Kreativität statt Quote

Gefährliches Denken: Interview mit der Dokumentarfilmerin Annette Baumeister

Von Joachim Heinz
19.05.2019 •

„Stasi auf dem Schulhof“ (2012), „Die Kinder des 20. Juli 1944“ (2014) oder „Sinatra – Die Stimme Amerikas“ (2015): Mit ihren Dokumentarfilmen deckt Annette Baumeister, 46, ein breites thematisches Spektrum ab. Zuletzt war im November vorigen Jahres im Ersten Programm der ARD und bei Arte ihr Doku-Drama „Die Hälfte der Welt gehört uns“ (WDR/BR/NDR) zu sehen, in dem es um das Thema ‘100 Jahre Frauenwahlrecht’ ging. Während der 90-minütige Film bei Arte um 20.15 Uhr lief, strahlte die ARD ihn zu nachtschlafender Zeit von 23.30 bis 1.00 Uhr aus. Daraufhin wandten sich Baumeister und die Schauspielerinnen Johanna Gastdorf, Jeanette Hain, Paula Hans und Esther Schweins, die in dem Doku-Drama mitwirkten, Anfang Dezember 2018 in einem Offenen Brief an die ARD-Spitze und übten deutliche Kritik an der späten Programmierung (vgl. MK-Dokumentation). Um den Protest gegen den Umgang mit diesem besonderen Doku-Drama, die Programmpolitik der öffentlich-rechtlichen Sender und um den Stand des Dokumentarfilms im Allgemeinen geht es im folgenden Interview, das Joachim Heinz für die MK mit Annette Baumeister führte. • MK

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MK: Frau Baumeister, Sie haben sich nach der Ausstrahlung Ihres Doku-Dramas „Die Hälfte der Welt gehört uns. Als Frauen das Wahlrecht erkämpften“ in einem Offenen Brief an die ARD über die späte Programmierung im Ersten beschwert. Ärgern Sie sich, dass Sie diesen Schritt nicht früher, nicht schon vor der Ausstrahlung des Films gemacht haben?

Baumeister: Wir hätten in diesem Fall schon vorher klarmachen müssen: Schaut her, der Film läuft mitten in der Nacht, das ist zu spät! Das haben wir verpasst – auch aufgrund des finanziellen Drucks, unter dem man als Macher in diesem Genre steht. Als das Doku-Drama ausgestrahlt wurde, war ich schon mitten in einem anderen Projekt und auf andere Dinge fokussiert. Ganz davon abgesehen ist der Einfluss von Autoren und Produzenten auf den Sendeplatz begrenzt. Sobald ein Film beim Sender liegt, entscheidet der, was er damit macht. Und auch im Sender gibt es Hierarchien. Die Redakteure und Redakteurinnen, die den Film über Jahre betreut und für ihn gekämpft haben, besitzen bei der Programmierung nur eingeschränkte Mitspracherechte.

MK: An den Redaktionen in den Rundfunkanstalten liegt es also nicht?

Baumeister: Nein, die Programmierung findet woanders statt. Dokumentationen und Fernsehfilme werden in der Regel für bestimmte Sendeplätze produziert und dort ausgestrahlt. Aber aufgrund der starren Programmstruktur ist es praktisch unmöglich, hochwertige Produkte zu verschieben und prominenter zu platzieren. In meinen Augen ist das so, als würde ich mir ein tolles Kleid kaufen, das mir besonders gut steht, es aber nur nachts heimlich vor dem Spiegel anziehen.

MK: Haben Sie denn auf Ihren Offenen Brief von Anfang Dezember vorigen Jahres irgendeine Reaktion aus den ARD-Häusern erhalten?

Baumeister: Wir haben eine Antwort von Matthias Kremin erhalten, dem Leiter des WDR-Programmbereichs ‘Kultur und Wissenschaft Fernsehen’. Aber die eigentlichen Adressaten, ARD-Programmdirektor Volker Herres und ARD-Chefredakteur Rainald Becker, schweigen bis heute. Sie sind für die Programmierung verantwortlich. Wir erwarten auch keine Antwort mehr, schließlich haben wir den Brief bereits im Dezember vorigen Jahres geschrieben.

MK: Immerhin lief ihr Doku-Drama „Die Hälfte der Welt gehört uns“, bevor es im Ersten zur Geisterstunde ausgestrahlt wurde, knapp zwei Wochen zuvor beim deutsch-französischen Kulturkanal Arte zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr.

Wohlfühlfernsehen und 30 Krimis in der Woche

Baumeister: Das hat Matthias Kremin auch ins Feld geführt. Damit war die Ausstrahlung im Ersten auf dem Papier eine Wiederholung und konnte ohne weitere Begründung ins Nachtprogramm geschoben werden. Wenn diese formale Hürde tatsächlich so unüberwindbar sein sollte, müssen die Sender der ARD in Zukunft bestimmte Inhalte alleine produzieren. Dann haben sie dieses Hindernis nicht mehr und die Erstausstrahlung kann zu einer vernünftigen Uhrzeit angesetzt werden. Hinzu kommt, dass es im Ersten sehr viele Programmzwänge gibt. Alle Sender des Verbunds wollen ihre Beiträge im Ersten platzieren.

MK: Die Konkurrenz ist also sehr groß...

Baumeister: …und die Programmstruktur extrem fix. Allein die wöchentlichen Talkformate, Fernsehserien und Krimis belegen einen Großteil der attraktiven Sendeplätze. Sie sind Quotengaranten. Einzelne Dokumentationen oder Dokumentarfilme haben vor 22.45 Uhr im Ersten kaum eine Chance. Anscheinend befürchteten die ARD-Verantwortlichen bei „Die Hälfte der Welt gehört uns“, dass der Film nicht genügend Quote bringt. Gerade dieses Denken halte ich für gefährlich.

MK: Es sind schließlich öffentlich-rechtliche Sender, die einen umfassenderen Programmauftrag haben. Aber gerade im Fernsehbereich scheint in den Hauptprogrammen vor allem Massenattraktives für sie zu zählen. Haben Sie noch Hoffnung, dass sich dieses Denken wieder ändern kann?

Baumeister: ARD und ZDF haben den Luxus, sich nicht dem Markt stellen zu müssen. Im Gegensatz zu den privaten Sendern finanzieren sie ihr Programm nicht durch Werbung, sondern durch die Einnahmen aus dem Rundfunkbeitrag. Das ist ein gewaltiges Privileg, das es zu nutzen gilt. Ich bin überzeugt, dass eine reine Quotenorientierung ein durchkonfektioniertes Programm zur Folge hat. Wir sind bereits mitten in diesem Prozess. Und was folgt daraus? Eine Nivellierung der Inhalte! Die Menschen, die anspruchsvolle und ungewöhnliche Programme suchen, werden sich von den etablierten Sendern, den öffentlich-rechtlichen Programm abwenden. Das wird sich ändern. In Großbritannien beispielsweise haben vergangenes Jahr 860.000 Menschen der BBC den Rücken gekehrt. Im Jahr 2017 waren es schon rund 790.000. Man nennt das mittlerweile den „Netflix-Effekt“. Bei uns kann man zwar nicht beim Beitragsservice kündigen, aber für schlimmer halte ich die „innere Kündigung“. Die Zuschauer begleichen zwar den Rundfunkbeitrag, haben aber keine innere Bindung oder Erwartung mehr.

MK: Wie lautet denn Ihre Kernbotschaft für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, für das Fernsehen, das ARD und ZDF bieten sollten?

Baumeister: Gute Information braucht Meinungsvielfalt, Zeit für Recherchen, Offenheit für ungewöhnliche Formate und Durchhaltevermögen. Gute und unterhaltende Programme brauchen mutige Sender, die Geld für riskante Vorhaben in die Hand nehmen. Und am Ende müssen die gelungenen Filme breit sichtbar für die Zuschauer gemacht werden, im linearen Programm und in den Mediatheken. Nur dadurch bleibt man langfristig glaubwürdig. Mit Wohlfühlfernsehen und 30 Krimis in der Woche werden die öffentlich-rechtlichen Sender das nicht schaffen.

