Rezo und Amthor

Polemik-Performance zum Politikbetrieb: Die CDU und die unverstandene Sehnsucht eines YouTubers

Von Torsten Körner
07.06.2019 •

Vermutlich ist der YouTuber Rezo, 26, genausowenig ein Jugendlicher oder junger Erwachsener wie sein potenzieller Gegenspieler, der CDU-Politiker Philipp Amthor, 26, von dem es heißt, er würde als Rezos Gegenspieler in eine epochale Sprechschlacht ziehen, ein rhetorisches Armageddon, in einen Battle mit „Game-of-Thrones“-mäßigen Ausmaßen. Amthor hat ein Gegenvideo angekündigt, nachdem Rezo am 18. Mai, also wenige Tage vor der Europawahl, auf einem seiner beiden YouTube-Kanäle ein Video mit dem Titel „Die Zerstörung der CDU“ veröffentlicht hatte, ein 55 Minuten langes, millionenfach aufgerufenes Video, in dem er mit der Politik der Partei von Bundeskanzlerin Angela Merkel abrechnet. Ob es jemals zu dem Duell, dieser Erwiderung per Gegenvideo kommt, ist völlig unerheblich, allein das Gerücht lässt die Phantasie und die „Netzgemeinde“ schäumen.

Rezo und Amthor, sie sind beide hyperaktive Sprechakte, Repräsentationen eines Habitus, der vorgibt, das zu sein, was seine Repräsentation spricht. Wenn man Rezo und Amthor nebeneinanderlegt, als Bild, Poster und Pose, dann springt einen sofort ihr Comic-Stil an, so als seien sie beide durch das Identitätsbad sämtlicher Marvel-Filme getaucht worden. Sie wirken, als seien sie nicht geboren, sondern gezeichnet worden, als hingen sie nie an einer Nabelschnur, sondern immer am Bild ihres inneren Bildschirms. Beide scheinen wie tüchtige Selbstunternehmer, deren Imperium das Selbst ihres Selbstseins ist, obschon sie das Gegenteil behaupten, sie machen Politik, beide, seit jeher, auch wenn man den YouTuber als amüsanten Influencer abtun will und Amthor als ironische, retroaktive Wiedergängerei eines Konrad Adenauer, Alfred Dregger oder Roland Koch.

Anzug, Hoodie, Sprechgesang

Beide, Rezo und Amthor, sind sich vermutlich ähnlicher als man denkt, wiewohl sie extreme Gegensätze zu verkörpern scheinen. Tatsächlich tragen beide eine Identitätsuniform, die nicht nur aus Anzug hier und dem Hoodie dort besteht, sondern vor allem ihren Sprechgesang meint, mit dem sie ihre mediale Existenz ins Netz oder den Bundestag (anderes Wort für Netz) stellen. Dass die CDU angeblich Philipp Amthor auserkoren hat, um auf Rezos Strike zu antworten, ist nur folgerichtig, denn auch Amthor ist ein heißer YouTuber, dessen Hit-Single „Die Zerstörung der AfD“ ebenfalls Millionen Mal geklickt wurde. Schaut man sich noch einmal diese kurze Rede aus dem Winter 2018 an, als Amthor im Bundestag einen Antrag der AfD, in Deutschland ein Burka-Verbot einzuführen, im Heavy-Metal-Modus zertrümmerte, dann drängen sich zunächst einmal die Gemeinsamkeiten der beiden potenziellen Kombattanten auf. 

Beide sind „ganz ehrlich“, eine Redewendung, die vor allem Philipp Amthor oft einstreut. Beide tanzen ihre Rede mit den Armen, wobei Amthor vor allem mit dem rechten Arm hackt, mit dem Zeigefinger schneidet und aufspießt, während Rezo mit beiden Händen Handkantenschläge in Richtung CDU verteilt. Sie ähneln sich auch in dem Behauptungsfuror, der sie beide antreibt, das Energie-Level, mit dem sie ihren Standpunkt performen (Standpunkt und Selbstpunkt sind bei beiden identisch, sie kommen im Reden zu sich selbst und finden nur darin ihre Balance). Während Amthor fett auf die Verfassung schwört, schwört Rezo fett auf die Wissenschaft. Beide sind extreme Streber, Schlaumeier, Besserwisser, sie sind Musterschüler des liberalen Kapitalismus, der lehrt, dass man im Kampf um die Aufmerksamkeit jedes zweifelnde Abwägen in seiner Performance auszumerzen und sich stattdessen wie ein souveräner Meinungsfürst zu inszenieren hat. Nur die vollkommen reine, unangekränkelte Selbstgewissheit verspricht maximale Reichweite im Wettbewerb der Aufmerksamkeitsökonomie.

