Framing-Papier der ARD: „Unser gemeinsamer, freier Rundfunk“

06.03.2019 •

„Ich werde natürlich in einen dieser Workshops gehen – mir aber mit Sicherheit nie vorschreiben lassen, was ich zu sagen habe.“ Mit diesen Worten kommentierte Tom Buhrow, Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR), im Interview mit dem „Handelsblatt“ (Ausgabe vom 25. Februar) die tagelange öffentliche Debatte über das sogenannte Framing-Papier der ARD. In dem Papier mit dem Titel „Framing-Manual – Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD“ werden unter anderem Vorschläge dazu gemacht, wie sich die Vorzüge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in eine Sprache fassen lassen, „die im Denken der Mitbürger kräftig wirkt und sie von der Notwendigkeit eines gemeinsamen, freien Rundfunks ARD überzeugt“.

Das 89-seitige Framing-Papier hat die im kalifornischen Berkeley forschende Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling erstellt. Über ihr Papier wurde erstmals am 12. Februar berichtet; am 17. Februar wurde es von der Internet-Plattform netzpolitik.org vollständig veröffentlicht. Die ARD-Pressestelle hatte am 13. Februar via Twitter erklärt, „auch aus urheberrechtlichen Gründen“ könne man das Dokument nicht veröffentlichen. Wehling hatte das Papier bereits im Jahr 2017 vorgelegt, und zwar im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Seinerzeit hatte der MDR innerhalb der ARD den Vorsitz inne.

Vorwurf der Manipulation

Nicht zuletzt aufgrund damals zunehmender verbaler Angriffe auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk („Staatsfunk“, „Merkelfunk“, „Zwangsgebühren-Sender“) vergab der MDR an Wehling den Auftrag. Dabei ging es letztlich darum, die sprachliche Wirkung von Frames aufzuzeigen und den Sprachbildern der Gegner der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eigene, positiv besetzte Formulierungen entgegenzusetzen. Durch die Benutzung bestimmter Begriffe lassen sich gemäß der Framing-Theorie entsprechende Assoziationen wecken. Wehling plädiert in ihrem Papier zum Beispiel dafür, die Formulierung „Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD“ zu verwenden. Es gehe darum, moralisch und faktenbezogen zu argumentieren. Ein solches Framing mache Bürgern die Aufgaben und Ziele der ARD begreifbar.

Bei dem von Elisabeth Wehling vorgelegten Papier handelt es sich laut ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab um eine Arbeitsunterlage, „die Teilnehmenden ARD-interner Workshops im Vorfeld als Diskussionsgrundlage und Denkanstoß zur Verfügung gestellt wird“. Außerdem wurde Wehling mit der Durchführung von insgesamt neun solcher Workshops beauftragt, von denen bisher vier mit jeweils rund 40 Teilnehmern stattgefunden haben. Die Gesamtkosten für Wehlings Arbeit bezifferte der MDR auf 120.000 Euro; davon entfielen 10.000 Euro auf die Erstellung des „Framing-Manuals“. Von den Gesamtkosten habe der MDR 90.000 Euro bezahlt, die übrigen 30.000 Euro für weitere Workshops trage das ARD-Generalsekretariat, hieß es weiter.

In der öffentlichen Debatte, die durch die Berichterstattung ausgelöst wurde, geriet die ARD stark unter Druck. Dem Senderverbund wurde vorgeworfen, mit dem Framing-Papier Mitarbeitern eine Anleitung dafür zu geben, wie sich Debatten über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk manipulieren ließen. Die ARD betreibe „die gezielte Beeinflussung der öffentlichen Meinung“, hieß es in der „Welt“, das Ganze sei „semantische Gehirnwäsche“, schrieb die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Und Springers Boulevardblatt „Bild“ schlagzeilte: „Geheimpapier: So will die ARD uns umerziehen“.