MK: Trotzdem dürfte die Quote auch künftig bei ARD und ZDF eine Rolle spielen. Der frühere WDR-Redakteur und -Autor Gert Monheim berichtete ja 2012 in einem Vortrag davon, wie sehr das Quotendenken sich in den Köpfen öffentlich-rechtlicher Verantwortlicher eingenistet habe. Und er sprach in diesem Zusammenhang von einer regelrechten „Guillotine-Wirkung“, die die Angst vor einer schlechten Quote für anspruchsvolle Sendungen zur Folge hat.

Den Programmauftrag von ARD und ZDF konkretisieren

Baumeister: Ich würde mir in der ganzen Debatte einen anderen Ansatz wünschen und den Programmauftrag näher betrachten. Dieser Programmauftrag wird unter anderem durch den Rundfunkstaatsvertrag umrissen. Bislang lautet das Credo, dass sich die Politik nicht in die Programmautonomie der Sender einmischen darf. Ich finde, dass der Gesetzgeber sehr wohl berechtigt ist, diesen Programmauftrag zu konkretisieren.

MK: Da werden jetzt die Intendanten der Sender zusammenzucken und sogleich an eine Klage denken, weil sie einen solchen Eingriff als rechtswidrig betrachten.

Baumeister: Damit das klar ist: Es geht mir nicht darum, dass die Politik konkrete Inhalte anfasst. Aber in welchem Umfang gehören Markenchecks, Trödelshows und eine Flut von Kochsendungen zum öffentlich-rechtlichen Programmauftrag? Ist es sinnvoll, 23 Prozent des Budgets für Sportübertragungen auszugeben, damit aber nur sechs bis neun Prozent des Programms zu bestücken? Wie viel ist eine Dokumentation wirklich wert, wenn sie zwanzig Mal wiederholt wird? Im Gegensatz zu einer Sportübertragung, die nur einmal gezeigt werden darf. Über diese Fragen muss ernsthaft diskutiert werden. Und auf den morgendlichen Quotencheck würde ich verzichten. Ich bin mir sicher: Das würde enorm viel kurzfristigen Druck rausnehmen und Kreativität freisetzen. Nur so können Programme entstehen, die international Maßstäbe setzen.

MK: Und wenn das alles nicht klappt...

Baumeister: …schaue ich mich als Dokumentarfilmerin nach Alternativen um. Beim internationalen Bezahlfernsehen und Streaming-Geschäft sehe ich wachsende Möglichkeiten, Inhalte, die mich interessieren, zu realisieren. Netflix, Amazon Prime oder Sky setzen seit Jahren wichtige Impulse. Netflix hat beispielsweise das Genre der Doku-Serie völlig neu aufgesetzt und belebt gerade das Genre des Dokumentarfilms mächtig. Man muss aber sehen, dass ein Mehr an Sendern und Anbietern nicht automatisch zu einem Mehr an Möglichkeiten für uns Dokumentarfilmer führt. In Deutschland zahlen die Menschen den Rundfunkbeitrag – die Bereitschaft, zusätzlich Geld für Streaming und Pay-TV auszugeben, ist entsprechend gering.

MK: Sie leben und arbeiten auch in Los Angeles – da wäre der Schritt ins internationale Geschäft nur logisch.

Baumeister: Ich wage gerade den Schritt. Man darf sich aber nicht der Illusion hingeben, dass es ohne weiteres möglich ist, als deutsche Regisseurin in Frankreich, Großbritannien oder den USA Erfolg zu haben. Denn in Städten wie London oder Los Angeles wimmelt es von talentierten Menschen. Und dazu kommen Dinge wie eine Arbeitserlaubnis, Sprachkenntnisse und Kontakte. Was man sich in der Heimat in Jahrzehnten aufgebaut hat, lässt sich im Ausland nicht binnen ein oder zwei Jahren aus dem Boden stampfen. Auch das dauert. Davon abgesehen braucht es Zeit, sich auf die Kultur des anderen Landes einzulassen. Ich bin in Deutschland auf der Schwäbischen Alb groß geworden. Ich kann, ohne dort zu sein, die Wiesen riechen, den Dialekt hören und den Herbstwind spüren. Daraus schöpfe ich meine Kreativität. Es braucht Zeit, dieses Gefühl für andere Menschen, Landschaften und Kulturen zu bekommen.

