Andreas G. Wagner: Mythos Darknet – Verbrechen, Überwachung, Freiheit (ZDFinfo)

Bausteine einer digitalen Ethik

14.08.2017 •

14.08.2017 • Als der 18-jährige Schüler David S. im Juli 2016 im Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen mit einer Waffe erschoss, die er über das Darknet erworben hatte, geriet das anonyme Schattennetz in den medialen Fokus. Auch das Fernsehen strahlte Beiträge zu diesem Thema aus, darunter im Januar 2017 „Das Darknet – Reise in die digitale Unterwelt“ (ARD/NDR; vgl. MK-Kritik) und im März „Darknet, Hacker, Cyberwar. Der geheime Krieg im Netz“ (ZDFinfo; vgl. MK-Kritik). Nun folgte bei ZDFinfo der Film „Mythos Darknet“ von Andreas G. Wagner, der schon für die sehenswerte Dokumentation „Hacker, Freaks und Fun­ktionäre. Der Chaos Computer Club“ gedreht hat, die im vorigen Jahr ebenfalls bei ZDFinfo lief und noch in der ZDF-Mediathek (wie auch bei YouTube) zum Anschauen abrufbar ist.

Andreas G. Wagner räumt in seinem Film über das Darknet mit Mythen und Legendenbildungen über die Internet-Grauzone auf. Dafür rückt er zunächst einige Fakten zurecht. Zwar könne man über das Darknet, dieses klandestine Netz hinter dem Netz, so ziemlich alles beziehen, beispielsweise auch nicht registrierte Pistolen; aber es gebe in Deutschland schätzungsweise 20 Millionen illegale Waffen, „deren Herkunft nichts mit dem Darknet zu tun hat“. Auch der Drogenumschlag in der Unterwelt des weltweiten Netzes mache nur einen geringen Teil dessen aus, was an Rauschgiften in der realen Welt umgesetzt werde. Stichproben zufolge soll aber die Qualität des in der digitalen Parallelwelt angebotenen Stoffes besser sein.

Unaufgeregt und gut informiert unterscheidet Wagner zwischen dem Darknet im populären Sinn, also jenem Refugium für Kriminelle, und jenem digitalen Werkzeug, das schlichtweg anonymes Surfen im Internet ermöglicht und so vor allem unbescholtenen Bürgern Schutz bietet vor ‘Big Brother’ (Google, NSA etc.). Hierfür dokumentiert der Film sogenannte „CryptoPartys“, auf denen technische Laien sich erklären lassen, wie man auf seinem tagtäglichen Gang durchs Internet möglichst keine Spuren hinterlässt. Dies funktioniert mit einer legalen Software, dem sogenannten TOR-Browser, wobei die drei Großbuchstaben als Abkürzung stehen für das Tool „The Onion Router“. Dessen Verschlüsselung funktioniert gestaffelt über mindestens drei verschiedene Server, die sich schützend wie die Häute einer Zwiebel um den Internet-Nutzer legen. Moritz Bartl, Gründer von torservers.net und des gemeinnützigen deutschen Vereins Zwiebelfreunde e.V., schätzt diese Anonymität. Während er vor der Kamera eine Zwiebel schält, erklärt er, dass er nicht wünsche, dass Google ihm dabei zusehe, wie er sich im Netz nach einer Krankheit erkundige.

Neben einer solchen „aktiven Schaffung von Freiheitsräumen“ diskutiert der Film aber auch das Problem, dass mit der legalen TOR-Software ebenso illegale Foren betrieben werden, wie etwa die kürzlich geschlossene Plattform „AlphaBay“, auf der neben Drogen auch gefälschte Dokumente feilgeboten wurden. Die Existenz solcher schwarzen Schafe, die nur einen Teil des Darknets ausmachen, muss man nach Auffassung des ‘libertären’ Autors und Aktivisten Stefan Blankertz in Kauf nehmen. Freiheit sei nämlich, wie Blankertz es im Film formuliert, „immer die Freiheit desjenigen, der etwas macht, was ich so gar nicht leiden kann“. Zudem seien kriminelle Aktivitäten und Perversionen kein genuines Produkt des Darknets, sondern hier spiegele sich ein Teil der Gesellschaft.

Diese anarchische Meinung lässt Wagner in seinem spannenden Film nicht unwidersprochen stehen. Wenn das Schattennetz die Privatsphäre unbescholtener Computerbenutzer in gleicher Weise schützt wie die von straffälligen Pädophilen, die Kinderpornos verbreiten, dann wird nach Auffassung des IT-Wissenschaftlers Jürgen Geuter „Freiheit als Ideologie“ betrachtet. Die TOR-Community misstraue staatlichen Institutionen grundsätzlich mehr als den eigenen Usern. Diese Ansicht sei vor allem im Angelsächsischen stark vertreten.

Lösen kann der Film diese Probleme natürlich nicht. Er liefert jedoch Bausteine für eine digitale Ethik. Neben der differenziert aufgefächerten Grundsatzdebatte führt er obendrein vor Augen, mit welchen pragmatischen Schwierigkeiten politische Aktivisten im Kampf gegen totalitäre Regime zu kämpfen haben. Geriete beispielsweise ein Journalist wie Ahmad Alrifaee, der den Krieg in Syrien dokumentierte, in eine Kontrolle, bei der sein Rechner untersucht wird, so würde er sich mit dem TOR-Browser nur verdächtig machen. Folglich hat er dieses Tool deinstalliert, „ironischerweise aus Sicherheitsgründen“.

Hinter der totalen digitalen Anonymität, Alleinstellungsmerkmal des Darknets, notiert der Film interessanterweise auch ein Fragezeichen: Warum ist der Verkäufer jener Waffe, mit der David S. in München tötete, trotz der Anonymität des Schattennetzes so schnell gefunden worden? Sodann wirft ein kurzer und bündiger Blick auf die Entwicklungsgeschichte des TOR-Netzwerks durch das US-amerikanische Militär die Frage auf: Ist das Darknet am Ende gar nicht so „dark“ wie es scheint?

Andreas G. Wagners 45-minütige Dokumentation „Mythos Darknet – Verbrechen, Überwachung, Freiheit“ (Produktion: AVE Publishing GmbH) ist extrem komplex und vielschichtig, aber dank einer übersichtlichen Kapiteleinteilung und des guten Aufbaus allgemeinverständlich. Geschliffene Sätze ohne Manierismen führen den Zuschauer durch das Labyrinth des Darknets. Grafiken ohne Schnickschnack verbildlichen dessen Funktionsweise. Um die Aktivität getarnter User im „dunklen Netz“ zu visualisieren, verwendet der Film Bilder von putzigen, nachtaktiven Nage- und Pelztieren im Infrarotlicht. Die Katze verschwindet unerkannt im Dunkeln. So wünscht man sich das auch im Internet. Nach diesem informativen und kurzweiligen Film weiß man aber, dass das nicht so ohne weiteres möglich ist.

14.08.2017 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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