Annette Dittert/Daniel Moßbrucker: Das Darknet – Reise in die digitale Unterwelt. Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/NDR)

Instruktiver Selbstversuch

27.01.2017 •

27.01.2017 • Normalsterbliche Internet-Nutzer hatten auch in früheren Jahren vielleicht schon mal von der Existenz einer digitalen Welt jenseits der für alle sichtbaren gehört, sich aber kaum weiter darum gekümmert, was genau es damit auf sich haben könnte. Warum auch sollten sich Menschen, die per Payback-Karte bereitwillig ihre Daten an der Supermarktkasse abgeben, um jene Spuren sorgen, die sie im Netz hinterlassen? Doch im Sommer vorigen Jahres gelangte das sogenannte Darknet spektakulär in die deutschen Nachrichten. Der 18-jährige Schüler, der im Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) neun Menschen tötete, hatte sich die Tatwaffe im Darknet besorgt. Da war es also, das mysteriöse digitale Reich der Finsternis, in dem sich im Schatten der Anonymität Kriminelle aller Art tummeln.

Wie dieses Reich funktioniert, blieb im Zuge der Fernsehberichterstattung über das mörderische Verbrechen von München allerdings weitestgehend im Dunkeln. Und auch wer sich im August 2016 die achtteilige Doku-Reihe „Darknet“ beim privaten Nachrichten- und Dokumentationskanal N 24 angesehen hatte, war am Ende nicht viel klüger. In den einzelnen Folgen mit martialischen Untertiteln wie „Die Macht des Bösen“ präsentierten die Macher der bei N 24 zu sehenden Produktion zwar eine ganze Reihe von Computerfreaks aus aller Welt, letztlich aber kam das Ganze eher wie eine Mystery-Serie daher.

Vor diesem Hintergrund tat Annette Dittert (NDR), zuletzt mehrere Jahre Großbritannien-Korrespondentin der ARD, gut daran, das Thema in Form einer Presenter-Reportage einmal als Selbstversuch anzugehen. Und ihre „Reise in die digitale Unterwelt“ erwies sich als ebenso instruktiv wie kurzweilig. So begann sie mit dem simplen Befragen von Suchmaschinen, landete bald bei den Berliner Machern von „TOR“, einem Browser, der sich als Eingangsportal für das Darknet eignet, und hatte auch bereits nach kurzer Zeit Kontakt zu Menschen, die im Netz einen ebenso schwungvollen wie illegalen Handel trieben. Und erstaunlicherweise fanden sich schließlich sogar zwei, drei dieser Dealer bereit, sich mit der Autorin zu treffen. Unter Wahrung ihrer Anonymität, versteht sich.

Eine dieser Personen war ein Mann, der im Netz mit Drogen handelte und sich mit Annette Dittert in der Nähe eines westfälischen Rastplatzes verabredet hatte. Seine Familie wisse von seinen Internet-Geschäften nichts, erklärte er, und gefragt, ob er kein schlechtes Gewissen habe, gab er die läppische Standardantwort, wenn er es nicht tue, mache es halt ein anderer. Bemerkenswerter als das Gespräch selbst war dabei der Ort, an dem es stattfand. Denn die Autorin hatte sich mit dem nur spärlich Verkleideten auf ein Ackergerät gesetzt, das unter einem riesigen Strommasten stand – eine originelle, aber auch nahezu absurd anmutende Einstellung in puncto Ungleichzeitigkeit, die auf beiläufige Art eine gänzlich banale Seite des mysteriöse Darknets anschaulich machte. Wie überhaupt Annette Dittert den ganzen Film über die unbefangen Neugierige blieb und nie in die Betroffenheitsattitüde verfiel, mit ihrer Reportage die Welt vor ihrem Untergang retten zu wollen. Eingerahmt von zwei martialisch Vermummten bei einem Kongress digitaler Anarchisten in Prag nahm sie sich eher belustigt denn besorgt aus. Was der Seriosität ihrer Bestandsaufnahme allerdings keinen Abbruch tat.

Das Darknet sei, hatte ein TOR-Mitarbeiter eingangs des Films gesagt, wie ein Hammer, der vor allem ein nützliches Werkzeug sei, aber natürlich auch für Gewalttaten missbraucht werden könne. In der zweiten Hälfte ihrer Reportage demonstrierte Annette Dittert, in welchem Maß das Darknet auch nützlich sein kann, etwa wenn es ein Schutzraum für politisch verfolgte Dissidenten in Syrien und der Türkei ist, in dem sie kommunizieren können, ohne von den Geheimdiensten despotischer Machthaber identifiziert zu werden. So kam hier unter anderem ein Berater zu Wort, der Oppositionelle in aller Welt in Sachen Darknet fit macht und im Notebook der Autorin zu Demonstrationszwecken mal eben eine Wanze installierte, über die sich ihre sämtlichen Online-Aktivitäten überwachen ließen.

Die Sache mit der Wanze hat allerdings nur bedingt etwas mit dem Darknet zu tun. Ebenso wie die digitale Währung der Bitcoins, um die es dann ging und über die Annette Dittert am Tag zuvor bereits einen „Weltspiegel“-Beitrag geliefert hatte, in dem sie über eine gigantische Server-Farm in Island berichtete, in der die virtuellen Bitcoins hergestellt werden. Und auch das Phänomen, dass in ihrer Reportage ein Kongressteilnehmer in Prag einen Kaffee aus dem Automaten mit einem in der Hand implantierten Chip bezahlte, was Dittert ein verblüfftes „I don’t believe it!“ entlockte, braucht kein Darknet. Mit solchen reiskorngroßen, subkutanen Chips lassen sich in manchen Ländern bereits heute ganz normale Einkäufe im Supermarkt tätigen. Über den Anteil von Koautor Daniel Moßbrucker an diesem Film, den 1,26 Mio Zuschauer sahen (Marktanteil: 6,6 Prozent) kann im Übrigen nur spekuliert werden. Im Bild tauchte er jedenfalls nie auf. Aber da der Journalist als ein profunder Kenner der digitalen Welt gilt, darf man wohl vermuten, dass er hier in erster Linie für den fachlichen Background zuständig war.

27.01.2017 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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