MK: Können Sie genauer beschreiben, was Sie damit meinen?

Baumeister: Um Dokumentationen für einen fremden Markt zu produzieren, muss man die Kultur kennen, ein Gespür dafür haben und auch die Senderlandschaft kennen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich aus dem Stand eine historische Fernsehdokumentation für ein ausschließlich brasilianisches Publikum produzieren soll, wird mir mulmig zumute. Es gibt zig talentierte brasilianische Kollegen, die das besser hinbekommen. Die brauchen mich nicht. Man hat im Ausland nur Erfolg, wenn man den Sendern und Produktionsfirmen etwas bietet, das sie nicht haben.

MK: Kommen wir zurück auf Ihren Film „Die Hälfte der Welt gehört uns“ und damit die Thematik der Emanzipation der Frau. Was verrät die späte Programmierung des Films im Ersten über die Rolle und das Bild von Frauen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?

TV-Kommissarinnen: Erfolgreiche, aber todtraurige Frauen

Baumeister: Sie sagt etwas aus über Anspruch und Wirklichkeit. Immer wieder betonen ARD-Spitzenvertreter, wie wichtig es sei, die Vielfalt von Frauenschicksalen zu zeigen – mit Protagonistinnen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Das sehe ich aber so nicht im Programm. Die zahlreichen TV-Kommissarinnen sind sicher erfolgreiche Frauen, aber meistens sind sie todtraurig. Die Welt besteht jedoch nicht nur aus unglücklichen Ermittlerinnen.

MK: Eine speziell deutsche Thematik für das Fernsehen hierzulande ist die DDR-Geschichte. Wie steht es aus Ihrer Sicht um diese Thematik in den Programmen?

Baumeister: Ich glaube, dass darüber zu wenig zu sehen ist. Hinzu kommt: Wenn Filme über ein relevantes Thema aus der DDR-Zeit gemacht werden, dann stammen die Mitglieder des Teams meist alle aus dem Westen. Das ist ein Missverhältnis. Möglicherweise liegt es daran, dass unsere heutige Medienlandschaft immer noch westlich dominiert ist. Das trifft nicht nur auf die Zeitungen zu, auch die ARD und das ZDF sind in der alten Bundesrepublik gegründet worden. Auch viele Produktionsfirmen im Westen haben ihre Wurzeln in den 1960er und 1970er Jahren.

MK: Besonders gut scheinen weiterhin Themen aus der Nazi-Zeit im Fernsehen zu laufen.

Baumeister: Dieser Eindruck ist den zahlreichen Wiederholungen geschuldet. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass Neuproduktionen nur noch bei Jahrestagen gefragt sind. Wie auch in anderen Fällen: 100 Jahre Erster Weltkrieg, 55 Jahre Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy – das geht immer. Ebenfalls bei den Sendern begehrt ist natürlich alles, was sich als Serie beziehungsweise Reihe ausbauen lässt. Das ZDF hat das schon lange begriffen. Guido Knopp vor Jahren hat mit Reihen wie „Hitlers Helfer“ Maßstäbe gesetzt und auch eine historische Debatte in der Öffentlichkeit angeregt. Mit der Waffen-SS, Hitlers Frauen und dem Holocaust als Themen ging es weiter. Man mag dazu stehen, wie man will, aber Fakt ist, dass es kontrovers diskutierte Programme waren. In deutschen Hörsälen wurde darüber leidenschaftlich diskutiert. Leider gibt es solche Reihen und Serien nicht mehr. Seriell werden nun konforme Dokumentationen über europäische Königshäuser, deutsche Unternehmer und Lebensmittelchecks produziert. Ich habe an solchen Produktionen ebenfalls mitgewirkt, habe aber bemerkt, dass ich nach der zweiten Dokumentation über Juan Carlos und das spanische Königshaus nichts Neues und Überraschendes mehr erzählen konnte. Manchmal täte es uns gut, nach der zweiten Staffel aufzuhören. Dann, wenn es am Schönsten ist. Das wird aber leider viel zu selten gemacht.