Vermutlich ist Rezos Video „Die Zerstörung der CDU“ eine Reaktion auf die CDU-Videos „Angela Merkel zerstört LeFloid“ (2015) und „Angela Merkel zerstört die Beauty Queen und andere reichenweitenstarke YouTuber“ (2017). Damals hatte die Kanzlerin ihren Herausforderern eine schwere Niederlage bereitet, indem sie sich allen „Angie-sei-endlich-einmal-du-selbst-und-deshalb-anders“-Auforderungen der jungen Menschen entzog und deren Authentizitätsdiskurs schockfrostete. Die Kanzlerin blieb sich treu, die YouTuber hingegen erkannten sich selbst nicht wieder. Die Politikerin überzog die Kids mit ihrer schallschluckenden Seriosität, die die YouTuber in machtstabilisierende Supporter verwandelte.

Bekanntmachungshilfe für die CDU

Die CDU hat leider nicht verstanden, dass die Attacke, die Rezo fuhr, dass Beste ist, was der Partei widerfahren konnte. Zum einen bietet der YouTuber dem Shootingstar der Konservativen, eben Philipp Amthor, eine große Bühne, auf der er jenseits aller Bundestagsbegrenzungen enorme, sonst nicht mögliche Reichweiten erzielen kann. Zweitens hebt Rezo die CDU ins Bewusstsein vieler junger Menschen, die vermutlich gar nicht mehr wussten, dass es die CDU noch gibt. Hier bietet sich also die Chance, die CDU erst einmal bekanntzumachen. Drittens nobilitiert Rezo die Partei, denn er macht sie für den größten politischen Schaden im Land verantwortlich. Viertens bietet der YouTuber der gerade sehr uneinigen Partei eine Chance, sich im Abwehrkampf zu sammeln und sich zu stabilisieren: Der Feind steht draußen! Fünftens vermutet Rezo, dass es in der Partei junge Klugköpfe gibt, die seine jugendaffine Sprache und Performance überhaupt noch entschlüsseln und erwidern können, das heißt, Rezo hält die CDU nicht für eine Versammlung netzferner Grufties, sondern von machtvollen Gegnern. Sechstens steht Rezo für eine Jugend, die Parteien wie die CDU vielleicht abgeschrieben haben, die aber für die repräsentative Demokratie und den liberalen Kapitalismus keineswegs verloren ist. Rezo argumentiert bisweilen wie ein nassforscher Start-up-Unternehmer, der das Prinzip der „schöpferischen Zerstörung“ verinnerlicht hat. Und siebtens: Es ist keineswegs ausgemacht, dass ein YouTuber wie Rezo, dessen schnell geschnittenes Video eine Rhetorik der Macht inszeniert, diese mitreißende Wirkung auch auf einem Marktplatz oder im Bundestag entfalten könnte. Rezo macht Amthor zum Live-Rock’n’Roller, schon bevor der überhaupt ans Mikro, pardon, vor den Bildschirm getreten ist.

Auch wenn sich der ein oder andere ironische O-Ton in diesen fließenden Text gemischt haben sollte, tatsächlich ist Rezos Polemik-Performance eher eine politische Chance denn eine demokratische Gefährdung, wie es einige CDU-Politiker reflexhaft zu wissen glaubten. Das Video zeigt möglicherweise, dass eine Generation zur Politik zurückfindet und sich ihrer Sprechweise und Argumentationsketten bedient. Rezo, der sonst lustige Selbstbezüglichkeitsspielchen spielt, wo ein Mash-up das nächste jagt, hat sich selbst zur politischen Stimme, zum politischen Akteur verwandelt und das standpunktlose „Wir-amüsieren-uns-zu Tode“-Terrain verlassen. 

