Jean-Martial Lefranc: Darknet, Hacker, Cyberwar. Der geheime Krieg im Netz (ZDFinfo)

Eine argumentative Tour de Force

27.03.2017 •

27.03.2017 • Neun Menschen erschoss der Münchner Amokläufer Davis S. im Juli 2016 mit einer Waffe, die er sich über das Darknet besorgt hatte. Spätestens seit diesem Zeitpunkt wurde das anonyme Schattennetz, in dem man von Drogen bis zum Auftragsmörder alles bestellen kann, in den Medien zum wiederkehrenden Thema. So begaben sich am 9. Januar dieses Jahres Annette Dittert (ehemalige ARD-Korrespondentin in London) und Daniel Moßbrucker (bei der Organisation ‘Reporter ohne Grenzen’ Referent für ‘Informationsfreiheit Internet’) mit einer „Darknet“-Reportage für die Reihe „Die Story im Ersten“ auf eine informative „Reise in die digitale Unterwelt“ (vgl. MK-Kritik). Und am 19. März fand das Thema Darknet sogar Eingang in eine „Tatort“-Folge aus Kiel, in der es, so der Titel, um „Borowski und das dunkle Netz“ ging.

Einen Tag zuvor am Samstag lief im Spartensender ZDFinfo zur Primetime um 20.15 Uhr in deutscher Erstausstrahlung die belgisch-französische Dokumentation „Darknet, Hacker, Cyberwar. Der geheime Krieg im Netz“ (Produktion: Narratio Films/Media Res/RTBF). Dieser Film des Franzosen Jean-Martial Lefranc hatte einen etwas anderen Fokus als die Reportage von Annette Dittert und Daniel Moßbrucker. Das Darknet selbst leuchtet Lefranc nicht so differenziert aus; dafür macht er Zusammenhänge sichtbar, die in dem ARD-Beitrag nur am Rande angedeutet worden waren.

Man kann dem 45-minütigen Film von Lefranc zunächst mühelos folgen, weil er seine Argumentation jeweils an prägnanten Interviews mit Schlüsselfiguren der Computerszene festmacht. Mit Eugene Kaspersky und Jean-Pierre Lesueur kommen ein namhafter Anti-Virenspezialist und der Schöpfer eines der bekanntesten Computerviren zu Wort. Vor einigen Jahren hatte Lesueur die Schadsoftware „Dark Comet“ programmiert, mit der man andere Computer unbemerkt unter Kontrolle bringen konnte. Was mit einem solchen Tool – dessen Code sich nach Lesueurs argloser Veröffentlichung schnell verbreitete – alles möglich ist, führt die Dokumentation eindringlich vor Augen: So wurde der US-Sicherheitsexperte Chris Roberts berühmt durch den aus der Kabine einer Passagiermaschine abgesetzten Tweet, in dem er mitteilte, er habe gerade die Kontrolle über die Triebwerke des Flugzeugs übernommen. War dies ein sarkastischer Joke oder ein ernst zu nehmender Hinweis auf Sicherheitslücken in Bordsystemen der zivilen Luftfahrt?

Jean-Martial Lefranc hat keine Zeit, um diese Horrorvorstellung zu Ende zu denken. Im nächsten Schritt seiner Argumentation erinnert er an den Hack des französischen Fernsehsenders TV 5 Monde. Auf dessen Bildschirmen und Websites erschien im April 2015 plötzlich die Propaganda der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Eine derartige digitale Unterwanderung, so verdeutlicht die Dokumentation, ist nur möglich, wenn Angreifer sich im Internet unsichtbar machen können. Erforderlich ist hierfür eine Software, der „TOR“-Browser, der den Eintritt ins Darknet ermöglicht. Dieser Browser wird im Film bei ZDFinfo allerdings nur en passant vorgestellt. Während Dittert und Moßbrucker in ihrem ARD-Beitrag präzise darlegten, wie das Schattennetz funktioniert, ist der Zuschauer in Lefrancs Film den einsilbigen Ausführungen eines IT-Experten ausgeliefert. Wenn dieser Spezialist vor der Kamera seine IP-Adresse „mit zwei Mausklicks“ verbirgt, dann ist das eigentlich nur für Experten verständlich.

Solche Unschärfe in wichtigen Details muss man in Kauf nehmen, weil Lefranc in seiner Dokumentation das große Ganze in den Blick bekommen will. Ohne die Struktur des Darknets wirklich transparent zu machen, verdeutlicht der Filmautor, dass dieses anonyme Forum im Wesentlichen ein virtueller Schwarzmarkt für Kriminelle ist. Es gibt lediglich eine Möglichkeit, ihnen beizukommen: Wie jener Händler, der dem Münchner Amokläufer die Waffe verkaufte, können Darknet-Dealer nur an der Schnittstelle zur realen Welt gefasst werden – also dort, wo heimlich eingestrichene Gelder auf registrierte Bankkonten fließen. In diesem zentralen Punkt kulminiert Lefrancs durchdachte Argumentation. Der hier dann anschließende Exkurs über die digitale Währung Bitcoin lässt erahnen, worum es bei Cyberattacken und dem Darknet schwerpunktmäßig geht.

Im Schnelldurchlauf fasst der Film die Geschichte von Mark Karpelès zusammen, der im August 2015 in Japan verhaftet wurde. An der von ihm begründeten Bitcoin-Börse Mt.Gox sind nämlich Gelder in mehrstelliger Millionenhöhe veruntreut worden. Die virtuelle Währung Bitcoin wurde 2009 als Reaktion auf die Finanzkrise ins Leben gerufen. Die Dokumentation verdeutlicht, dass die Utopie eines von Banken und Staaten völlig abgekoppelten globalen Zahlungssystems untrennbar ist von der Horrorvision einer unkontrollierbaren Geldwäsche. Arbeiten Darknet-Händler mit Bitcoins, dann sind sie gar nicht mehr zu fassen.

Zwar ist jeder Punkt, den Jean-Martial Lefranc in seiner Dokumentation aufgreift, aus Presseberichten bekannt. Sehenswert ist der Film aber dennoch, weil seine argumentative Tour de Force die Hackerkultur, den Cyberwar, das Darknet und die digitale Währung in einen Zusammenhang bringt, der so noch nicht analysiert wurde. Dem Filmautor gelingt eine interessante Zusammenschau verschiedener Aspekte und Problemfelder des Internets.

Ergänzt wurde dieser anregende Beitrag bei ZDFinfo an diesem Tag durch thematisch ähnliche Dokumentationen zum Thema „Internet und Netzwelt“, etwa die Filme „Hasskommentare und falsche Likes – Manipulation im Netz“ (17.30 bis 18.15 Uhr) und „Das manipulierte Bild“ (18.15 bis 19.00 Uhr). Noch einmal gezeigt wurde außerdem die lobenswerte sechsteilige Reihe „Geheimnisse der digitalen Revolution“ (ab 21.00 Uhr). ZDFinfo hatte an diesem Samstagabend ein thematisch differenziertes Programm zusammengestellt, das dem sich immer mehr profilierenden Spartensender zur Zierde gereichte.

27.03.2017 – Manfred Riepe/MK

Das große Ganze in den Blick bekommen: Der Filmautor verdeutlicht, dass dieses anonyme Forum namens Darknet im Wesentlichen ein virtueller Schwarzmarkt für Kriminelle ist

Foto: Screenshot


Print-Ausgabe 23/2019

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