Susanne Pfab: Keine Sprachanweisung

Auch der Verband Privater Medien (Vaunet) äußerte sich kritisch: „Dass nun ausgerechnet die wortgewaltige ARD mit Beitragsgeldern Nachhilfeunterricht nimmt, wie sie ihre eigenen Botschaften richtig ‘framen’ kann, ist ein glatter Offenbarungseid in eigener Sache“, erklärte der Vaunet-Vorstandsvorsitzende Hans Demmel. Hintergrund für Demmels Kritik ist, dass in dem Framing-Papier auch auf privatwirtschaftliche Medienanbieter eingegangen wird, „deren legitimes moralisches Anliegen die hohe Gewinnmarge“ sei. In dem Papier ist dabei die Rede von „profitwirtschaftlichen Sendern“, „medienkapitalistischen Heuschrecken“ und „Profitzensur“, so dass sich das „Manual“ hier wie eine Anleitung zur Denunzierung privater Medienanbieter lesen lässt.

ARD-Generalsekretärin Pfab sah sich, nachdem das Framing-Papier im Netz komplett veröffentlicht worden war, am 17. Februar zu einer Klarstellung veranlasst. Bei dem Papier handle es „sich ausdrücklich weder um eine neue Kommunikationsstrategie noch um eine Sprach- oder gar Handlungsanweisung an die Mitarbeitenden, sondern um Vorschläge aus sprachwissenschaftlicher Sicht“. In der Arbeitsunterlage werde unter anderem darauf aufmerksam gemacht, dass es sinnvoll sei, über sprachliche Formulierungen auch die dahinterstehenden Werte offenzulegen. Die Formulierung „öffentlich-rechtlicher Rundfunk“ enthalte beispielsweise keinerlei inhaltliche Aussage, außer dass die rechtliche Organisationsform benannt werde, so Pfab weiter.

Ulrich Wilhelm: Übertriebene Aufregung

Die ARD-Generalsekretärin distanzierte sich von den in dem Framing-Papier mit Blick auf private Medien genannten Begriffen wie „medienkapitalistische Heuschrecke“ oder „Profitzensur“. Solche Begriffe lehne sie klar ab. „In den vergangenen Jahren hat nach meiner Kenntnis nicht ein Vertreter der ARD jemals solche Bezeichnungen verwendet. Ich hielte das auch für unpassend“, sagte Pfab.

WDR-Intendant Buhrow erklärte gegenüber dem „Handelsblatt“: „Von mir werden Sie keine schlechten Beleumundungen der kommerziellen Sender hören. Meine Überzeugung ist: Wir haben uns gegenseitig besser gemacht. Das Aufkommen des Privatrundfunks war ein Tritt in den Allerwertesten für die Öffentlich-Rechtlichen.“ Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm (BR-Intendant), der sich zunächst nicht hatte äußern wollen, erklärte dann am 19. Februar, er halte die Aufregung um das Papier „für völlig übertrieben“. Es handle sich um eine Workshop-Unterlage und nicht um eine verbindliche Kommunikationsstrategie oder um eine Handlungsanweisung an die Mitarbeiter. Jede Landesrundfunkanstalt habe frei entschieden, wie sie mit den Erkenntnissen umgehe, so Wilhelm.

Elisabeth Wehling veröffentlichte aufgrund der öffentlichen Diskussion um ihr Framing-Papier am 18. Februar ebenfalls eine Klarstellung. Darin verweist sie darauf, dass es ihr Auftrag gewesen sei, die Kommunikation der öffentlich-rechtlichen ARD als Institution zu analysieren und auf Basis der wissenschaftlichen Erfahrung aufzuzeigen, welche Alternativen zu welchen Worten mit welchen Bedeutungsinhalten besetzt seien. Es sei darum gegangen, der ARD „eine gedankliche Grundlage zu schaffen für eine Kommunikation, die auf Basis der unbestrittenen Fakten den tatsächlichen Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die Demokratie schon auf den ersten Blick besser erkennbar macht“.

06.03.2019 – vn/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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