Vielleicht hat die umstrittene EU-Urheberrechtsreform YouTuber wie Rezo aufgeweckt, vielleicht ist es die tief empfundene Entfremdung junger Menschen gegenüber den parlamentarischen Prozessen und Sprechweisen, die ihn antreibt, vielleicht ist es einfach nur Langeweile. Aber vielleicht ist es einfach auch nur die tief empfundene Sorge, das der demokratische Chor, dass die Vielfalt der Standpunkte abstirbt, dass man selbst ein Leben lang unmündig bleibt, wenn man jetzt nicht den Mund aufmacht. Über Rezos Ansichten und seine rhetorischen Techniken (extreme Verkürzung, Verdichtung, Vereinseitigung, Zuspitzung und Auslassung) kann man streiten, aber erst einmal sollte man sich freuen, dass jemand die Stimme erhebt und sich einmischt.

Was die Parteien verlernt haben

Gerade – während dieser Text im Zug geschrieben wird – läuft die Meldung ein, Philipp Amthor verzichte auf den Battle, die CDU wolle stattdessen ihren Generalsekretär Paul Ziemiak in einem offiziellen schriftlichen Statement erwidern lassen. Das kann nicht gutgehen. Vermutlich kanzelt Ziemiak den YouTuber ab oder, noch schlimmer, er lädt ihn zum Debattencamp mit AKK. Ich fürchte, die Partei hat die Sehnsucht des YouTubers nicht verstanden: Der junge Mann will ernst genommen und gehört werden, wie sein Bruder im Geiste Philipp Amthor.

Herrje! Nun isse sie da, die Erwiderung des Generalsekretärs, während des Schreibens dieses Textes ist sie veröffentlicht worden: ein Offener Brief und ein paar Tweets. Hier ein Fußtritt, da eine halbe Umarmung, Einladung zum Gespräch, die zugleich eine Ausladung darstellt, weil der Eingeladene als Populist bezeichnet wird, als Klick-Junkie, während die Partei edle Ziele verfolge und um die Gunst des Wählers ringe. Diese aggressiv-passiven Reaktionen zeigen einmal mehr, dass die Partei verlernt hat, die Parteien verlernt haben, andere Sprachen zu sprechen als die eigenen.

Die Botschaft der CDU in diesem Moment ist Mutlosigkeit: Aus Angst vor einem Kommunikationsdesaster kurz vor den Wahlen spricht man mit vielen Zungen: staatstragend, ein bisschen von oben herab paternalistisch, ein bisschen ranschmeißerisch opportunistisch, ein bisschen beschwichtigend und streng wie zu einem Zappelphilipp, ein bisschen Familienrat („Wir in der CDU“). Genau das ist das Problem: Ihr seid in der CDU, das ist das Gedanken- und Sprachgebäude, aus dem ihr nur noch selten herausfindet. In dem Offenen Brief klingt es so, als sei die CDU wie ein Haus ohne Fenster und Türen. Das Amthor-Video, das als Antwort an Rezo zwar produziert, aber nicht gesendet wurde, ist – solange es existiert – die nächste Falle. Und selbst wenn es zerstört würde, könnte es in den Köpfen nicht vernichtet werden. Denn da ist es längst gedacht und vorgestellt worden. • 24.5.2019

*  *  *  *  *

Die Ereignisse sind als Ereignisse kaum noch auseinanderzuhalten. Rezo, die Europawahl, „die Zerstörung der CDU“, die vernichtenden Wahlergebnisse von CDU und SPD, die desaströsen Reaktionen der CDU-Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer auf Rezos Generalangriff, die Zerstörung der SPD-Parteivorsitzenden Andrea Nahles. Alles scheint irgendwie mit allem mit zusammenzuhängen. Auch, dass der FC Liverpool nun durch ein 2:0 gegen Tottenham Hotspur die Champions League gewonnen hat und sein Trainer Jürgen Klopp triumphiert. Dazu später mehr. Lesen Sie die folgenden Zeilen als Postskriptum, denn der erste Teil dieses Textes wurde im Zug geschrieben, vor der Europawahl, während sich die Rezo-Meldungen überschlugen.

