Chris Ohnemus: Was uns trennt (SR 2 Kulturradio)

Die Versuchung des Geldes

04.03.2016 •

04.03.2016 • Unter dem Titel „Versuchung“ bietet der Saarländische Rundfunk (SR) im laufenden Halbjahr eine kleine Hörspielreihe an, deren Auftakt das Stück „Was uns trennt“ der 1964 im Schwarzwald geborenen Berliner Film-, Theater- und Hörspielautorin Chris Ohnemus bildete. In dem monothematischen, knapp einstündigen Hörspiel geht es anhand eines Fallbeispiels um die Frage: Ist jeder Mensch käuflich, hat jeder seinen Preis?

Die gut 30 Jahre alte, bislang völlig erfolglose Schriftstellerin Susu Bucher verlässt vor allem aus Geldnöten ihren Berliner Lebensalltag und zieht vorübergehend in den heimatlichen Schwarzwald, um auf einem Bauernhof zu arbeiten und als Putzfrau bei der verwitweten, hochbetagten und erfolgreichen Modefabrikantin Martha Mischel einen weiteren Lohn zu bekommen. Eines Tages bittet Frau Mischel Susu, sie nach Basel zu chauffieren, sie wolle sich dort mit ihrem Anlageberater Füssli treffen Damit beginnt für Susu ein Abenteuer, das sie in große Gewissenskonflikte führt. Mitten in der Nacht wird sie an der deutsch-schweizerischen Grenze Zeugin eines skurrilen illegalen „Transfers“.

Mit einem ferngesteuerten Miniaturhubschrauber, einer Art Drohne, wird Martha Mischels auf Schweizer Konten deponiertes, an den deutschen Steuerbehörden vorbeigeschleustes Vermögen in Höhe von etwa 1,2 Mio Euro über die Grenze geschafft und in einem Maisfeld geborgen. Susu fährt die alte Dame mit dem Geldpaket zurück in den Schwarzwald und erhält ein Schweigegeld von 20.000 Euro. Ihre Gewissenskonflikte verfolgen Susu bis in die Träume: Bin ich käuflich, müsste ich Frau Mischel nicht anzeigen? In Susus Kopf flüstert eine Stimme („das Geld“) verführerisch: „Nimm mich, dann bist du raus aus dem Minus.“

Susu stellt die Mischel wegen der Steuerhinterziehung zur Rede und nach ihrer Drohung bzw. Erpressung („Sie erzählen mir alles oder ich zeige Sie an“) erfährt sie Frau Mischels Familiengeheimnis, das sich wie ein Klischee der Trivialliteratur anhört. Vor zirka sechzig Jahren ist Martha, die in einem Basler Hotel als Zimmermädchen arbeitete, von einem „schillernden Filmproduzenten“ geschwängert worden, Marthas Eltern duldeten die „Schande“ der unehelichen Geburt nicht und der Säugling wurde „in Pflege gegeben“. Der Sohn heißt Frieder, ist jetzt etwa 60 Jahre alt und ihm will die Mutter alles, was sie gespart und der Besteuerung entzogen hat, vererben.

Susu ist ob der wie das Märchen vom verführten Schneewittchen erscheinenden Offenbarung Marthas und der tragischen Frieder-Geschichte ebenso berührt wie irritiert: „Ich werde schweigen und fahre jetzt ab nach Berlin.“ Trotz ihrer Skrupel nimmt sie von Martha ein monatliches „Stipendium“ in Höhe von 2500 Euro an. Ein halbes Jahr später erhält Susu die Nachricht von Marthas Tod, sie trauert den nun ausbleibenden Geldüberweisungen nicht nach und ist entschlossen, „stark zu sein und ehrlich zu bleiben“. Sie erfährt, dass Frieder das Erbe mit seinen Freunden geteilt habe.

Autorin Chris Ohnemus hat Susu vier Stimmen zugewiesen. Alexandra Henkel spricht die Monologe und Dialoge Susus, die Kopfstimme („das Geld“) und den Erzählerpart überzeugend, wenn auch nicht sehr rollendifferenziert. Der mit Ohnemus-Hörspielen bestens vertraute Regisseur Martin Zylka hat die Stimmen in gut identifizierbaren akustischen Räumen platziert, Angelika Bender in der Rolle der Frau Mischel hat als Sprecherin die dankbarste Rolle und füllt sie virtuos aus. Trotz einiger Schwächen (triviale Handlungsklischees, logische Leerstellen und Ungereimtheiten) ist dem Hörspiel mit seinem moralischen Thema ein Unterhaltungswert nicht abzusprechen.

04.03.2016 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK