Herausragendes Fernsehen

Das Arte/RBB-Projekt „24h Europe – The Next Generation“

Von René Martens
09.05.2019 •

Was kann öffentlich-rechtliches Fernsehen Außergewöhnliches leisten, das die neuen Mitbewerber um die Aufmerksamkeit des Publikums nicht zu leisten vermögen? Als der deutsch-französische Sender Arte im März dieses Jahres in Hamburg erstmals „24h Europe – The Next Generation“ vorstellte (vgl. MK-Meldung), warf Thomas Kufus, einer der Geschäftsführer der für das Projekt verantwortlichen Berliner Produktionsfirma Zero One, diese Frage auf. Gegenüber der MK sagte Kufus dazu, dass sich das Fernsehen heute öfter mit „Event-Programmierungen“ wie eben „24h Europe“ bemerkbar machen müsse – um im neuen Wettbewerb mit den Streaming-Anbietern und deren Binge-Watching-Events „nicht unterzugehen“.

Der Produktion „24h Europe“, die 60 Protagonisten im Alter zwischen 18 und 30 Jahren versammelt, ist – so viel sei schon einmal vorweggenommen – etwas gelungen, was bei dokumentarischen Inhalten absolut außergewöhnlich ist: dass sich beim Zuschauer ein dringender Binge-Watching-Wunsch einstellt. Bei den allermeisten Protagonisten, denen man im Lauf der 24 einstündigen Folgen immer wieder begegnet, möchte man unbedingt wissen, wie deren Tag weitergeht.

Rechtzeitig vor den Europawahlen

Insgesamt 45 Filmteams waren in 26 Nationen unterwegs für die Mammut-Dokumentation, an deren Produktion Sender aus fünf Ländern beteiligt waren. Auf deutscher Seite waren dies neben Arte der RBB, der SWR und der Bayerische Rundfunk (BR). Im linearen Fernsehen war „24h Europe“ vom 4. Mai auf den 5. Mai von 6.00 am Samstagmorgen bis 6.00 Uhr am Sonntagmorgen zu sehen. Im deutschen Fernsehen lief die 24-Stunden-Dokumentation zeitweilig in fünf Programmen parallel: bei Arte, bei ARD-Alpha und in den Dritten Programmen von RBB, SWR und BR. Das BR Fernsehen stieg von 13.30 bis 23.30 Uhr aus, das SWR Fernsehen zweimal (für eine Sportsendung und für die Regionalmagazine); die anderen drei Programme sendeten ununterbrochen. In den Mediatheken der ARD-Landesrundfunkanstalten wird „24h Europe“ nun ein Jahr lang abrufbar sein, bei Arte bis Ende Februar 2020.

„24h Europe – The Next Generation“ ist das vierte Projekt dieser Art, das die Produktionsfirma Zero One entwickelt hat – nach „24h Berlin“ (Arte/RBB; vgl. FK 38-39/09), „24h Jerusalem“ (Arte/BR; vgl. FK-Artikel) und „24h Bayern“ (BR Fernsehen 2017). Das Prinzip: 24 Stunden lang werden ausgewählte Menschen in ihrem Alltag beobachtet – und ein Jahr später entsteht dann eine auf 24 Einzelfilme verteilte TV-Erzählung. Gedreht wurde in diesem Fall am 15. Juni 2018 und am frühen Morgen des 16. Juni. Aber genau ein Jahr mochte Arte dieses Mal nicht warten, denn man wollte „24h Europe“ rechtzeitig vor den Europawahlen (23. bis 26. Mai) im Programm haben. Obwohl es diesen impliziten Anlass für die Sendung gab, geht der Blick hier über die Grenzen der EU hinaus. Die Macher haben das geografische Europa ins Visier genommen – und um die Größe des Kontinents zu unterstreichen, haben sie in der russischen Stadt Magnitogorsk, durch die die europäisch-asiatische Grenze führt, gleich zwei Protagonisten rekrutiert.

„Was bedeutet Freiheit für dich?“

Jede der Folgen beginnt mit einem Block von Kurznachrichten, die zur selben Uhrzeit am 15. Juni bzw. am frühen Morgen des 16. Juni 2018 aktuell waren. Die Themen, die im Lauf der 24 Stunden zur Sprache kommen – Migration, die möglichen Folgen des Brexits, der Konflikt in der Ukraine – werden hier bereits telegrammstilartig angeschnitten. Nach einem kurzem Blick auf ausgewählte Protagonisten der nächsten Stunde folgt jeweils ein Informationsblock mit einigen Basisfakten – etwa zur Größe Europas und der einzelnen Staaten, zur Geschichte der EU, zu den kriegerischen Konflikten auf dem Kontinent und zu den „200 Sprachen und Dialekten“, die in Europa verbreitet sind. Es handelt sich hier keineswegs um Allgemeinbildungshuberei, denn ähnlich wie bei den Nachrichten klingen dabei wiederum viele Themen an, die im Lauf der Mammut-Dokumentation zumindest latent eine Rolle spielen.

Nach einer halben Stunde gibt es jeweils einen Break – eingeleitet durch den erneuten Einsatz des Sendungsvorspanns. Darauf folgen wieder reale Nachrichten vom 15. bzw. 16. Juni 2018. Die zweite halbe Stunde einer Folge wird dann eingeleitet mit einer an eine oder mehrere Personen gestellten Frage: „Was bedeutet Freiheit für dich?“, „Was möchtest du erreichen?“ „Könnt ihr mir einen Witz erzählen oder einen Traum, der euch geprägt hat?“

Die Protagonisten werden im Verlauf des Tages und der Nacht immer wieder von neuem eingeführt, stets in leichten Variationen – damit Zuschauer jederzeit ins Geschehen einsteigen können. Die Zahl der Protagonisten ist dieses Mal geringer als bei den vorherigen 24-Stunden-Projekten. Bei „24h Berlin“ beispielsweise waren es noch 100 gewesen. Der Untertitel „The Next Generation“ steht beim jetzigen Europa-Projekt somit nicht nur für die Fokussierung auf junge Protagonisten, sondern auch für eine Veränderung in der Machart. Dank der Reduzierung der Protagonisten wurde es besser möglich, deren persönliche Umfelder in den Blick zu nehmen – etwa bei der aus Italien stammenden Carolina, die als Account-Managerin in London arbeitet und hier für das Thema Mobilität steht. Sie legt regelmäßig rund 1500 Kilometer zurück, um von London in ihrer Heimatstadt Pescara zu reisen und dort ihre alten Freundinnen zu treffen. Hier die eine, die eine relativ kleine Welt verlassen hat, da die anderen, die vermutlich ihr Leben an dem Ort verbringen werden, an dem sie geboren wurden.

Filmisches Soziogramm

Letzteres möchte der 27-jährige Stahlarbeiter Andrey aus Magnitogorsk unbedingt. „Als ich jung war, hatte ich die Möglichkeit wegzuziehen. Jetzt denke ich nicht einmal darüber nach“, sagt er. Das klingt insofern überraschend, als es Menschen gibt, die sich auch im Alter von 27 Jahren noch als jung bezeichnen würden. Der Grund für Andreys Zufriedenheit in seiner Heimatstadt: Gemeinsam mit seiner Frau verdiene er das „Neun- bis Zehnfache des in Russland geltenden Existenzminimums“, wie er sagt. Das reicht für ein für russische Verhältnisse komfortables Leben in einer Hochhauswohnung, in der neben einem kleinen Jungen auch noch zwei Katzen und ein Piranha Platz finden.

Während für die einen die Jugend schon lange Vergangenheit ist, ist sie für andere noch nicht abgeschlossen – zumindest insofern nicht, als sie noch bei ihren Eltern leben oder leben müssen, obwohl sie bereits ein Studium abgeschlossen haben oder im Berufsleben stehen. Zumindest während des hier hauptsächlich berücksichtigten Sichtungszeitraums (Nachmittag, früher Abend) trifft das auf auffällig viele Protagonisten zu – etwa auf die 23-jährige Jana, die in Česká Třebová (Tschechien) bereits ein Musikstudium hinter sich hat und nun in die Fußstapfen ihres Vaters treten möchte, der als Dirigent tätig ist.

Ideal ist es natürlich, wenn eine Person für mehrere interessante Geschichten steht, etwa die Norwegerin Ann Catharina, 26 Jahre alt. Sie arbeitet in Kautokeino als Rentierhirtin, studiert BWL – und alleinerziehende Mutter ist sie auch noch. Wenn sie zum Kälbermarkieren unterwegs ist, nimmt sie ihr Kind mit. Ähnlich verhält es sich mit Khalifa, 23, Erzieher in einem Heim für Autisten im französischen Rambouillet. Er ist nebenbei Rapper (die Kamera ist im Studio bei der Aufnahme eines neuen Stücks dabei) und im Lauf des Nachmittags kristallisiert sich dann auch noch heraus, dass er Vater einer sechsjährigen Tochter ist.

Ein Höhepunkt des Fernsehjahres

So entsteht unter der Gesamtregie von Britt Beyer und Vassili Silovic und unter der redaktionellen Leitung von Martina Zöllner (RBB) eine Art filmisches Soziogramm, in dem zahlreiche hochrelevante politisch-gesellschaftliche Themen Niederschlag finden. Die Protagonisten sind dabei nie papierne Platzhalter für Inhalte; tatsächlich gelingt es hier auf herausragende Weise, die teilweise recht gewichtigen Themen auf persönliche Erlebnisse und Alltagsproblematiken herunterzubrechen. Ästhetisch ist „24h Europe“ geprägt von sehr harten Schnitten. Das siebenköpfige Editoren-Team (Annette Muff, Wolfram Kohler, Andre Nier, Julia Wiedwald, Naaman Bishara, Valérie Smith, Christina Preussker) schärft mit schnellen Schauplatzwechseln permanent die Aufmerksamkeit des Zuschauers.

Als Arte im April beim Grimme-Preis mit der Besonderen Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verband (DVV) ausgezeichnet wurde (vgl. MK-Meldung), betonte DVV-Präsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, Europa brauche Medien wie Arte, „für die die europäische Idee identitätsbildend und programmatisch prägend ist“. So diskutabel es ist, diese Auszeichnung an einen Sender zu vergeben, dessen Programm (naturgemäß) qualitativ recht heterogen ist: „24h Europe“ hat nachträglich noch einmal gezeigt, wie sehr Arte diesen Preis verdient hat. Und diese Hervorhebung soll nicht den Anteil schmälern, den die Koproduzenten an diesem Projekt hatten, das ein absoluter des Fernsehjahres 2019 ist, ein Inbegriff für öffentlich-rechtliches Fernsehen at its best.

09.05.2019/MK
Zahlen: Insgesamt 45 Filmteams waren in 26 Ländern unterwegs, um das Leben von 60 Protagonisten im Alter zwischen 18 und 30 Jahren zu beoachten
Beobachtungsort Magnitogorsk, Russland: Auf einer Brücke über den Ural befindet sich die Grenze zwischen Europa und Asien Fotos: Screenshots

Print-Ausgabe 19/2019

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