Es ist nicht so, dass man am Schreibtisch die Dinge besser überblickt, aber Zeit ist geronnen und zu Momentaufnahmen gefroren. Wie schnell das geht. Morgen ist vielleicht die Groko zerbrochen und was hat dann Rezo damit zu tun? Vor mir liegt der neue „Spiegel“ (Nr. 23/19). Auf dem Titel Rezo und andere YouTuber. Die Überschrift lautet: „Rezoluzzer. Die neue APO: Wie die Generation YouTube die deutsche Politik aufmischt“. So schnell geht das! Gerade war Rezo noch ein Nerd, ein „Clown“ aus dem Netz, einer, den die meisten Menschen über 35 nicht kannten, jetzt ist er schon historisiert, generalverpackt in eine Generation, die 19er, von der der „Spiegel“ schreibt, sie sei wirkmächtiger als die 68er. Bang Boom Bang! Ist das jetzt wirklich das Ende der Politik, wie wir sie kannten? Das Ende der Volksparteien? Das Ende der parlamentarischen Demokratie? Oder ist Rezo vielmehr einer, der im vielfach ausgerufenen „postdemokratischen Zeitalter“ wieder die Lust an der politischen Auseinandersetzung und Teilhabe schürt?

Sein Sprechen löst Zungen

Valide Aussagen kann man kaum treffen, aber es macht Lust, über die chaotischen Wirbel nachzudenken, weil sich produktive Fissuren auftun. Rezo scheint der Resonanzverdichter eines kollektiven Unbehagens zu sein. Sein enormer Erfolg beruht offenbar darauf, dass er die Zungen der Menschen gelöst hat und Erfahrungs-, Erlebens- und Gefühlspartikel einsammelt, verdichtet und zu einer zeitgemäßen Suada komponiert. Sein Sprechen löst Zungen, es ist prospektive Rebellion. Allerdings eine, die eher das Personal austauschen, aber das System nicht zerstören will. Anderseits hat er keine Macht über seine Macht, denn die beruht auf kollektiver Stauung, Blockade, die jetzt gelöst ist. Was also daraus erwächst, entzieht sich seinem Akteursvermögen.

Auch was seither mit Philipp Amthor passierte, entzieht sich dessen Macht. Der juvenile Neokonservative war zunächst als Rezos Battle-Partner ausgesucht, dann aber storniert worden. Amthor zerstört, bevor er zerstört werden konnte. Plötzlich konzentrierte sich die Öffentlichkeit auf die CDU-Hoffnung Amthor. So sieht Hoffnung aus? Während Rezo ein kollektives Unbehagen einsammelte, ist Amthor eher einer, der die Sehnsüchte eines kleinen Teils einer Partei abbildet. Habituell, performativ, rhetorisch. Was er betreibt, ist retrospektive Affirmation. Der Mund artikuliert wie ein stets frisch gespitzter Bleistift, der Zeigefinger oberlehrerhaft, die Augenbrauen scheinen sich selbst Beifall zu klatschen.

Die angeschlossenen Talkshows

Der Philosoph Henri Bergson schreibt in seinem Essay „Das Lachen“ über das Komische: „Stellungen, Gebärden und Bewegungen des menschlichen Körpers sind in dem Maße komisch, als uns dieser Körper dabei an einen bloßen Mechanismus erinnert.“ Und etwas später: „Wir lachen jedesmal, wenn eine Person uns wie eine Sache erscheint.“ Philipp Amthor ist eher ein konservativer Mechanismus als ein konservativer Mensch. Der Mensch verschwindet hinter dem kalkulierten Phrasenwerk.

