Beeindruckende Vielfalt der Formen: Das 8. Berliner Hörspielfestival

05.05.2017 •

Von Rafik Will

05.05.2017 • Was produzieren Hörspielautoren eigentlich für ausgefallene Stücke, wenn sie mal keine redaktionellen Vorgaben bekommen und freie Hand haben, zu machen, was sie wollen? Antworten auf diese Frage konnte man beim 8. Berliner Hörspielfestival erhalten, das vom 24. bis 26. März stattfand. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass es sich dabei um das größte explizit dem freien Hörspiel gewidmete Ereignis im deutschsprachigen Raum handelt. Ob es dieses Hörspielfestival auch im nächsten Jahr wieder geben wird, ist indes noch nicht ganz sicher. Getragen wird die Veranstaltung ohne jede finanzielle Kulturförderung von einem Verein, der von ehrenamtlichem Engagement lebt. Wegen einiger Abgänge hat dieser Verein allerdings mit personeller Ausdünnung zu kämpfen und rief deswegen alle Interessierten auf, zur Verstärkung des Teams anzutreten, damit das Festival auch 2018 wieder organisiert werden kann.

Doch zurück zur diesjährigen Veranstaltung. Bei dem Festival im Berliner „Theaterdiscounter“ wurden dem Publikum aufs Neue diverse Audioarbeiten zu Gehör gebracht, die wieder einmal von beindruckender Formenvielfalt und inhaltlicher Bandbreite waren. Es gab dabei die gewohnten vier Wettbewerbskategorien mit jeweils einem Preis. Die nach der Länge der Stücke gestaffelten Preise heißen – dem Genre gemäß und etwas augenzwinkernd – „Das lange brennende Mikro“ (Hörspiele bis zu 60 Minuten), „Das kurze brennende Mikro“ (bis zu 20 Minuten), „Das glühende Knopfmikro“ (bis zu 5 Minuten) und „Der Mikroflitzer“ (eine Minute). Dotiert sind die Preise mit wertvollem Aufnahme-Equipment.

Ein spezieller Audiowalk

Im Hauptwettbewerb geht es um die Hörspiele in einer Länge zwischen 20 und 60 Minuten. „Das lange brennende Mikro“ ist hier der Preis für den Gewinner. Sieben Stücke waren für diese Kategorie nominiert. Zum Sieger wählte eine vierköpfige Fachjury das 60-minütige Hörspiel „fremdkörper“ von Tina Saum. Sie hatte mit diesem Stück die lineare und in sich geschlossene Version eines 2014 von ihr initiierten speziellen Audiowalks durch Stuttgart vorgelegt. Bei diesem Gang durch die Stadt war mittels der autobiografischen Geschichte einer Frau zu hören, wie sich jemand behutsam und Stück um Stück eine vollkommen unbekannte Umgebung erschließt. Bei der Protagonistin handelte es sich um eine auf eigenen Wunsch ungenannt bleibende Frau, die Anfang der 1990er Jahre aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland immigriert war. Das Spezielle an dem Audiowalk war die Überblendung von Zeit und Raum, die hier geschieht: mit dem Stuttgart von heute gegenüber der kleinen Stadt Ljubija (Bosnien-Herzegowina) während des Jugoslawien-Kriegs.

Das Stück von Tina Saum konnte sich in der Hauptkategorie gegen starke Konkurrenz durchsetzen. Sehr einnehmend waren unter den Langhörspielen auch Antje Vowinckels Stück „Melody minus one. Eine Jagd“, das einen bezaubernden Klangkunst-Einschlag aufwies. Die Autorin spürte in ihrem Stück, das vom Titel her auf frühe Karaoke-Techniken verweist, der flüchtigen Sprachmelodie diverser Dialekte nach und trat mit den Hörern gemeinsam eine Reise rund um den Globus an.

Amina Gusner überzeugte ihrerseits mit dem Halbstünder „Kein Dach Kein Boden“, das suizidgefährdeten Menschen, die in lebensbedrohlicher Lethargie irgendwo zwischen Leben und Tod hängen, gewidmet war und ganz ‘konkret’ auf Basis von Polizeiprotokollen und Abschiedsbriefen verschiedener Menschen, die den Freitod gewählt haben, entwickelt wurde und jedem der Einzelschicksale einen fiktiven Jenseitsmonolog zuordnete – sehr bewegend.

In der Langhörspiel-Kategorie taten sich indessen auf dem Gebiet der komischen Momente Simone Halder und Ronaldas Obukas hervor mit ihrem Stück „Chewing Gum Makes a Demon Really Happy“. Darin kommt ein real existierender freikirchlicher YouTube-Prediger aus den USA via O-Tönen aus seinen Videos zu Wort und wird gleichzeitig kommentierend und mit einer wundersamen, frei erfundenen Rahmengeschichte aufs Korn genommen.

60-Sekunden-Miniaturen

Aber das Komödiengenre und dessen zahlreiche Stilhybriden waren doch häufiger unter den kurzen Stücken vertreten. Für diese gab es die anderen drei Wettbewerbskategorien, über deren jeweiligen Gewinner das Publikum bestimmen durfte. Jeder der drei Festivaltage bestand vom Programm her aus einem dieser Wettbewerbe mit Publikumsentscheid sowie einigen der Stücke aus der Hauptkategorie als Rahmenprogramm. Die Fachjury, die in der Hauptkategorie den Preis vergab, wurde gebildet von dem Hörspielexperten Jochen Meißner (der auch MK-Autor ist), dem Dramatiker und Vorjahressieger Dominik Busch, der Komponistin und Hörspielautorin Ulrike Haage und der Medienwissenschaftlerin Ania Mauruschat.

Der „Mikroflitzer“-Preis wird für Stücke mit einer Minute Spieldauer vergeben. Diese Audiominiaturen sollten, so in diesem Jahr die Vorgabe, den Satz „Das ist doch komplett erlogen“ beinhalten. Das Stück „Im Passbildautomaten“ von Chrizzi Heinen, ein absurder Dialog mit der titelgebenden Maschine, machte hier das Rennen und setzte sich durch gegen ebenfalls beachtliche Konkurrenzstücke wie „Fake Views“ von Philip Boesand, der ein Trump-lastiges, mit Kommentaren angereichertes Nachrichten-Medley lieferte, oder „Lazaruseffekt“ von Sebastian Hocke, der in den 60 zur Verfügung stehenden Sekunden einen kreativen Pseudo-Tierpräparator einer Journalistin die Weiterexistenz einer längst ausgestorbenen Tierart vorgaukeln ließ. Das war ebenso lustig wie das Geschehen in „Kunstrechnen“ von Kerstin Kuhnekath, wo Kinder für haarsträubend falsche Ergebnisse grundlegender Rechenaufgaben über die Maßen belobigt wurden.

In der Kategorie für Beiträge mit einer Spieldauer bis zu 5 Minuten wird als Preis „Das glühende Knopfmikro“ verliehen. Diese Auszeichnung vergab das Publikum an Annette Scheld für ihr Stück „Traumfrau gesucht“, das auf O-Tönen aus Gesprächen mit einem Mann basiert, der per Zeitungsannonce eine beinamputierte Frau als Partnerin sucht. Das wurde ein klein wenig monoperspektivisch aus Fetischistensicht erzählt und war – abgesehen von einigen Kommentaren – doch ziemlich seltsam. Da war Natalie Ferchs Stück „The Bugs Walking und Ravioli“ trotz seines postapokalyptischen Szenarios deutlich einnehmender. Die an Kafka angelehnte dystopische Erzählung erwies sich nämlich als ziemlich lustig und landete in dieser Kategorie auf dem zweiten Platz.

Engagement von Hörspielfans

„Das kurze brennende Mikro“ als Preis für Beiträge in einer Länge zwischen 5 und 20 Minuten erhielt die namhafte Hörspielautorin Mariola Brillowska für „Vulkan“. Dieses Stück überzeugte auf ganzer Linie und stellte vor allem auf musikalischer Ebene die Konkurrenz deutlich in den Schatten – mit Stimmungswechseln, mit figuren- und szenenbezogenen Themen und überhaupt mit der phantasievollen und fantastischen Klanggestaltung. Den zweiten Platz belegte in dieser Kategorie Tom Heithoffs Beitrag „Stechen, Brennen, Hobeln“, eine ausgedachte, jedoch realitätsunterfütterte Reportage über den Trend, sich mittels Cutting, Branding oder ätzender Säure ornamentale Narben beibringen zu lassen.

Auf Rang 3 kam in dieser Kategorie das Stück „Das hier ist für dich“, eine autobiografisch scheinende, allerdings komplett fiktive Geschichte, mit der die Autorin Maja Das Gupta die Erfahrung machte, das so manche Rezipienten Fiktionales als real wahrnehmen. In ihrem Stück schilderte Das Gupta aus der Ich-Perspektive, wie die Protagonistin versucht, zu ihrem sterbenden Vater ins Krankenhaus zu kommen. Das führte dazu, dass Teile der Hörer der Autorin via Facebook Beileidsbekundungen schickten. So war dieses Stück auch ein geschicktes Beispiel dafür, wie brüchig der ‘Fiktionalitätskontrakt’ zwischen Autor und Rezipient sein kann.

Nachdem alle Entscheidungen beim 8. Berliner Hörspielfestival gefallen waren, blieb am Ende nur die Frage offen, ob es das Festival auch 2018 wieder geben wird. Damit dazu in absehbarer Zeit eine positive Entscheidung getroffen werden kann, braucht es das Engagement von Hörspielfans, die bei den Veranstaltern als Verstärkung mitmachen.

05.05.2017 – MK

Print-Ausgabe 15/2020

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