Dominic Robertson: Animalium Kepler 22B (Bayern 2)

Seltenes Vergnügen

27.03.2018 • Früher nannte er sich noch Ergo Phizmiz, doch mittlerweile hat der britische Musiker, Performance-Künstler und Hörspielmacher Dominic Robertson das Pseudonym abgelegt und veröffentlicht seine Arbeiten unter bürgerlichem Namen. So auch jetzt das Hörstück „Animalium Kepler 22B“, eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (BR), bei der er auch die Regie führte. Bei dem Stück handelt es sich um eine durchgängig in englischer Sprache gehaltene Genremischung aus Fabel und Science-Fiction. Realisiert hat Robertson es mit Lottie Bowater, die gemeinsam mit ihm die Rollen spricht und die zudem seine Komposition am Klavier und an weiteren Instrumenten zum Klingen bringt.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang auf dem von Menschen bewohnten außerirdischen Planeten Kepler 22B, der als besondere Attraktion über einen Zoo verfügt. Wohlbehütet leben hier unter Glaskugeln eine Katze, ein Hund, eine Ente, eine Krabbe, ein Gecko, ein Fisch und ein Papagei. Sie werden dem Hörer gleich am Anfang von einer Erzählerin in einer Art akustischem Rundgang vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit hört man auch die zu jedem Tier dazugehörigen musikalischen Themen – die werden im Verlauf des 45-minütigen Stücks auch noch gebraucht, denn schließlich ist „Animalium Kepler 22B“ zu gewichtigen Teilen auch akustisches Musiktheater.

Der Handlungsverlauf wird in Gang gesetzt durch den Ausbruch dieser vernunft- und sprachbegabten Zootiere. Sie machen sich, angestachelt von der Katze, gemeinsam auf in die Freiheit und wählen zur Flucht den Weg über die Müllentsorgungsanlage. Endlich treiben sie schließlich frei im Weltraum, wo sie (weil es sich um eine phantastische Geschichte handelt) auch nicht an der Eiseskälte oder dem Vakuum sterben, sondern erst einmal unbeschadet ihrer eigenen Wege ziehen.

So widmet sich die Erzählerin der Reihe nach jedem der einzelnen Tiere, beginnend bei der Krabbe. Sie kreist als Seitwärtsläufer um ein (selbstverständlich sprechendes) Schwarzes Loch, ist der ständigen Wiederholung allerdings bald überdrüssig und betrinkt sich mit einer Flasche Wodka, die als willkommener Weltraumschrott herbeitrudelt. Es folgt ein torkelnder Fall ins Nichts des Schwarzen Lochs. Der Gecko wartet indes ruhig auf eine Oberfläche zum Anhaften. Als dem Reptil allmählich kalt wird, rudert es jedoch zur nächsten Sonne, in deren Umlaufbahn sich auch ein heimelig scheinender Planet findet. Der ist allerdings auf Dauer der Sonne zu stark ausgesetzt und bringt dem Gecko den Feuertod.

Einzeln abgehandelt werden auch noch die Schicksale des Fisches und des Papageis. Der Fisch schwebt in seiner Glaskugel zu weit entfernten explodierenden Sternennebeln, um sich dann vor lauter Furcht in seine Kindheit zu imaginieren und auf mysteriöse Weise zu verschwinden. Der Papagei bekommt als einziger einen neuen behüteten Platz; er wird als Haustier vom eitlen Orion aufgenommen, weil der seine eigenen Worte gerne vom Gegenüber wiederholt hört. Der Papagei stirbt einen Tod durch Altersschwäche.

Miteinander verbunden sind hingegen die Wege der anderen Tiere. Die Ente bekommt Nachwuchs, der allerdings von der Katze verspeist wird. Die Katze wiederum wird danach vom Hund zerfleischt, der gerade ein Herrchen gefunden hatte. Das Herrchen schläfert dann aber seinen neuen vierbeinigen Freund angesichts des barbarischen Aktes, wie er die Katze tötete, umgehend ein.

„Nichts passiert und dann stirbt jeder“ – so ungefähr bringt es die bei dieser Gelegenheit kurz­zeitig aus der Rolle fallende Erzählerin während ihrer Begegnung mit der Katze auf den Punkt. Damit vermittelt sich sowohl der unprätentiöse Stil dieses Hörstücks sehr gut wie auch der morbide und dunkle Humor, von dem es geprägt ist. Alle Tiere – der Hund am deutlichsten – sehnen sich nach dem Erreichen der begehrten Freiheit wieder nach ihren goldenen Käfigen, dem guten Futter und den Streicheleinheiten der Pfleger zurück. Und da die Tiere nach ihrem Ausbruch aus dem Zoo alle sterben, lautet die Moral dieses Stücks, dass ein Verlassen ihrer angestammten Plätze für behütete Tiere nur bei Strafe ihres Untergangs möglich ist, dass aber ihr selbstgewählt eingeschlagener Weg ihnen doch atemberaubende Erfahrungen beschert hat.

Hinreißend umgesetzt ist in dieser Produktion nicht nur die verträumt märchenhafte Hörspiel­musik, sondern auch die Verschiedenheit der Stimmen der oft in Monologen zu hörenden Tiere. Obwohl sie als Sprecher nur zu zweit sind, bekommen es Lottie Bowater und Dominic Robertson überzeugend hin, durch Stimmverstellung und Akzent jedem der Tiere einen einzigartigen Charakter zu verleihen.

Es ist ein seltenes Vergnügen, im deutschen Radio ein englischsprachiges Hörspiel präsentiert zu bekommen. Wer „Animalium Kepler 22B“ gehört hat – zu finden ist das Stück weiterhin im Podcast-Angebot des BR-Hörspielpools – wird wahrscheinlich der Meinung sein, dass man so etwas ruhig öfter wagen sollte.

27.03.2018 – Rafik Will/MK