Robert Schoen: Aus dem Leben einer Schwebfliege. L.E.‑Triptychon 3 (HR 2 Kultur)

Das C-Dur des Menschen

30.03.2018 • Wenn, sagen wir: vor dreißig Jahren, ein Hörer in einer Hörspielbroschüre eine „pagane Nänie auf ein gesellschaftliches Tabu“ angekündigt gesehen hätte, dann hätte er, solange sich die Röhren seines sechzig Jahre alten Radioapparats noch aufheizten, zum „Großen Brockhaus“ gegriffen und, noch bevor das magische Auge erglüht wäre, gewusst, dass er nun einen heidnischen Trauergesang zu hören bekommen würde. Heute ist das anders. Die Hörspielbroschüre wird nicht mehr gedruckt und in Zeiten von Wikipedia und duden.de braucht es nur ein paar Klicks, um die kryptische Ankündigung auf der Website des Hessischen Rundfunks (HR) für Robert Schoens neues Hörspiel „Aus dem Leben einer Schwebfliege“ zu entschlüsseln. Aufgrund des Internets ist mit bildungsbürgerlichem Dünkel kein Distinktionsgewinn mehr einzufahren und das ist auch gut so.

Doch die Verrätselung geht noch weiter: Als „L.E.-Triptychon 3“ hat Robert Schoen sein Hörspiel in einen größeren Kontext gesetzt. Ein Triptychon ist keine Trilogie, sondern ein dreiteiliges Gemälde, das gerne als Klappaltarbild ausgeführt wird. Wir haben es also mit einem heidnischen Altarbild zu tun, was schon ein Selbstwiderspruch ist. Und das gesellschaftliche Tabu, an das es rührt, ist der Tod, genauer gesagt: der Freitod oder Selbstmord – je nachdem, wie man diesen letzten Akt werten will.

Die Zentralfigur des Triptychons, die mit den Initialen L.E. markiert ist, ist Lorenz Eberle. Der ist zwar kein Schauspieler, ist aber für seine Rolle des „heiligen Trinkers“ Andreas in Roberts Schoens Joseph-Roth-Paraphrase „Schicksal, Hauptsache Schicksal“ im Jahr 2010 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet worden (vgl. hierzu FK-Hefte Nr. 51-52/10 und 11/11). Dieses Stück formt gewissermaßen den linken Flügel des „L.E.-Triptychons“. Im Hörspiel „Die verlorenen Söhne“ (vgl. MK-Kritik), der Mitteltafel des Gemäldes, spielte Eberle die Rolle von Etzel Mauss, der mit seinem Vater hadert und dessen „Knarrstimme“ von einem Phonologen analysiert wird. Im aktuellen Stück, das nun den rechten Flügel des Triptychons bildet, tritt Eberle nun als Etzel Andreas Mauss auf.

Als musikbesessener Trinker erklärt er das „Te Deum“ von Bruckner und stellt fest, dass der Tod das C-Dur des Menschen sei: die Befreiung. Sekundiert von dem Dichter Paul Celan und der Schauspielerin Sibylle Dinse – beide im O-Ton, beide haben den Freitod gewählt – hört man die todessehnsüchtigen Reflexionen des Etzel Andreas Mauss. Der imaginiert sich als große Waldschwebfliege, die auch Hornissenschwebfliege genannt wird.

So wie sich die Fliege als Hornisse ausgibt, so gibt Mauss einen gescheiterten Schauspieler, der, bei allem Flügelschlagen, nicht vom Fleck kommt. Eine herkömmliche erzählerische Dramaturgie darf man von so einem Stück denn auch nicht erwarten. Schoen, der als Autor und Regisseur auch für die Klanggestaltung verantwortlich ist, übermalt Reales mit Fiktivem, Lebensweltliches mit Überzeitlichem. Die von Nora Treptow und Fanny Treptow gesprochenen Kinderstimmen, die im Manuskript als die Engel Uriel und Raphael ausgewiesen werden, kennt man schon aus dem Vorgängerhörspiel „Ein verrauchtes Idyll“ (vgl. MK-Kritik), das zwar nicht zum „L.E.-Triptychon“ gehört, aber gewisse formale Anklänge daran hat.

Während Sibylle Dinse, die Protagonistin von Robert Schoens 2005 mit dem „Plopp! Award“ ausgezeichneten Feature „Sibylle“ (vgl. FK-Heft Nr. 50/05), über die wirksamsten Medikamente für ihren Selbstmord nachdenkt und damit dem Stück eine erschreckend reale Grundierung gibt, klagt Etzel Andreas Mauss über die „verdammte, verreckte Menschheit, die mit dem Ohr eines Betrunkenen durch den Orkus gerüsselt wird“. Doch solche komischen Momente sind in dem 53-minütigen Stück eher selten. Dass das Leben ein Traum und der Tod ein Erwachen sei, der Tod kein Feind, sondern ein ebenbürtiger Partner, dass er nichts Widerliches, nichts Erschütterndes, sondern sogar Hoffnungsvolles sei, das sind Topoi, die eher in einem religiösen Kontext, sei er christlich oder heidnisch, zu verorten sind. Das Hörspiel ist da unentschieden, es verharrt schwebend auf einer Stelle zwischen den Diskursen.

30.03.2018 – Jochen Meißner/MK