MK: Sind Sie selbst vor dieser Versuchung gefeit, bereits vorhandenes Material überarbeitet abermals auf den Markt zu bringen?

Wenn nicht genügend Geld da ist, solle man es bleiben lassen

Baumeister: Natürlich nicht. Ich habe einen Film über Elvis und Priscilla gemacht. Danach wurde ich immer wieder gefragt, ob ich nicht ein Sequel machen könne. Das war verlockend. Aber ich habe rasch gemerkt: Ich kann nichts Neues erzählen. Deshalb habe ich es nicht weiter verfolgt.

MK: „Die Hälfte der Welt gehört uns“ wurde als Doku-Drama beworben. Es gab die bei diesem Genre nicht unübliche Kritik, dass dabei die Grenze zwischen Dokumentation und Spielfilm verwischt werde. Können Sie das nachvollziehen?

Baumeister: Das Genre des Doku-Dramas ist eine wunderbare Möglichkeit, bildarme Stoffe zu erzählen, neue Erzählperspektiven auszuprobieren und auch die Grenzen zum Spielfilm auszuloten. Horst Königstein und Heinrich Breloer haben gezeigt, wie spannend und inspirierend das sein kann. Das Doku-Drama hat allerdings ein Problem: das Budget. Meist entspricht es nicht dem des Spielfilms, sondern dem einer besseren Dokumentation.

MK: Das bedeutet entsprechende Einschränkungen.

Baumeister: Lasche Drehbücher, improvisierte Ausstattung, ungeeignete Drehorte und Kleindarsteller, die plötzlich große Rollen spielen sollen. Das ist für mich die eigentliche Grenze des Genres. Wenn nicht genügend Geld da ist, um ein historisches Thema angemessen zu recherchieren und zu inszenieren, dann sollte man es bleiben lassen. Denn dann wird das Resultat auf der Leinwand entweder lächerlich, flach oder unglaubwürdig sein.

MK: Aber wie verhält es sich mit der Authentizität? Der Journalist Leonard Kern in „Die Hälfte der Welt gehört uns“ ist eine fiktive Figur.

Baumeister: Das stimmt. Mein Koautor Stefan Wilke und ich – wir haben das Drehbuch gemeinsam geschrieben – haben diese Figur erfunden, um durch sie den gesellschaftlichen Strömungen und Argumenten jener Zeit Stimme und Gesicht in dem Film zu verleihen. Solche dramaturgischen Kniffe sind in diesem Genre nötig. Ansonsten kann ich für „Die Hälfte der Welt gehört uns“ mit gutem Gewissen sagen, dass jede Szene verbürgt ist. Eine Emmeline Pankhurst wurde tatsächlich zusammengeschlagen, Marie Juchacz ist von Tür zu Tür gegangen und Marguerite Durand hatte eine gezähmte Löwin.

MK: Dokumentarfilmer klagen immer wieder, ihre Arbeit werde nicht angemessen honoriert. Wie viel Zeit haben Sie in Ihr Doku-Drama gesteckt?

Baumeister: Von der Idee bis zur Ausstrahlung hat es bei diesem Projekt drei Jahre gedauert. Ich selbst habe während dieser Zeit natürlich parallel auch noch andere Filme realisiert, denn von einem oder zwei Filmen im Jahr kann man nicht leben. Für Reinhardt Beetz, den Produzenten von „Die Hälfte der Welt gehört uns“, war das ein echter Marathon. Ich bin dankbar, dass er durchgehalten hat. Er hat bei den Sendern und Förderanstalten das Geld mühsam zusammengetragen und für das Thema geworben. Das Thema Frauenwahlrecht war extrem schwierig zu verkaufen. Das Ganze war ein unglaublich langwieriger Prozess.

MK: Wie sehen Sie Ihre Rolle als Dokumentarfilmerin bei diesem Prozess?

Baumeister: Als Regisseurin ist es meine Kernaufgabe, ein gutes Produkt zu schaffen. Im ersten Schritt ist das ein Treatment, dann ein Drehbuch, das der Produzent verkaufen kann. Im weiteren Prozess geht es mir darum, Filme zu realisieren, die den Zuschauer im angelsächsischen Sinn gut unterhalten: Filme, die anregen, berühren und den Horizont erweitern.

