Das Leben ist analog

Medienevolution: Die fünfte Ausgabe des Symposiums „Cologne Futures“

Von Reinhard Lüke
26.10.2016 •

Es hat inzwischen schon Tradition, dass das Kölner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) während der Cologne Conference, die in diesem Jahr erstmals unter dem neuen Namen „Filmfestival Cologne“ stattfand, unter dem Titel „Cologne Futures“ ein eintägiges Symposium zur Medienevolution veranstaltet. Diesmal (am 11. Oktober) lautete das Thema „Präzision und Unsicherheit. Die Berechnung der Lebenswelt und die gesellschaftlichen Folgen“. Fürwahr ein langer Titel und ein weites Feld.

Doch eigentlich, so räumte IfM-Gründer Lutz Hachmeister zu Beginn der Veranstaltung ein, rede man ja jedes Jahr über einen Zusammenhang: das Verhältnis von biologischer, technologischer und kulturell-reflexiver Evolution. Die Medienevolution im engeren Sinne spiele hier eine besondere Rolle, weil sie die Aufklärungsinstrumente berühre, mit denen über den gesamten Evolutionskomplex und die Rolle der Menschen darin nachgedacht werden könne. „Es gibt eine McLuhan-Welt, und eine Carl-Schmitt-Welt“, so Hachmeister zur MK, „und wir müssen lernen, die Kontradiktionen auszuhalten.“ Gemeint sind die technosozialen Systeme auf der einen (McLuhan), die jeweiligen politischen Machtkonstellationen (Carl Schmitt) auf der anderen Seite.

Digitalisierung: Beunruhigende Auswirkungen

Und die Auswirkungen der neuesten, zumeist mit dem Oberbegriff „Digitalisierung“ belegten technosozialen Umwelt sind jedenfalls erheblich und höchst beunruhigend. So befand es zumindest Harald Welzer, Sozialpsychologe, Totalitarismusforscher und Autor des Bestsellers „Die smarte Diktatur“. Die Veränderung der Kommunikation durch die Digitalisierung sei beispiellos, so Welzer auf dem Symposium in der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM), es sei ein Prozess im Gang, der darauf hinauslaufe, jede Form von Privatheit zunichte zu machen. Schließlich müsse man davon ausgehen, dass Institutionen oder auch nur Algorithmen inzwischen mehr über eine Person wüssten als diese selbst. Zudem berge die Machtfülle einzelner Personen als Herrscher über gigantische Datenmengen unabsehbare Gefahren für demokratische Gesellschaften.

Welzer nannte in diesem Zusammenhang das Beispiel Mark Zuckerberg. Der Facebook-Gründer habe heute Verfügungsgewalt über zwei Milliarden Menschen und damit mehr Macht, als irgendein Diktator sich jemals hätte erträumen können. Zwar gebe sich Zuckerberg, so Welzer, stets als Smart Guy, aber das müsse ja nicht so bleiben. Und sein jüngst angekündigtes Projekt, mit einer Spende von drei Milliarden Dollar ein Forschungsinstitut gründen zu wollen, das die Welt von sämtlichen Krankheiten befreien solle, zeuge von einer kompletten „Mickey-Mouse-Phantasie“. Des Weiteren erklärte Harald Welzer das Gerede vom ‘digitalen Menschen’ für unsinnig. Das Leben sei nach wie vor analog und auf die wahren Probleme des Menschseins habe die Digitalisierung keinerlei Antworten.

Der Smart Guy Zuckerberg

Diese kulturpessimistische Perspektive mochte Wolfgang Gründinger natürlich nicht teilen. Der umtriebige „Zukunftslobbyist“ (Gründinger über Gründinger), Autor („Der Aufstand der Jungen“) und Leiter des Forums Digitale Transformation beim Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW), mutmaßte in seinen Ausführungen in Köln, die Kritik an der Digitalisierung sei womöglich schlicht eine Generationsfrage (Gründinger ist Jahrgang 1984, Welzer Jahrgang 1958). Und eine spezifisch deutsche obendrein. Schließlich sei Deutschland die einzige Nation der westlichen Welt, in der Akademiker die sozialen Netzwerke weniger nutzten als der Rest der Bevölkerung. Und den Betreibern der Netzwerke bzw. Internet-Konzernen Intentionen in Richtung Totalitarismus zu unterstellen und am Ende gar Google mit der Gestapo zu vergleichen, sei einfach absurd und eine groteske Überschätzung der Machtfülle solcher Unternehmen.

Zwar wollte auch Gründinger gewisse Risiken im Zusammenhang mit der Digitalisierung nicht leugnen, er sieht jedoch die Vorteile der Technologie als entschieden größer an als ihre Gefahren. Und schließlich gebe es zur Kontrolle ja Gesetze, an die sich die Unternehmen auch hielten. Spätestens an dieser Stelle konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass da soeben der Wirtschaftslobbyist Wolfgang Gründinger gesprochen hatte.

Uni-Absolventen werden sich wundern

Mit Fragen des exzessiven Datensammelns und damit verbundenen Machtkonzentrationen beschäftigte sich die Engländerin Julia Hobsbawm in ihrem Kölner Vortrag so gut wie überhaupt nicht. Vielmehr dozierte die ehemalige Chefin einer PR-Agentur und heutige Professorin für Networking über „Social Health“ im Zeitalter der Digitalisierung. Ihre Diagnosen vom rasanten Tempo der Entwicklung und der Gefahr, in Informationen zu ertrinken, nahmen sich dabei so schlicht aus wie ihre Therapievorschläge. Man dürfe sich von sozialen Netzwerken nicht in Besitz nehmen lassen, solle sich regelmäßige Auszeiten gönnen und öfter die Offline-Kommunikation von Angesicht zu Angesicht pflegen. Tipps, wie aus einem „Digital-Wellness“-Ratgeber.

Von größerer Brisanz waren da schon die Ausführungen des belgischen Mathematikers Paul-Olivier Dehaye über die Machenschaften von internationalen Studienplattformen wie beispielsweise Coursera, die Online-Studiengänge anbieten, auch mit europäischen Universitäten zusammenarbeiten und inzwischen weltweit Millionen von Studenten haben dürften. Im Gegenzug für seinen Service sammelt das Unternehmen so ziemlich alle Daten über seine Nutzer. Nicht nur Name, Alter und Geschlecht, sondern auch die Informationen, die über ihr Arbeitsverhalten und ihr Leistungsvermögen Auskunft geben. Und diese Daten bietet Coursera potenziellen Arbeitgebern zum Kauf an. Da dürften sich manche Uni-Absolventen später bei ihren ersten Vorstellungsgesprächen noch wundern. So sie denn überhaupt eingeladen werden.

26.10.2016/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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