Ulrike Haage/Mark Ravenhill: Wundernetz | Rete Mirabile (SWR 2)

Mensch und Tintenfisch

24.04.2018 • Es ist eine außergewöhnliche Kooperation, die zu einem außergewöhnlichen Hörstück geführt hat. An dem von der Musikerin Ulrike Haage komponierten Singspiel „Wundernetz | Rete Mirabile“ zu dem der britische Dramatiker Mark Ravenhill das Libretto geschrieben hat, waren nämlich nicht nur der Südwestrundfunk (SWR) und Deutschlandfunk Kultur, sondern auch das Berliner Museum für Naturkunde beteiligt. Seit 2015 gibt es das Modellprojekt „Kunst/Natur. Künstlerische Interventionen am Museum für Naturkunde Berlin“, in dessen Rahmen sich der Gebäudekomplex als Installations- und Aufführungsort für zeitgenössische Kunst öffnet. Vom 30. Januar bis zum 29. April 2018 läuft die vierte und letzte Runde, für die „Wundernetz | Rete Mirabile“ entstand und bei der auch vier Live-Aufführungen des Stücks präsentiert wurden.

Zur Inspiration hat sich Ulrike Haage viele Male ins Naturkundemuseum begeben und dort die in gut beleuchteten Glasvitrinen ausgestellten Alkoholpräparate von Tieren und Tierorganen in der sogenannten Nass-Sammlung auf sich wirken lassen. Zunächst habe sie die Atmosphäre zu dem Gedanken veranlasst, ein Requiem zu schreiben, wie sie dem Magazin „Tonart“ von Deutschlandfunk Kultur in einem Interview sagte. Letztlich aber entschied sie sich dagegen, in ihrer Komposition den toten Zustand der Tierobjekte noch einmal zu betonen, und wagte stattdessen einen Perspektivwechsel.

Ihr Stück handelt somit nicht von den Tierexponaten als aktuell leblos, sondern betrachtet die toten Tiere als ehemals lebendige Wesen und versucht, ihnen über die Musik ihr Leben wieder einzuhauchen. Im Zentrum der Arbeit steht dabei der Vampirtintenfisch. Von dieser Oktopus-Art gibt es im Naturkundemuseum das Exponat eines wissenschaftlich für die Nomenklatur sehr wichtigen Individuums: In Alkohol konserviert findet sich dort das 1903 beschriebene Typusexemplar des Vampyrotheutis infernalis, wie der Vampirtintenfisch auf Latein heißt. Der wissenschaftliche Name des Meeresbewohners lieferte auch schon den Titel für einen Essay des Literaturtheoretikers Vilém Flusser (1920 bis 1991), der in Auszügen im Libretto von Mark Ravenhill zitiert wird.

Die Radioversion des am 5. April bei SWR 2 in 51-minütiger Länge ausgestrahlten Hörstücks – das in den Infotexten auch als „Singspiel“ oder „Mikro-Oper“ bezeichnet wird – setzt sich mit dem Spannungsverhältnis der unterschiedlichen Weltwahrnehmung von Mensch und Tintenfisch auseinander. Die Produktion „Wundernetz | Rete Mirabile“ beginnt mit einem deutschsprachigen Prolog (aus dem Englischen übersetzt von Gaby Hartel und vorgetragen von Stefan Kaminsky), in dem zunächst die beschränkte Sicht der Menschen auf ihre Umgebung bemängelt wird. Sie haben einen Blick für Weite und Höhe, Berge und Wälder, aber keinen Blick für die Tiefen der Ozeane. Als positives Gegenbeispiel zu diesem eingeschränkten Wahrnehmungsverhalten wird als nächstes der achtarmige Tiefseebewohner einer genaueren Betrachtung unterzogen.

Für diese Betrachtung kommt nun Vilém Flussers Essay zum Einsatz, in dem der Autor die Frage behandelt, ob ein im Aquarium lebender Tintenfisch sein Farbenspiel für den Betrachter vollführt, der ihn sich anschaut. Oder, bei Abwesenheit eines Betrachters, zum Beispiel für eine Kamera. Erörtert wird also das Problem, wie der Akt des Beobachtens das beobachtete Ereignis beeinflusst. Man denkt unweigerlich an Schrödingers Katze oder das Rätsel, ob ein Baum, der im Wald umfällt, auch dann ein Geräusch macht, wenn niemand da ist, der es hört. Dazu passt auch der implizit zum Umweltschutz aufrufende Appell zum aufmerksamen Blick in die Ozeane. In den Weltmeeren wachsen große, leergefischte Müllkippen heran. An Land wäre das in diesem Ausmaß nicht möglich, aber die Tiefsee liegt nun einmal fernab menschlicher Wahrnehmung.

Nach etwa einer Viertelstunde ist der Prolog vorbei und die bereits zum bis dahin proklamierten Text zu hörende Instrumentalkomposition für Perkussion, Marimbaphon und Vibraphon (gespielt von Almut Lustig und Brigitte Haas) wird um den Gesang eines Vokalquartetts ergänzt. Es besteht aus Christina Andersson (Sopran), Regina Jakobi (Alto), Daniel Steiner (Tenor) und Jonas Böhm (Bass). Das Libretto wechselt ins Englische und knüpft thematisch an den Text aus dem Prolog an, jedoch wird hier die Sprachmelodie in ihrer Bedeutung hervorgehoben. Die Komposition selbst sorgt tatsächlich für ein Unterwasserambiente und lässt sich schwer beschreiben. Im Sendungstext von SWR 2 findet sich die Einordnung als „assoziatives Klanggewebe, das zwischen streng-repetitiver Minimal Music und imaginativen Echos der Renaissance-Musik oszilliert“.

Der deutsch-italienische Titel „Wundernetz | Rete Mirabile“ bezeichnet übrigens eine Arterie, die sich in viele feine Arterien verästelt und danach wieder in eine große Arterie übergeht. Bei Fischen dient sie der Wärmeregulation. Das passt insofern hervorragend, als Ulrike Haage mit ihrem Stück die Hörer in einen Tiefsee-Kosmos abtauchen lässt – sie nimmt die Bezeichnung Nass-Sammlung beim Wort und konzentriert sich auf die Lebewesen der wässrigen Untiefen. Es ist ein bezauberndes Hörspiel, das ganz nebenbei noch das Potenzial hat, das Umweltbewusstsein seiner Hörerschaft zu verstärken.

24.04.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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