Fanny Britt: Ein guter Mensch (SR 2 Kulturradio)

Gewissenskonflikt

16.06.2016 •

Mit dem Hörspiel „Ein guter Mensch“ setzt der Saarländische Rundfunk (SR) nicht nur seine kleine Hörspielreihe zum Thema „Versuchung“ fort, sondern ergänzt zugleich das inzwischen stattliche Repertoire frankokanadischer Hörstücke, die der Sender produzierte. Das Hörspiel ist eine Transformation (Übersetzung aus dem Französischen: Frank Weigand) des im Jahr 2012 unter dem Titel „Bienveillance“ uraufgeführten Theaterstücks der in Montreal lebenden Dramatikerin und Übersetzerin Fanny Britt.

Der Text hat nur eine rudimentäre Handlung, er entwickelt private Probleme und Konflikte ausschließlich in Dialogen zwischen sechs Personen und in zum Teil längeren Monologen des Pro­tagonisten Gilles Jean, eines 39 Jahre alten erfolgreichen Rechtsanwalts einer Kanzlei in Montreal. Nach 17 Jahren kehrt er in seine kleine Heimatstadt zurück und besucht dort Bruno, den geliebten Freund seiner Kindheit und Jugendjahre. Der Text gibt den beiden nicht viel Zeit, ihre Erinnerungen auszutauschen, das Wiedersehen wird von einem tragischen Ereignis überschattet. Bruno hat dem Sohn seiner Freundin Isabelle ein Baumhaus gebaut, aus dem der kleine Zachary so unglücklich gestürzt ist, dass er ins Koma fiel.

Eine Mitschuld an Zacharys vegetativer Verletzung geben Isabelle und Bruno dem Ambulanzdienst, der erst mit erheblicher Verspätung am Unfallort eingetroffen sei. Sie haben das Krankentransportunternehmen verklagt und jetzt rückt Gilles ins Zentrum der Konstellation, die die Freundschaft der beiden Männer einer Zerreißprobe aussetzt und Gilles in einen Gewissenskonflikt stürzt.

Der Ambulanzdienst hat die Kanzlei, in der Gilles arbeitet, mit der Verteidigung im anstehenden Gerichtsprozess beauftragt und nicht nur das – der Chef der Kanzlei will, dass Gilles den Fall übernimmt. Mit Ausflüchten versucht Gilles vergeblich, sich des Falls zu entledigen. Daraufhin entscheidet er sich für die Kündigung. Denn er will seine Mutter, Isabelle und Bruno nicht enttäuschen, halten sie ihn doch für einen „guten Menschen“.

Gilles selber sieht sich jedoch kritisch und formuliert dazu diese poetische Explikation: „Zwischen mir und einem Dasein als guter Mensch liegt eine mehrspurige Landstraße, die an einem Obstgarten vorüberführt. Wollte ich ein guter Mensch sein, wäre das wie der Versuch, von der anderen Straßenseite aus einen Apfel vom Baum zu pflücken.“ Schnell folgen auf diesen Wunsch drei unausweichliche Feststellungen: „Es ist einfach zu viel Verkehr. Ich habe keine Zeit zu warten. Äpfel kann ich mir genauso gut kaufen.“

Am Ende des Hörspiels phantasiert Gilles Wunschbilder eines Altruisten, der sich nach der Konfliktlösung auch zu seiner lange unterdrückten Homosexualität bekennt. Die Autorin spielt bis zum Schluss mit poetischen Lizenzen von oppressiven Gedanken und Visionen und der ernüchternden Erfahrung destruktiver Lebenswirklichkeit. Steffen Moratz als Regisseur dieser gut 80-minütigen Koproduktion von SR (federführend) und Deutschlandradio Kultur hat mit einem solidem Sprecher-Ensemble (Gilles’ Mutter ist allerdings zu jung besetzt) das Kammerspiel routiniert in Studioatmosphäre transformiert. Beim Deutschlandradio Kultur wird Fanny Britts Stück „Ein guter Mensch“ am 2. Oktober 2016 ausgestrahlt.

16.06.2016 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK