Daniel Harrich/Gert Heidenreich: Meister des Todes. Fernsehfilm (ARD/SWR/BR) / Daniel Harrich: Tödliche Exporte – Wie das G36 nach Mexiko kam. Dokumentation (ARD/SWR/BR)

Fiktion und Fakten überzeugend kombiniert

Dass die ARD die Produktion eines Spielfilms zur Geheimsache erklärt, passiert auch nicht alle Tage. Doch hier fanden die Dreharbeiten lange Zeit unter dem Vorwand statt, man arbeite an einer romantischen Schwarzwald-Komödie, und als schließlich doch ans Licht kam, dass es in dem Film um eine hochbrisante Geschichte über illegale deutsche Waffenexporte gehen sollte, hielt man mit Details weiterhin hinterm Berg. Fördermittel hatte man im Interesse der Geheimhaltung erst gar nicht beantragt, und als das Werk mit dem Titel „Meister des Todes“ dann endlich vollendet war, mochte man es Journalisten vor der Ausstrahlung nicht zeigen.

Das alles war vielleicht ein bisschen viel der Geheimniskrämerei, doch immerhin basierte die Fiktion hier weitestgehend auf akribischen Recherchen zu einem massiven Gesetzesverstoß der im württembergischen Oberndorf ansässigen Waffenschmiede Heckler & Koch. Durchgeführt hatte die Recherchen der Journalist und Filmemacher Daniel Harrich, der bereits im vorigen Jahr mit „Der blinde Fleck“ über das Attentat auf dem Münchner Oktoberfest aus dem Jahr 1980 für Aufsehen gesorgt hatte (vgl. hierzu FK-Hefte 42/14 und 51-52/14). Auch diesmal übernahm Harrich bei dem Spielfilm selbst die Regie, während er beim Verfassen des Drehbuchs Gert Heidenreich als Koautor hinzugezogen hatte.

Der Film – der am 23. September wegen eines ARD-„Brennpunkts“ zum VW-Skandal mit zehnminütiger Verspätung ausgestrahlt wurde –, erzählt die Geschichte des jungen Familienvaters Peter Zierler (Hanno Koffler), der beim Waffenhersteller HSW beschäftigt ist. Ein Traditionsunternehmen in der deutschen Provinz und Hauptarbeitgeber für die Menschen in der Region. Eigentlich verbringt Zierler seine Zeit am liebsten mit Frau und Kindern im schmucken Reihenhaus, doch sein Job bringt es mit sich, dass er ständig in aller Welt unterwegs ist. Er ist der Präzisionsschütze, der Interessenten durch Vorführungen vor Ort von den Qualitäten der neuesten HSW-Produkte überzeugen soll.

Begleitet wird Peter Zierler auf diesen Reisen zumeist von Alex Stengele (Heiner Lauterbach), dem Vertriebschef der Firma, der zu seinem jungen Mitarbeiter ein fast schon väterliches Verhältnis hat. Auf einer Dienstreise nach Mexiko läuft für das Duo, nicht zuletzt dank der Hilfe des Lobbyisten Otto Lechner (Udo Wachtveitl), alles glatt. Die Militärs sind beeindruckt von der Präsentation des neuen Top-Gewehrs und ordern in großem Stil. Doch zurück in der Heimat, sehen sich die HSW-Manager mit einem neuen Ausfuhrverbot der Bundesregierung (Stengele: „Diese Gutmenschen im Außenministerium!“) für bestimmte mexikanische Provinzen konfrontiert. Darunter auch solche, mit denen HSW soeben Verträge abgeschlossen hat.

