Die Freiheit des Filmemachers

Grimme trifft im Bundestag die Branche und die Politik

Von René Martens
20.12.2016 •

23.12.16 MK  Fragen rund um die „Bedeutung gesellschaftspolitischer Debatten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“ standen am 13. Dezember bei einer vom Grimme-Institut und der ARD organisierten Veranstaltung im Deutschen Bundestag in Berlin auf dem Programm. Ausgangspunkt der Diskussionen waren die Recherchen, die der Filmemacher Daniel Harrich und andere Kollegen im Auftrag des Südwestrundfunks (SWR) und des Bayerischen Rundfunks (BR) zu illegalen deutschen Waffenlieferungen nach Mexiko angestellt hatten. Für diese Recherchen, die unter anderem am 23. September 2015 im Ersten Programm der ARD in einen Schwerpunkt mündeten, der aus dem Spielfilm „Meister des Todes“ und der Dokumentation „Tödliche Exporte – Wie das G36 nach Mexiko kam“ bestand (vgl. MK-Kritik), war Harrich im Februar dieses Jahres mit dem Grimme-Preis für eine besondere journalistische Leistung ausgezeichnet worden.

Offiziell firmierte die Veranstaltung in Berlin als „Parlamentarischer Abend“; eingeladen hatten Tabea Rößner, die medienpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, und Frank Schwabe, Sprecher für Menschenrechte in der SPD-Bundestagsfraktion. Schwabe gehörte 2015 in seiner Eigenschaft als Mitglied des Menschenrechtsausschusses zu einer Delegation von Parlamentariern, die sich, ausgelöst durch den ARD-Themenabend mit den beiden Filmen, in Mexiko über die Situation vor Ort informiert hatte.

Ermordete Journalisten

„Ob und wie frei Filmemacher und Journalisten heutzutage arbeiten können“, so lautete eine der Detailfragen, die auf zwei Podien – besetzt unter anderem mit mehreren ARD-Vertretern und den im Film „Meister des Todes“ mitwirkenden Schauspielern Heiner Lauterbach und Veronica Ferres – diskutiert wurden. Gastgeberin Tabea Rößner sagte, es sei angesichts dessen, „dass die Pressefreiheit in anderen Ländern unter Druck gerät, wichtig, investigative Recherchen zu gewährleisten“. Auf die Frage nach der filmemacherischen Freiheit hierzulande konnte Daniel Harrich eine positive Teilantwort präsentieren. In der Woche vor der Veranstaltung im Bundestag war eine Entscheidung des Amtsgerichts München, die die Recherchen von Harrich und seinem Team betraf, rechtskräftig geworden. Das Gericht hatte eine Anklage der Staatsanwaltschaft München nicht zugelassen, in der Harrich und anderen Kollegen vorgeworfen worden war, Schriftstücke aus einem Anklageverfahren der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen Mitarbeiter der in Oberndorf am Neckar ansässigen Waffenfirma Heckler & Koch auf verschiedenen Wegen veröffentlicht zu haben. Befremdlich an dem Vorwurf war, dass die Journalisten selbst der Staatsanwaltschaft Stuttgart die Dokumente zur Verfügung gestellt hatten.

Harrich räumte ein, dass man trotz solcher Einschüchterungsversuche in Deutschland hinsichtlich der Arbeitsbedingungen als Filmemacher oder Journalist in einem „Schlaraffenland“ lebe – jedenfalls verglichen mit Mexiko: „Seit wir mit den Recherchen zu Heckler & Kochs Waffenlieferungen nach Mexiko begonnen haben, sind sieben Journalisten, die zu unserem Umfeld gehörten, ermordet worden“, erläuterte er. Das gleiche gilt für zwei junge Informanten, „die wir durchaus als unsere Freunde bezeichnen würden“, so Harrich. Ohne sie wären, wie der Filmmacher in Berlin betonte, die folgenreichen ARD-Filme nie zustande gekommen. Man dürfe sich in Sachen Pressefreiheit aber „nicht zurücklehnen. Sonst kommen wir dahin, wo andere Länder hineingeschlittert sind“, ergänzte er.

Was ein Film erreichen kann

Mit einer rhetorisch geschickten Mischung aus Generalkritik und großem Lob wartete Gert Heidenreich auf, der Drehbuchautor von „Meister des Todes“. Als Daniel Harrich Ende 2013 zu ihm gekommen sei, habe er, Heidenreich, „nie geglaubt, dass der Film in der ARD laufen wird. Das Thema erschien mir zu brisant“, sagte er. Der größte Beifall für „Meister des Todes“ kam von dem im Auditorium sitzenden FDP-Politiker Markus Löning, der von 2010 bis 2014 Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe gewesen war. Der ARD-Spielfilm – Einschaltquote: 4,17 Mio Zuschauer – habe „mehr erreicht als Tabea Rößner, Frank Schwabe und andere Politiker jemals erreichen könnten“, meinte Löning. Von Politikern im Auditorium war daraufhin dezent protestierendes Gegrummel zu vernehmen. Löning selbst ist heute kein Berufspolitiker mehr, er hat 2014 in Berlin eine Firma gegründet, um „Unternehmen strategisch auf dem Weg zur Erfüllung ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten zu unterstützen“.

Frauke Gerlach, die Direktorin des Grimme-Instituts, forderte auf der Veranstaltung, die Sender müssten die Debatten zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen durch eine stärkere Einbeziehung des Publikums vertiefen. „Man muss es verantwortungsvoll tun“, aber es sei auch keine Option, „diesen Weg nicht zu gehen“, sagte Gerlach. Eine Zuschauerabstimmung, wie sie die ARD bei dem am 17. Oktober ausgestrahlten Spielfilm „Terror“ organisiert hatte (vgl. hierzu diesen MK-Artikel), sei generell der richtige Ansatz, allerdings sei die konkrete Umsetzung in jenem Fall nicht geglückt, so die Institutsdirektorin.

Regisseure mit Migrationshintergrund

Projekte wie der ARD-Schwerpunkt rund um „Meister des Todes“ wären im Privatfernsehen „nicht denkbar“, betonte Martina Zöllner, Leiterin der SWR-Hauptabteilung Film und Kultur: „Das können, mit Verlaub, nur wir.“ Derzeit beschäftige man sich gerade „intensiv“ damit, wie man die großen Themen des Jahres 2016 – Zöllner nannte als Stichworte unter anderem die AfD und die Terroranschläge in Frankreich – „in die Fiktion“ bringe.

Auf einen Makel in der öffentlich-rechtlichen Fiction-Produktion machte der im Auditorium anwesende deutsch-türkische Filmproduzent und Schauspieler Numan Acar aufmerksam, der unter anderem in der vierten Staffel des US-Serie „Homeland“ zu sehen ist. Seine Klientel finde sich in Spielfilmen, in denen Menschen mit Migrationshintergrund tragende Rollen spielten, nicht wieder, weil diese Filme von einem Blick von außen geprägt seien. Es fehle an Filmen von Regisseuren, die solche Milieus von innen kennen, so Acar. Er forderte daher, angelehnt an die Ziele des Regisseurinnen-Zusammenschlusses ‘Pro Quote Regie’, eine Quote für Regisseure mit Migrationshintergrund.

20.12.2016/MK