MK: Befürchten Sie, dass die jüngsten Enthüllungen um den Einsatz von bezahlten Komparsen bei einigen WDR-Dokumentationen Ihre Arbeit entwerten?

Wenn Menschen nicht in die durchformatierte Fernsehwelt passen

Baumeister: Das hat auf alle Fälle den Ruf der Dokumentarfilmer stark beschädigt. Sonderlich überrascht haben mich diese Enthüllungen jedoch nicht. Ich kenne die Fakten in diesem Fall aber zu wenig, um darüber zu urteilen. Doch fast alle Fernsehformate im Doku-Bereich haben feste Regeln. Ob es nun um die WDR-Reihe „Menschen hautnah“ geht oder das ZDF-Format „37°“. Es sind für einen ganz bestimmten Sendeplatz durchkonfektionierte Produkte. Der Zuschauer weiß, was er bekommt, wenn er einschaltet. Der Journalistenkollege Fritz Wolf hat ja im Februar eine im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm erstellte Studie dazu vorgelegt. Er ist darin zu dem Schluss gekommen, dass vier Fünftel der gezeigten Dokumentationen der öffentlich-rechtlichen Sender streng formatiert sind. Sie folgen festen Erzählregeln, wie zum Beispiel einer bestimmten Art, auf ein Happy-End hin zu erzählen. Ist es nicht geradezu zwangsläufig, dass sich dadurch der Blick auf die Wirklichkeit verengt und nur noch feste Konzepte durchdekliniert werden? Das fängt schon bei scheinbaren Kleinigkeiten an: Wann haben Sie das letzte Mal im Ersten oder im ZDF jemanden breitestes Bairisch oder Platt sprechen gehört, so unverständlich, dass man Untertitel benötigt? Wann das letzte Mal einen übergewichtigen Wissenschaftler oder eine bucklige Historikerin? Diese Menschen gibt es, sie passen aber nicht in die schöne durchformatierte Fernsehwelt.

MK: Als Filmemacherin, die sich in den vergangenen Jahren mit dem Kampf der Frauen fürs Wahlrecht beschäftigt hat: Was halten sie von Frauenquoten?

Baumeister: Lange Zeit habe ich damit geliebäugelt, doch mittlerweile stehe ich der Quote kritisch gegenüber. In Amerika erlebe ich, wie eine Quote die andere nach sich zieht. Zuerst gab es zum Beispiel an den Schulen eine Quote für Schüler mit hispanischem Familienhintergrund. Nun wird unter den Hispanics heftig diskutiert, ob das gerecht ist und es nicht eigentlich Quoten für Mexikaner, Kolumbianer, Salvadorianer braucht. Auch bei der Besetzung von Posten mit Frauen gibt es die Diskussion, ob nicht noch eine Altersquote zugunsten von älteren Frauen eingeführt werden müsste. Wo soll das enden? Es stellt sich mir die Frage, ob Quoten nicht langfristig unser Zusammenleben kaputtmachen, denn jeder will irgendwann zu einer Gruppe gehören, die die Privilegien einer Quote genießt. Ich sehe aber auch, dass wir Frauen mit Geduld, Fleiß und Gehorsam nicht an Aufsichtsratsposten kommen. Anstatt Quoten fordere ich eine tatsächliche Chancengleichheit von klein auf. Das bedarf unglaublich großer Investitionen, neuer Denkmodelle und einer breiten Diskussion. Nur so kann ein gelebtes Mit- und Füreinander, eine wirkliche Geschlechterblindheit Realität werden. Und davon sind wir noch entfernt.

MK: Gesetzt den Fall, Zeit und Geld spielten keine Rolle: Welches Dokumentarprojekt würden Sie dann am liebsten realisieren?

Baumeister: Das Genre des Doku-Dramas reizt mich weiterhin. Und es gibt schon erste Gespräche für ein solches Lieblingsprojekt mit einem Produzenten, der einen Stoff mit meinem Mann und mir entwickeln will. Mehr darf ich gerade nicht verraten.

19.05.2019/MK

Print-Ausgabe 17/2019

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