Matthias Schmidt/Torsten Körner: Angela Merkel – Die Unerwartete (Arte/ARD/MDR)

Welch eine Wende

12.12.2016 •

12.12.2016 • Als sich im November 1989 die Mauer öffnete, hätte wohl niemand gedacht, dass die deutsche Wiedervereinigung eine solche Wende nehmen würde. Doch nun wird die Bundesrepublik schon die dritte Legislaturperiode von einer Frau regiert, die obendrein aus dem Osten kommt. In ihrem 90-minütigen Dokumentarfilm über Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) haben Matthias Schmidt und Torsten Körner (der auch Autor der MK ist) allen Grund, diese Frau „die Unerwartete“ zu nennen. Unerwartet ist vor allem der gegenwärtige Flüchtlingsandrang in Deutschland, eine humanitäre Herausforderung, der die Kanzlerin mit ihren viel zitierten drei Worten konstruktiv entgegenblickte. Von diesem gegenwärtigen Zustand aus blicken die beiden Autoren zurück. Mit einer interessanten Mischung aus Filmbiografie und Reprise der Nachwendezeit zeichnen die beiden Merkels unerwarteten politischen Werdegang nach.

Bahnbrechend Neues ist dabei nicht erfahren, so scheint es. Die Qualität des Films steckt in Detailbeobachtungen, die den Blick auf die Kanzlerin zwar nicht grundlegend verändern, aber doch zurechtrücken. Beeindruckend ist die Fülle der gut eingesetzten Filmausschnitte aus dem Archiv, mit denen unter anderem die politischen Gehversuche der protestantischen Pastorentochter als Sprecherin von Lothar de Maizière in Erinnerung gerufen werden. Die dürren Worte, die der erste und zugleich letzte demokratisch gewählte Ministerpräsident der DDR vor der Kamera über Angela Merkel äußert, lassen tief blicken. Der Zuschauer erlebt einen gebrochenen Mann, dessen Ideale von der Wiedervereinigung, wie sie dann ablief, pulverisiert wurden.

Dass Merkel von dieser Entwicklung nachhaltig profitierte, liegt an ihrer Anpassungsfähigkeit, die der Film aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Diese Begabung wird von Zeitzeugen unterschiedlicher politischer Couleur wie Franz Müntefering (SPD) oder Norbert Blüm (CDU) kommentiert. Sie alle geben sich wortreich, eloquent – immer aber auch ein wenig zähneknirschend. Erhellend ist der Seitenblick der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, die als einzige die Geschlechterthematik aufgreift und hervorhebt, wie sehr es sie nerve, dass die Bezugnahme auf Merkels Weiblichkeit oftmals despektierliche Untertöne habe.

Sehenswert ist „Angela Merkel – Die Unerwartete“ (Produktion: Broadview TV) besonders auch deshalb, weil Körner und Schmidt zwischen den Zeilen nachvollziehbar machen, wie die intellektuell und als Frau unterschätzte Politikerin als eine Art Computervirus fungierte, der unbemerkt die Schutzvorkehrungen des politischen Machtzentrums unterwanderte. Mit einer thematisch überzeugend gestaffelten Abfolge von Zeitzeugen-Kommentaren und Archivausschnitten erinnern die beiden Filmautoren daran, wie der damalige Kanzler Helmut Kohl (CDU) um sich herum ein Machtvakuum geschaffen hatte. Während potenzielle Kohl-Nachfolger wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sich wie männliche Alphatiere gerierten, die sich alle gegenseitig blockierten, agierte Angela Merkel im Zentrum der Macht wie ein Fisch im Wasser. Selbst ihre erste Niederlage, bei der sie 1995 als junge Umweltministerin wegen zu hoher Ozonwerte vergeblich ein Fahrverbot forderte, machte sie auf lange Sicht nur stärker.

Obwohl der Zuschauer diese Entwicklungen halbwegs im Gedächtnis hat, folgt er bereitwillig der feinziselierten Erzählung dieses Films, der in keinen Moment unspannend ist und lobenswerterweise ohne das üblich gewordene Mittel des Reenactments auskommt. Dass der Film es vermag, den Zuschauer zu fesseln im Falle einer Politikerin, die, so meint man, gar nichts Fesselndes zu haben scheint, mag daran liegen, dass hier eine verschachtelte politische Erzählung mit spürbarer Lust am Detail durchdekliniert wird. Angela Merkel soll dabei nicht mit investigativer Inbrunst ‘entlarvt’ werden. Stattdessen werden die zahlreichen politischen Manöver der heutigen Kanzlerin in Erinnerung gerufen, die alle eines gemeinsam haben: Es ging ihr neben den Inhalten stets immer und natürlich auch um die Macht, um die Machteroberung und Machtbefestigung, denn ohne diesen Willen bleiben Inhalte eben nur Ideen.

Fassbar wird dieser politische Instinkt vor allem bei jener Spendenaffäre, mit der Helmut Kohl sein eigenes Lebenswerk – immerhin die Wiedervereinigung – vernichtete. Indirekt zeigt der Film, dass Merkel ihren Mentor seinerzeit wie eine Königsmörderin beseitigte. Aber nicht aus persönlicher Rachsucht, sondern wie jemand, der sich nicht wirklich vorzudrängeln schien: wie eine selbstlose Agentin der reinen historischen Notwendigkeit.

Immer wieder gelingt es dem Film, dieses komplexe Vexierbild in pointierten Bildern zu fokussieren. So zeigen Schmidt und Körner, dass Angela Merkel nach ihrem Machtantritt im Kanzleramt bewusst nicht den protzigen Schreibtisch ihres Vorgängers Gerhard Schröder (SPD) benutzte. Stattdessen sieht man sie an einem schmucklosen Bürotisch sitzen, an dem sie emsig Akten abarbeitet. Als Zuschauer weiß man nicht so genau, ob man diesen protestantisch anmutenden Verzicht auf die Insignien der Macht toll finden oder ob man sich davor fürchten soll. So nähert sich der Film einer nie ganz zu durchschauenden Kanzlerin an, die wie ein Fisch auch kein Schmerzzentrum zu haben scheint. Selbst heftigste Stürme konnten ihr nichts anhaben. Als Gerhard Schröder sie nach seiner verlorenen Wahl bei der legendären TV-„Elefantenrunde“ 2005 wütend anblaffte, schien dies alles von ihr abzuprallen. Warum nur?

Merkels Charisma, so der ausführlich zu Wort kommende Heribert Prantl, Innenpolitik-Ressortleiter der „Süddeutschen Zeitung“, bestehe darin, dass sie keines habe. Dieses Phänomen einer vollendeten Mimesis macht der Film irgendwie greifbar. Er zeigt frei nach Robert Musil eine Frau ohne Eigenschaften, die sich auf ihrem steinigen Weg merkwürdigerweise niemals abnutzte. Eine Regentin, die sich im bürokratischen System der Verwaltung zu Hause fühlt. Als ob ein Stück der DDR in ihr weiterlebt. Der am 6. Dezember zunächst bei Arte ausgestrahlte Film läuft am kommenden Montag (12. Dezember) von 22.15 bis 0.15 Uhr auch im Ersten.

12.12.2016 – Manfred Riepe/MK