Das ist ärgerlich für den Waffenproduzenten – aber letztlich kein großes Problem: Man schreibt die Kontrakte einfach auf jene Regionen des Landes um, für die kein Waffenembargo besteht. Doch dazu müssen Stengele und Zierler noch einmal nach Mexiko reisen. Vor Ort wird Zierler nun Zeuge, wie Polizisten mit den Gewehren aus dem Hause HSW auf Demonstranten schießen. Eine junge Studentin stirbt vor seinen Augen. Er ist geschockt. Als er in der Firmenzentrale seine Bedenken gegen das Mexiko-Geschäft äußerst, stößt Zierler bei Stengele und Geschäftsführer Heinz Zöblin (Axel Milberg) jedoch auf taube Ohren. Als er daraufhin seinen Ausstieg ankündigt und damit droht, seine Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen, beginnt für Zierler ein gefährlicher Spießrutenlauf. „Die Familie vergisst nie“, gibt ihm Stengele im Stil eines Mafia-Paten mit auf den Weg.

An diesem Polit- und Wirtschaftskrimi mit Thriller-Elementen ist vieles gelungen. Er hat ein gesellschaftlich relevantes Thema, das hochkarätige Darsteller-Ensemble agiert hervorragend und mit Gernot Roll steht ein Altmeister seines Fachs hinter der Kamera, dessen Arbeit vor allem in den Sequenzen in Mexiko-City besticht, in denen er die Stadt als düsteren, chaotischen Moloch ins Bild setzt. Und nicht zu vergessen: Das Grundgerüst der Geschichte basiert weitgehend auf Fakten um die Geschäfte des (hier unschwer zu erkennenden) realen Waffenkonzerns Heckler & Koch.

Wenn es hier etwas zu bemängeln gibt, dann ist es vor allem, wie Peter Zierler, die Identifikationsfigur des Films, gezeichnet ist. Dass jemand, der seit Jahren ohne jegliche Bedenken am Verkauf von Waffen in aller Welt beteiligt ist, plötzlich einen Totalschock bekommt, als er sieht, dass durch seine Gewehre auch Unschuldige zu Tode kommen können, ist schwer nachvollziehbar. Sollte er bis dahin wirklich geglaubt haben, mit deutschen Waffen werde überall nur der Gerechtigkeit zum Sieg verholfen? Hier hätte das Drehbuch seinem Hauptprotagonisten bereits vor dessen Mexiko-Trauma ruhig ein paar Skrupel zugestehen können. Zudem bleiben die anderen Figuren des Films jenseits ihrer Funktionen in der Firma seltsam konturlos. Lediglich dem von Heiner Lauterbach gespielten Stengele gesteht der Film noch ein Privatleben nebst frustrierter Gattin (Veronica Ferres) zu. Doch trotz dieser Mängel ist „Meister des Todes“ (4,17 Mio Zuschauer, Marktanteil: 13,5 Prozent) unter dem Strich ein sehr sehenswerter Krimi, zumal das deutsche Fernsehen an fiktionalen Stoffen mit realpolitischem Hintergrund nicht eben reich ist.

Unmittelbar im Anschluss an den von Daniel Harrich inszenierten Spielfilm zeigte das Erste dessen 30-minütige Dokumentation „Tödliche Exporte – Wie das G36 nach Mexiko kam“ (3,20 Mio Zuschauer, Marktanteil: 12,1 Prozent). Hier waren die realen Vorbilder für die Spielfilmfiguren zu sehen, hier präsentierte Harrich Dokumente, die die Gesetzesverstöße von Heckler & Koch in Sachen des Gewehrs G36 belegten. Dabei erläuterte er die näheren politischen und gesellschaftlichen (Macht-)Verhältnisse in Mexiko und legte dar, dass die deutsche Waffenschmiede aus dem Schwarzwald keineswegs nur – wie der Spielfilm nahelegte – in Mittelamerika Geschäfte macht. Es war ein überzeugender Faktencheck zum vorangegangenen Spielfilm. (Vgl. zum Thema auch diese MK-Kritik.)

02.10.2015 – Reinhard Lüke/MK
Spielfilm und Faktencheck: Gelungener Themenabend im Ersten Fotos: Screenshots

Print-Ausgabe 24/2018

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