Fritz Rudolf Fries: Last Exit to El Paso (MDR Kultur)

Kokett und spielerisch

25.03.2018 • Fritz Rudolf Fries (1935 bis 2014), der geniale Unangepasste, der in Leipzig aufgewachsene polyglotte Erzähler und Weltenbummler zwischen allen Systemen und Meinungen, hat rund 30 Hörspiele hinterlassen, von denen ein halbes Dutzend auch von Radio DDR produziert und ausgestrahlt wurden. Der rührige und feinsinnige Hörspieldramaturg Hans-Jochen Schale (1925 bis 2013), der für den damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR) arbeitete, kümmerte sich intensiv um die in der DDR produzierten Fries-Hörspiele und ließ etliche dieser Stücke in „westlicher“ Produktionsweise, neu gestaltet und gesprochen, über den SDR ausstrahlen, so etwa „Der fliegende Mann“ (1980; vgl. FK-Kritik), Der Mann aus Granada“ (1980), „Der Condor oder Das Weib erträgt den Himmel nicht“ (1983), „Wie rund ist die Welt, fragt Köchin Amalia“ (1985), „Die spanische Nacht“ (1986) und „Wie Lazarillo seine drei Herren wiederfand und auf die Anklagebank kam“ (1987; vgl. FK-Kritik).

Erinnert sei in diesem Zusammenhang nicht zuletzt an die Hörspielproduktion „Frauentags Ende oder Die Rückkehr nach Ubliaduh“ (MDR 1995), das dem Autor zwar den Hörspielpreis der Kriegsblinden eintrug, aber mit dem Skandal einer Verstrickung von Fritz Rudolf Fries in die Machenschaften der Stasi verbunden blieb; er war in den Jahren 1972 bis 1985 unter dem Decknamen Pedro Hagen für das DDR-Ministerium für Staatssicherheit tätig. Anstatt der sonst üblichen Feierlichkeiten im Scheinwerferlicht der Politik wurde der Hörspielpreis der Kriegsblinden dann in eher privatem Rahmen am 30. Oktober 1996 im Berliner Künstlerklub „Die Möwe“ übergeben (vgl. FK-Hefte Nr. 12/96, 24/96 und 28/96).

Hier, aus Anlass der von offizieller Seite eingedampften Feierstunde, hielt der Preisträger eine bemerkenswerte Rede unter der Überschrift „Die Gräte im Hals. Oder: Enthüllungen im Spätherbst“. Er referierte mit Biss und Charme über sein Verständnis von Hörspielkunst und führte dabei unter anderem aus: „Das Hörspiel stellt sein Wort unter den Scheffel und hat es faustdick hinter den Ohren. Es kokettiert mit jungfräulicher Unschuld und ist eine mit allen Wassern gewaschene Scheherezade, die am Leben geblieben ist, weil sie in fremden Betten die Verführungskraft unvollendeter Geschichten erprobt. Aber unsterblich ist sie nicht.“

Es sei vorausgeschickt, just diesem Geist des Spielens und Kokettierens, des Hinfälligen und Auffälligen, ist auch die Hörspieleinrichtung seines letzten Romans „Last Exit to El Paso“ (Wallstein-Verlag 2013) verpflichtet. Für die Hörspielfassung – eine Koproduktion von Mitteldeutschem Rundfunk (MDR) und Südwestrundfunk (SWR) – hat Uta-Maria Heim, freie Autorin und SWR-Dramaturgin, die Bearbeitung übernommen, wobei sie sehr souverän und unkonventionell über den Romanablauf verfügte und doch durch kühne radiophone Verschränkungen und hörspielästhetische Einschübe (auch historische) ganz nah am Gestus der Vorlage blieb.

Auf Seite 101 des Buchs hat der Autor notiert: „Jeder Roman ist gewissermaßen die Übersetzung eines schon vorliegenden Romans. Dass jeder Leser einen vorgelegten Text so liest, als schreibe er diesen Text im Augenblick, da er ihn liest, das steht auf einem anderen Blatt“ – und es scheint fast so, als könne diese Bemerkung auch für den Hörspielhörer Geltung haben, zumal dann, wenn er wie im vorliegenden Fall als Zuhörer immer gehalten ist zu prüfen, zu ergänzen und zu kombinieren.

In atemberaubenden Sprüngen und Rückblenden erzählt das 77-minütige Hörspiel von der Weltreise der zwei alten Männer – Arronax und Archie –, die eine Glücksgöttin auf Reisen geschickt hat. Jules Verne lässt natürlich grüßen, der Film- und Literaturbetrieb der einstigen DDR klopft immer wieder an, aber beispielsweise auch die Gebrüder Grimm sind mit dem Zitat „etwas Besseres als den Tod findest du überall“ aus den „Bremer Stadtmusikanten“ dabei. Der Hörer muss ganz schön flink und beschlagen sein, um wenigstens die wichtigsten literarischen und filmischen Bezüge, die da aufblitzen, einordnen zu können. Aber macht nichts, wenn da etwas von dem enzyklopädischen Wissen und den vielen Spielereien verlorengehen sollte, die nächste Hörminute schafft schon wieder neues Material aus Kultur und Filmgeschichte herbei – also aufgepasst!

Hans Peter Hallwachs spricht den alten Arronax mit der notwendigen senilen Verträumtheit und sein Gegenpart Archie, gesprochen von Klaus Manchen, steht ihm in diesem Roadmovie mit den Tagträumereien nahe der Gruft nicht nach. Kurz, das Hörspiel ist temporeich und pfiffig arrangiert. Kommt hinzu, dass Wolfgang Rindfleisch hier die Regie hat, jener Regisseur also, der bereits 1995 dem preisgekrönten Hörspiel „Frauentags Ende oder Die Rückkehr nach Ubliaduh“ die akustische Handschrift verlieh.

In „Last Exit to El Paso“ operiert Rindfleisch mit zahlreichen jazzigen und poppigen Einschüben, die dem Hörspiel sein Tempo und seinen zentralen Charme verleihen (zu hören sind etwa Duke Ellington, Ted Fiorito, Canned Heat und Charlie Parker, um nur einige zu nennen), und er zitiert auch ganz munter akustische Einschübe aus der MDR-Produktion von 1995. Rindfleischs Regiehandschrift ist überzeugend und ordnet das im literarischen Universalwissen des Autors sich auch gelegentlich Verlierende wie selbstverständlich und mit leichter Hand, so dass der Hörer sich nicht verlassen fühlt und gleichzeitig im Sound der Jazz-Geschichte sich aalen und baden kann.

Das nun am 12. März bei MDR Kultur erstgesendete Hörspiel „Last Exit to El Paso“ sollte ursprünglich vom koproduzierenden Südwestrundfunk bereits am 11. Februar in dessen Programm SWR 2 ausgestrahlt werden. Aus produktionstechnischen Gründen wurde diese Ausstrahlung jedoch verschoben. Ein neuer Sendetermin bei SWR 2 im zweiten Halbjahr stand bis Redaktionsschluss noch nicht fest.

25.03.2018 – Christian Hörburger/MK