Gerold Ducke: Weiße Hirsche (SR 2 Kulturradio)

Erinnerte Nachkriegszeit

16.09.2016 •

Gerold Ducke, in Berlin lebender Sachbuchautor und Dozent in der Erwachsenenbildung, hat jetzt als 68-Jähriger sein erstes Hörspiel geschrieben. Er gestaltet in dem Stück, das vom Saarländischen Rundfunk (SR) realisiert wurde, in einer differenzierten Formensprache Kindheitserfahrungen, die mit großer Wahrscheinlichkeit eine autobiografische Basis haben. Der dramaturgisch plausibel entwickelte Text ist keine klartextliche Recherche, sondern eine Montage von monologischen Erinnerungen, Gesprächen mit Lebenden und Toten, Phantasien und Deutungsmustern, die die Dimensionen der Zeiten, Orte, der historischen Ereignisse und biografischen Erfahrungen amalgamiert. Das hörens- und nachdenkenswerte Ergebnis ist eine poetische Rekonstruktion von prägenden Kindheitserfahrungen, die lange vergangen und doch im Bewusstsein nachhaltig gegenwärtig sind.

In der Gegenwartsebene besucht Alfred, ein Mann in den mittleren Jahren, über dessen Lebensverhältnisse, Status, Beruf etc. der Hörer nichts erfährt, Ende der 1960er Jahre seine Mutter und seinen leicht dementen Vater in der „Volkswagenstadt“, wie es heißt. Bereits in der dritten der fast 40 kurzen Textsequenzen überfallen Alfred die Erinnerungen, zuerst in den Erzählungen des Vaters über dessen Heimat im Böhmerwald, wo er angeblich weiße Hirsche gesehen haben will und von wo er auszog, um im „größten Automobilwerk Deutschlands“ zu arbeiten. Die Stimme der Mutter wird eingeblendet: Als kriegsgefangene Krankenschwester hat sie „Lebende von den Toten sortiert“, in einem Lager für entlassene Kriegsgefangene hat sie nach Ende des Zweiten Weltkriegs Alfreds verwundeten Vater gepflegt. Der kleine Alfred steht zehn Jahre später verständnislos vor den Grabhügeln von Tausenden ermordeter KZ-Häftlinge und Fremdarbeiter.

Tante Anna erzählt Alfred von der „Reichskristallnacht“ und vom Bombenkrieg. Die Stimme eines Euthanasie-Arztes ist zu hören: „Als wir den Krieg verloren hatten, wurde ich zum Tode verurteilt wegen vorsätzlicher Vernachlässigung oder, wie es hieß, ‘willful neglect’.“ Unglaubhaft erscheint Alfred die Selbstexkulpierung eines VW-Konstrukteurs: „Von Politik verstand ich nichts. Ich wollte immer nur mein Projekt verwirklichen, das Familienauto für tausend Reichsmark.“ Mit der Schuldverdrängung korrespondiert der virulente Judenhass, den der Vater mit dem Satz „Jud bleibt Jud“ nicht kleinreden kann. Viele ähnliche Aussagen könnten aufgelistet werden und am Schluss bekennt die alte Mutter, sie träume immer noch von der Kriegszeit. Als Alfred sie fragt, warum sie ihm nie darüber erzählt habe, kontert sie spitz: „Hast du mich denn gefragt?“

Alfred stellt sich spät der Geschichte seiner Familie, seiner Herkunft, zumindest seiner partiellen Identität. Der Text bietet kein Resümee an, er überlässt es dem Hörer, die Details zusammenzufügen und vielleicht auch zu trauern über viel Lebensunglück. Regisseurin Beatrix Ackers hat neben der Montage, dezenten Geräuschkulissen und der Musik von Andreas Bick eine atmosphärisch verdichtete Dialogregie geführt. Jeweils dem Alter der Figuren entsprechend hat sie die wichtigsten Rollen in dem 69-minütigen Hörspiel mehrfach besetzt und die unterschiedlichen Zeit- und Stilebenen gut nachvollziehbar gemacht. Ihr stand ein ausgezeichnetes, hörbar von dem guten Text inspiriertes Sprecher-Ensemble zur Seite, aus dem stellvertretend Jörg Hartmann als Alfred, Jordy-Leon Sun als Kind Alfred und Walter Renneisen als alter Vater hervorzuheben sind.

16.09.2016 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK