Einfallsreiche Leistungsschau: Das 9. Berliner Hörspielfestival

Von Rafik Will

16.06.2018 • Beim Berliner Hörspielfestival handelt es sich um eine Veranstaltung, bei der frei produzierte Hörstücke vorgeführt und ausgezeichnet werden, und zwar solche Stücke, die unabhängig von den Redaktionen der Rundfunkanstalten entstanden sind. Bei dem Festival trifft sich somit eine Szene, die mit ihren Produktionen auch „den öffentlich-rechtlichen Einsparbemühungen mit kreativen Mitteln trotzt“, wie es auf der diesjährigen Veranstaltung formuliert wurde. Vom 27. bis 29. April fand im „Theaterdiscounter“ unweit des Alexanderplatzes das mittlerweile 9. Berliner Hörspielfestival statt.

In insgesamt vier nach der Laufzeit der Stücke gestaffelten Wettbewerbskategorien wurden die von einer Vorjury ausgewählten Hörspiele präsentiert. Um den Hauptpreis „Das lange brennende Mikro“ für Einreichungen mit einer Länge von 20 bis 60 Minuten konkurrierten sechs Stücke. Den Preis vergab die Jury an das Hörspiel „Wendy Pferd Tod Mexiko“ von Natascha Gangl. Die Autorin hatte das Stück zusammen mit dem Elektroakustik-Duo Rdeča Raketa (Maja Osojnik und Matija Schellander) realisiert. Subversive Prosa, Punkmusik und O-Töne aus Mexiko bilden in diesem Hörspiel einen „akustischen Bilderzyklus“, so die Jury in ihrer Begründung.

Hauptpreis geht an „Wendy Pferd Tod Mexiko“

Die Protagonistin des Stücks ist Wendy, die Hauptfigur einer bekannten gleichnamigen Comic-heftreihe über ein ‘typisches’ Mädchen und seine Liebe zu Pferden. In dem surrealistischen Hörspiel wird die Heldin neu zum Leben erweckt, dabei werden jedoch die alten Klischees über Rollen geschickt dekonstruiert und die blutigen gesellschaftlichen Realitäten des mittelamerikanischen Landes kommen ebenfalls zur Sprache. Die abenteuerreiche Geschichte, die derzeit auch als Live-Performance auf Tour ist, basiert auf Natascha Gangls Romandebüt „Wendy fährt nach Mexiko“ (2015).

Den zweiten Platz im Hauptwettbewerb sprach die Jury gemeinsam an die beiden Stücke „Dummrum“ von Tom Heithoff und „Hanna“ von Silvia Plail aus. Heithoff, der bereits in den vergangenen Jahren des öfteren beim Berliner Hörspielfestival mit seinen Stücken vertreten war, überträgt in seiner Arbeit die christliche Mystik von Meister Eckhart auf die Jetztzeit und widmet sich den positiven Aspekten von verschiedenen Warte- und Ruhesituationen. Plail arbeitet in ihrem Hörspiel die psychische Krise der titelgebenden Hauptfigur aus, die für ihre Probleme statt Lösungen immer nur Lösungsansätze findet.

Zu den anderen im Hauptwettbewerb nominierten Stücken zählte Helmut Hostnigs Beitrag „Vogel auf dem Leim“, in dem O-Töne der verstorbenen Mutter des Autors um eine lyrische Erzählebene ergänzt werden. Das fünfte Stück in diesem Wettbewerb war Katharina Pelosis O-Ton-Collage „Call to listen“, die sich in Form politischer Klangkunst mit der Kolonialgeschichte Hamburgs beschäftigt und aus Interviewpassagen und Stadtgeräuschen besteht. Die sechste Produktion war das Feature „Willkommen in Pornotopia“ von Edda Reimann, das sich mit feministischen und queeren Ansätzen bei der Sexfilmproduktion auseinandersetzt.

Ein schwarzhumoriger Psychotest

Die Jury für den Hauptwettbewerb wurde in diesem Jahr gebildet von der Schauspielerin Bettina Kurth, dem Medienwissenschaftler Golo Föllmer, dem Hörspielkritiker Jochen Meißner (der auch MK-Autor ist) und die Vorjahresgewinnerin Tina Saum. In den anderen drei Wettbewerbskategorien werden die Preisträger jeweils vom Publikum des Festivals bestimmt. Es handelt sich dabei um die Wettbewerbe für die kürzeren Stücke, das heißt für Produktionen in einer Länge von 5 bis 20 Minuten (Preis: „Das kurze brennende Mikro“), bis zu 5 Minuten („Das glühende Knopfmikro“) und bis zu einer Minute („Mikroflitzer“).