Ob Rezo ein Mensch ist? Bleibt? Die Umrisse einer Biografie tauchen auf, verschwinden aber wieder, weil sie wie Puzzleteile durcheinanderwirbeln und sich stets neu zusammensetzen. Interessant ist, wie Rezo sich Sprachmacht organisiert. Vieles an ihm will uns einleuchten, doch wirklich fassen tun wir ihn nicht. Zu viele Bilder, zu viel Design, zu viele Lücken. Noch. Er ist eher ein rasendes Fragment, während Amthor Holismus darstellt, aber hohl bleibt. Hülle leer, Schale schick. Was aber machen diese beiden Helden der Postmoderne mit der Demokratie oder Postdemokratie? Wenn ein 26-jähriger YouTuber die letzte Volkspartei in eine veritable Krise stürzt? Wie erschütternd gering müssen die intellektuellen Kapazitäten dieser Partei sein? Wie sehr haben die Parteien das Vermögen verloren, mit ihrer Sprache ein Draußen und Außen zu erreichen?

Rezo, dessen Sprechen offenbar als authentisch wahrgenommen wird, ohne dass die Künstlichkeit des Arrangements hinterfragt wird, hat vor allem den politischen Sprachverlust der Parteien offengelegt. Es klaffen Lücken zwischen den Parteisprachen und ihren Sprechern, zwischen der Gesellschaft und der Parteisprache, die Gesellschaft zu erreichen versucht, und zwischen der offenen Parteisprache und der inneren Zirkelsprache. Der gesamte politische Betrieb samt den angeschlossenen Talkshows wie „Anne Will“ (ARD), „Hart aber fair“ (ARD) oder „Maybrit Illner“ (ZDF) werden als selbstbezügliche Sprachkarussells wahr­genommen, die in unendlicher Fahrt um sich selbst kreisen. Niemand steigt ein oder aus. Alle winken mit Puppenarmen, sprechen Plastik. Ein Moment, ein Video von 55 Minuten reicht aus, um die Politik vollkommen nackt dastehen zu lassen. Es mag sein – das muss man klären –, dass wir, der Journalismus und der Meta-Journalismus, diesen Augenblick größer machen, als er ist. Aber den systemischen Totalabsturz des Politischen spürt man wohl erst a posteriori (weshalb manche wohl übertreiben, um ihn erkannt zu haben).

Auf jeden Fall scheint die Politik, wie wir sie kannten, in Gefahr. Wenn historisch tief verankerte politische Karrieren wie die von Nahles und Kramp-Karrenbauer so plötzlich destabilisiert werden können, hat das auch etwas mit der digitalen Beschleunigung von Meinungsbildern und Bildermeinungen zu tun. Wie schnell fällte man Urteile über Nahles’ öffentliche Auftritte, welche Rolle spielte die Häme, die „peinliche“ Auftrittsmomente so komponierte, dass dahinter ihre wirklichen politischen Leistungen verblassten? Wenn alles zum Moment gerinnt, nur noch als Moment goutiert werden kann, dann kann Politik, die auch Zeit braucht, die auch Schweigen, Pausen, ja, auch Hinterzimmer braucht, einpacken.

Meister des mitfühlenden Moments

Die Momentifizierung der Welt, die Momentifizierung der politischen Welt, ihre Unterwerfung unter Kategorien des Entertainments können den politischen Kollaps bedeuten. Ja, in der Momentifizierung der Welt steckt nicht nur die Diktatur der Plötzlichkeit, darin kann auch der Ruf nach einem alles entscheidenden, alles schlagenden, alles lösenden Arm stecken. So ein Imperator des Moments regiert gerade die USA und die checks and balances sehen ganz schön alt aus.

Jürgen Klopp hingegen ist ein Meister des mitfühlenden Moments. Vor dem Champions-League-Endspiel gegen Tottenham sah man die Videobotschaft an einen todkranken Fan des FC Liverpool. Der Coach gab ihm mit auf den Weg, dass es um Momente gehe. Die ganze Saison seines Teams sei der Versuch, Momente zu kreieren, die es wert seien, erinnert zu werden. Im Angesicht des Todes und des Lebens teile man diese Momente. Und indem man diese Momente teile, werde man zu Freunden. Und ja, sagte Klopp, er sei Christ und deshalb werde man sich sehen.

07.06.2019/MK

Print-Ausgabe 17/2019

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