als Entdeckung bezeichnen kann man Dirk Schneiders im Dritten Programm MDR Fernsehen gesendete Dokumentation „Bischofferode – Das Treuhand-Trauma“. Der 90-minütige Film rekapituliert die Schließung eines wirtschaftlich gesunden Bergwerks und den öffentlichkeitswirksamen Protest, der in einem Hungerstreik der Betroffenen seinen Höhepunkt fand. Kommissionsmitgliedern, die alt genug sind, um die in der Dokumentation beschriebenen Vorfälle aus dem Sommer 1993 als Nachrichtenseher bewusst miterlebt zu haben, wurde klar, dass sie dieses Thema, das die jüngere Geschichte Ostdeutschlands geprägt hat, verdrängt hatten.

Als innenpolitisch relevantester Film des TV-Jahrgangs 2018 erwies sich das Stück „Am rechten Rand“ (ARD/MDR/NDR) aus der Reihe „Die Story im Ersten“. Es handelt sich hier um die beste Reportage, die bisher im deutschen Fernsehen über die AfD zu sehen war. Auf wohltuend nüchterne Weise beleuchten in ihrem Film Jana Merkel und Michael Richter die Verflechtungen zwischen der AfD und diversen noch weiter rechts angesiedelten Gruppierungen. Der Beitrag ist frei von der in vergleichbaren Filmen zum Ausdruck kommenden Angstlust („Ist die AfD eine Gefahr für unsere Demokratie?“ oder ähnliches), das Autorenduo hat genau den richtigen Ton gefunden.

In der Rubrik „Besondere journalistische Leistung“ kamen zwei der folgenreichsten Recherchen des Jahres 2018 nicht zum Zuge für eine Grimme-Nominierung. Das Politikmagazin „Kontraste“ (ARD/RBB) hatte mit zwei Filmen entscheidend dazu beigetragen, dass die brandenburgische Gesundheitsministerin Diana Golze (Die Linke) zurücktreten musste. Im Kern geht es dabei um den Import von in Griechenland gestohlenen und durch fehlerhafte Lagerung möglicherweise wirkungslos gewordenen Krebsmedikamenten, eine Straftat, gegen die die zuständige Aufsichtsbehörde in Brandenburg nicht oder nur sehr unzureichend vorgegangen war.

Wenn Journalisten sich selbst in den Vordergrund spielen

An den beiden „Kontraste“-Beiträgen dazu ließen sich indes viele formale Schwächen festmachen, wie sie sowohl für Politmagazine als auch für längere Filme charakteristisch sind. Störend ist, um ein markantes Beispiel anzuführen, dass die beteiligten Journalisten hier zu oft selbst im Bild sind. Mal sieht man sie am Schreibtisch beim wichtigtuerischen Durcharbeiten von Dokumenten, mal sieht man eine Autorin auf dem Bürgersteig vor einer Gebäudefront, offenbar auf der Suche nach einer Hausnummer oder einem Firmenschild. Das tut alles nichts zur Sache und hat für den Beitrag keinerlei dramaturgischen Wert.

Auch bei der ausführlich diskutierten Dokumentation „Jahrhundertcoup: Angriff auf Europas Steuerzahler“, die als monothematische Sendung des Magazins „Panorama“ (ARD/NDR) zu sehen war, ließ nach Ansicht der großen Mehrheit der Kommission die Umsetzung zu wünschen übrig. Die beiden Hauptautoren Oliver Schröm und Christian Salewski hatten sich für die Recherche Tarnidentitäten zugelegt, sie gaben sich als sehr reiches Bruderpaar aus und vernetzten sich in den schummrigen Regionen der internationalen Finanzwelt, um ein Treffen mit einem Londoner Investmentbanker zu arrangieren – und mit ihm dann Scheinverhandlungen zu führen, die beweisen sollten, dass die Finanzbranche weiterhin kriminelle Deals im Angebot hat, deren Zweck der Raub von Steuergeldern ist. Die Nominierungskommission fand es nicht zielführend, dass sich die Autoren der Geschichte in den Vordergrund spielten. Das führe eher vom eigentlichen Thema weg, betonte ein Mitglied unserer Kommission.

Relevante fernsehjournalistische Arbeiten von „Monitor“

Über eine Nominierung bei der „Besonderen journalistischen Leistung“ durften sich dagegen Shafagh Laghai und Nikolaus Steiner aus dem Team des Politikmagazins „Monitor“ (ARD/WDR) freuen. Sie wurden von der Kommission stellvertretend für die Arbeit der gesamten Redaktion gewürdigt. Laghais und Steiners Berichte von den zentralen, aber sonst in den Medien nur ungenügend berücksichtigten Schauplätzen der Migration in Nord- und Westafrika gehören zu relevantesten fernsehjournalistischen Arbeiten zum Thema Flucht und Migration im Jahr 2018. Ob es nun um die Folgen der EU-Handelspolitik geht, um die Nachfrage, was eigentlich aus dem Einsatz der Bundeswehr in Mali geworden ist, um die Frage, wie es der Bevölkerung vor Ort ergeht, um die Hoffnungslosigkeit jener, die sogar ein zweites Mal versuchen wollen, nach Europa zu kommen, oder um jene Menschen, die auf der Flucht in der Wüste sterben – hier wurden zahlreiche hochrelevante Teilaspekte berücksichtigt.

Shafagh Laghai war in der beim Grimme-Wettbewerb 2016 eingeführten Rubrik „Besondere journalistische Leistung“ bereits 2017 nominiert worden (damals noch für ihre Arbeit als Korrespondentin aus Zentralafrika), die Redaktion von „Monitor“ ebenfalls. Und auch die von uns für ihre – wie es in der Begründung für die Jury hieß – „präzise Sprache, ihre klare Formulierungskunst und ihre eindeutige journalistische Haltung“ nominierte WDR-Journalistin Isabel Schayani ragte 2018 nicht zum ersten Mal heraus, sie steht jetzt bereits zum zweiten Mal in Folge auf der Shortlist für den Grimme-Preis.

Die meiste Diskussionszeit in Anspruch nahm in unseren Kommissionssitzungen im abgelaufenen Wettbewerbsjahr die dokumentarische, auf sogenannten Ego-Dokumenten (Tagebüchern und ähnlichem) basierende Serie „Krieg der Träume“ (Arte/ARD; vgl. hierzu diesen MK-Artikel). Zunächst mussten wir uns mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Nominierungskommission „Fiktion“ darüber verständigen, welches der beiden Gremien für diesen aufwendigen Mehrteiler über die Zwischenkriegszeit in Europa überhaupt zuständig ist. Die Diskussion war unter anderem deshalb notwendig geworden, weil „Krieg der Träume“ zu einem weit überwiegenden Teil aus Spielszenen besteht – und die Macher dieser internationalen Koproduktion auch keinen Hehl daraus machten, dass es ihre Absicht gewesen sei, beim Zuschauer eine Sehintensität zu erzeugen, die der einer fiktionalen Serie so nah wie möglich komme. Was seinen Ausdruck auch darin fand, dass die Produktion als „dokumentarische Dramaserie“ klassifiziert wurde.

Geschichtliches zwischen Realität und Fiktion

Eine Besonderheit von „Krieg der Träume“ besteht darin, dass der Zuschauer hier verfolgen kann, wie Menschen ihre eigene Geschichte gerade erleben, ohne zu wissen, wie es weitergeht – und ohne dass es jemanden gibt, der das Geschehen aus heutiger Sicht bewertet oder interpretiert. Die Mitglieder beider Gremien votierten schließlich mit 12:2 dafür, dass „Krieg der Träume“ in die Zuständigkeit der Kommission „Information und Kultur“ fällt – unter anderem deshalb, weil, etwa im Unterschied zu sogenannten Biopics, bei denen ja auch die Lebensgeschichten realer Personen in Szene gesetzt werden, die Autoren des Mehrteilers die Figuren nicht in dem Maße entwickeln, wie es in einem fiktionalen Werk üblich ist. Absehbar ist, dass es auch in den kommenden Jahren Filme aus dem immer vielfältiger werdenden Genre Doku-Drama geben wird, bei denen man etwas ausführlicher darüber diskutieren muss, in welche Grimme-Preis-Kategorie sie gehören.

Kein Mitglied unserer Kommission war der Meinung, „Krieg der Träume“ sei komplett gelungen, im Gegenteil. Dennoch votierte die Gruppe am Ende knapp für eine Nominierung – mit der Begründung, dass es sich hier um zumindest teilweise neuartiges Geschichtsfernsehen handele und dass es angesichts der Diskussionen, die dieses Großprojekt zumindest in der Nischenöffentlichkeit ausgelöst hatte, sinnvoll sei, „Krieg der Träume“ im Grimme-Gremiendiskurs zu belassen und damit der notwendigen Fachdebatte weitere Impulse zu ermöglichen.

Auch klassisches Geschichtsfernsehen kam bei den Nominierungen zum Zuge. In der Dokumentation „Todeszug in die Freiheit“, vom Bayerischen Rundfunk (BR) für den Programmplatz „Geschichte im Ersten“ zugeliefert, beweisen Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler, dass sich zum Thema Nationalsozialismus weiterhin Neues recherchieren lässt. Das Thema von „Todeszug in die Freiheit“ ist eine singuläre Hilfsaktion für Insassen des Konzentrationslagers Flossenbürg (Bayern). Symptomatisch in diesem Fall der Erstausstrahlungstermin: Weil die ARD-Programmdirektion an jenem Tag aus aktuellen Gründen das Programm änderte, lief der 45-minütige Film nicht zum vorgesehenen, ohnehin späten Zeitpunkt um 23.30 Uhr, sondern erst um 23.50 Uhr.

Bei der Auswahl, die wir am Ende zur Nominierung für den Grimme-Preis trafen, haben wir auch berücksichtigt, dass Informations- und Kulturfernsehen für die meisten Zuschauer vor allem aus kurzen Beiträgen besteht: Rechnung getragen haben wir diesem Umstand mit den Nominierungen von „Bauhausfrauen: Die vergessenen Pionierinnen einer Kunstbewegung“ – eine dreiteilige Reihe von Nico Weber für das 3sat-Magazin „Kulturzeit“ – und eines besonders gelungenen kurzen Erklärstücks des ARD-Wettermanns Karsten Schwanke (WDR) zu den Folgen des Klimawandels.

Das Nachsehen hatten mehrere Grimme-Preisträger

Trotz einer ausgeklügelten Mischung im Nominierungskontingent stellt sich am Ende immer die Frage: Fehlt möglicherweise doch ein wichtiges Thema? Ist eine bestimmte programmliche „Farbe“, um es neumodisch zu formulieren, unterrepräsentiert? Das Nachsehen hatten mehrere Grimme-Preisträger, die 2018 wieder mit durchaus starken Filmen am Start waren. Die vom ZDF skandalöserweise im Nachtprogramm versteckte Reportage „Im Land der Taliban“ von Ashwin Raman (Preisträger 2017) war 2018 der Pflichtfilm für alle Zeitgenossen, die die Ansicht vertreten, Afghanistan (oder auch nur ein Teil davon) sei „sicher“. Rosa Hannah Ziegler (Preisträgerin 2018) war gut im Rennen mit „Familienleben“ (NDR Fernsehen; vgl. MK-Kritik), dem singulären Porträt einer sachsen-anhaltinischen Patchwork-Familie, die weiter am Rand der Gesellschaft lebt als jene, die heute gern mit dem Modeadjektiv „abgehängt“ belegt werden. Und „Denk ich an der Deutschland in der Nacht“ von Romuald Karmakar (Preisträger 2002), ein Film über fünf Protagonisten der elektronischen Musik, war dank seiner inhaltlichen wie filmischen Kompromisslosigkeit nach „Krieg der Träume“ die am meisten diskutierte und dann doch nicht nominierte Produktion.

Als im Vergleich zu den Vorjahren relativ schwach erwiesen sich dagegen die 2018er-Staffeln der Nachwuchsreihen „Junger Dokumentarfilm“ (SWR Fernsehen) und „Ab 18!“ (3sat). Der aus letzterer Reihe bereits erwähnte Film „Bella Palanka“ war der beste Film aus diesem Bereich.

Welche grundsätzlichen Schwächen lassen sich benennen? Der Missmut über zu viele abgedroschene Formulierungen war in der Nominierungskommission auch in diesem Jahr wieder zu spüren. Gefeit gegen Phrasen ist keiner von uns. Es ist allerdings nur schwer zu rechtfertigen, dass sich in Filmen, die nicht unter tagesaktuellem Hochdruck entstehen, sondern an denen mehrere Monate lang gearbeitet wird, PR-nahe Formulierungen finden à la „Sie versteht ihren Beruf als Berufung“, „Er ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ oder „Für seine Leidenschaft ging er an seine Grenzen – und über sie hinaus.“

Wenn eine Filmreise in „Hundedeutschland“ startet

Als zählebig erweist sich auch die Marotte, zu Beginn eines Films betonen zu müssen, dass man viel unterwegs war. „Wir starten unsere Reise in…“ oder „Unsere Reise beginnt in…“, so lauten entsprechende Formulierungen. Ein neues, nicht für möglich gehaltenes Niveau in diesem Bereich markierte die im Rahmen der Reihe „Die Story im Ersten“ gesendete Reportage „Wie gefährlich sind Kampfhunde?“ (ARD/Radio Bremen) mit dem Satz „Wir starten unsere Reise durch Hundedeutschland in Hannover.“

Der Titel dieser Dokumentation („Wie gefährlich sind Kampfhunde?“) steht noch für eine weitere Unsitte – für den Trend zu „Wie“-Fragen, die eigentlich keine Fragen sind. Ein weiteres Beispiel: Zu Beginn der Dokumentation „Pendler-Frust im Norden“, gezeigt im Dritten Programm NDR Fernsehen im Rahmen der Reihe „45min“, lautete eine Frage: „Wie sehr beeinflusst Pendeln das Leben?“ „Sehr!“, rief daraufhin ein Kommissionsmitglied in die Runde. So etwas passierte in der letzten Sitzungswoche öfter.

Das Jahr 2018 steht somit auch dafür, dass die berüchtigten „Wie“-Fragen aus Interviews mit Sportlern – „Wie sehr schmerzt diese Niederlage?“, „Wie glücklich sind Sie über diesen Sieg?“ – in den dokumentarischen Bereich Einzug gehalten haben. Gewiss, die Frage kann in einem journalistischen Beitrag grundsätzlich ein wichtiges Stilmittel sein. Aber im TV-Reportage- und Dokumentationsgenre scheint sie auf den Hund gekommen zu sein. Beziehungsweise: auf den Kampfhund.

25.02.2019/MK

Print-Ausgabe 10/2019

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