Für die Einreichungen von bis zu einer Minute Länge gab es als inhaltliche Vorgabe, dass im Stück der Satz „Es ist nur eine Fleischwunde“ und das Geräusch eines verrostenden Fahrrades vorkommen mussten. Der Preis ging an das doku-fiktionale Minihörspiel „Späte deutsche Einheit“ von Sebastian Hocke. In Erinnerung blieb wegen der eingängigen Form in dieser Kategorie insbesondere auch die „Ballade vom traurigen Briefträger“ von Thomas Müller und Anne Krüger, die auf dem dritten Platz landete.

Den Wettbewerb für Hörstücke von 5 bis 20 Minuten Länge gewann die am ehesten vielleicht als Mockumentary zu bezeichnende Arbeit „Der Betonflüsterer“, die von Jan Bolender stammte, der sich auch im realen Leben mit der Verschönerung von Beton beschäftigt. Mit seinem ersten Hörspiel parodierte er die Form des klassischen Radiofeatures inklusive der unvermeidlichen Pianoakzente, die bei der Festivalaufführung in Berlin live von Johannes Meyerhoefer am Klavier eingespielt wurden.

Andere Besonderheiten waren in dieser Kategorie ein Hörspiel mit Aufnahmen eines echten Fahrradkuriers, die Judith Geffert und Antimo Sorgente in ihrem Stück „Der  Kurier“ verarbeiteten, und die Produktion „Multiple Choice für Mütter“ von Sabine Bohnen und Wolfgang van Ackeren, deren Stück quasi ein schwarzhumoriger fiktionaler Psychotest über herausfordernde Situationen im Leben einer Mutter war. „Multiple Choice für Mütter“ kam im Wettbewerb punktgleich mit Anna-Lena Kühners Stück „Anrufbeantworter“ auf den dritten Platz.

Erdachter Anruf von Stephen Hawking

In der Kategorie der Hörspiele von bis zu 5 Minuten Laufzeit gewann das Stück „Stephen Calling“ von Ralph Tharayil und Jascha Dormann, in dem es um einen erdachten Anruf des weltberühmten, jüngst verstorbenen Physikers Stephen Hawking in einem Callcenter geht. Mit Gregor Franz, Lara Rabitsch, Johannes Rass und Julian Schmiederer präsentierten sich in diesem Wettbewerb auch Nachwuchshörspielmacher: In dem an der Grazer Ortweinschule entstandenen Hörspielprojekt „schuldIch“ vollzogen sie die ungewollte Verwicklung in einen Juwelenraub nach, wofür sie die Perspektive einer Frau einnahmen, die gezwungen wurde, das Fluchtfahrzeug der Diebe zu fahren. Mit zahlenbezogenen Zwangshandlungen befasste sich Matthias Baxmann in seinem auf Platz 3 gelandeten Stück „2, 4, 6, 8, 10, alles Zwang oder was?“ und setzte dabei auf das Humorpotenzial von Nummernvernarrtheit.

Auch die zahlreichen anderen Beiträge des Festivals überzeugten durch ihren Einfallsreichtum und ihre kreative formale Umsetzung. Eine Ergänzung für die Augen des Publikums stellten über die gesamte Festivaldauer wieder die mit großen Live-Anteilen auf die Hörspiele eingehende Leinwandpräsentation der farbenfrohen „Visuals“ von Josef Maria Schäfers dar. Im Duo mit Stella Luncke ist er auch selbst als Hörspielmacher tätig. So lautet wohl auch das Rezept für das Gelingen des Hörspielfestivals: Personen, die dem Hörspiel verpflichtet sind, erübrigen ehrenamtlich viel eigene Zeit, um die Organisation einer Leistungsschau des freien Hörspiels zu gewährleisten. Der weit und breit einzigen Veranstaltung ihrer Art würde man durchaus eine Kulturförderung wünschen – vielleicht klappt es ja nächstes Jahr.

16.06.2018 – MK