Arsenij Avraamov/Andreas Ammer/FM Einheit: Symphonie der Sirenen (Bayern 2)

Total-harmonisch

07.05.2018 • Betörend klingt er nicht gerade, jener Schallerzeuger, dem der französische Physiker Charles Cagniard de la Tour um 1819 den Namen „Sirene“ gegeben hat. Mit dieser Benennung wertete der Physiker den Klang tödlicher Verführung zum Alarmsignal um. Hundert Jahre nach Cagniard komponierte der russische Komponist und Musiktheoretiker Arsenij Avraamov (1886 bis 1944) seine „Symphonie der Sirenen“ („simfonia gudkov“).

Das Stück ist nur zweimal aufgeführt worden: am 7. November 1922 im aserbaidschanischen, damals sowjetischen Baku zum fünften Jahrestag der Oktoberrevolution und ein Jahr später zum gleichen Anlass in Moskau. Neben den Sirenen sollten hier auch diverse Chöre, Kanonen, Züge (wegen ihrer Dampfpfeifen) und ein Kriegsschiff zum Einsatz kommen. Von der Partitur ist nur eine einzige Seite erhalten, auf der Avraamov die Konzeption des unglaublich lauten Ereignisses beschrieb. Insofern waren Andreas Ammer (Text) und FM Einheit (Komposition) relativ frei in ihrer Interpretation von Avraamovs Arrangement, das sie am 21. Oktober 2017 live im tschechischen Brno (Brünn) inszenierten. Ein Video der Aufführung ist in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks (BR) abrufbar.

Die vom BR in Zusammenarbeit mit der Philharmonie Brünn, dem internationalen Musikfestival „Mährischer Herbst“ und dem Deutschlandradio entstandene Produktion liegt nun neu abgemischt als 5.1-Surround-Version und als kunstkopfartige (binaurale) Stereofassung vor; am 13. April strahlte der BR das 52-minütige Stück in seinem Kulturprogramm Bayern 2 aus. Natürlich steht die Isolierung des vereinzelten Hörers unter seinem Kopfhörer in einem widersprüchlichen Verhältnis zum Konzept des kollektiven Hörens einer Live-Aufführung – und das ist nicht nur (medien)ästhetisch, sondern auch politisch relevant: „Von allen Künsten hat die Musik die größte Macht, die Massen zu organisieren“, heißt es im Hörspiel. „Im Kapitalismus wächst aber der Anarchismus auch“, paraphrasiert Andreas Ammer Hölderlin und beschreibt damit Avraamovs Hoffnung, dass der chaotische Klang der Sirenen, der die Arbeiter in die Fabriken rief, auch als Signal für die freie Entfaltung der Musik dienen könne.

Dass Komponisten auf die Industrialisierung der Klangwelt reagiert haben, hat eine gewisse Tradition von den Lärminstrumenten („intonarumori“) des italienischen Futuristen Luigi Russolo bis hin zu den Hubschrauberkonzerten von Karlheinz Stockhausen. In der Rekonstruktion von Avraamovs Konzept durch Andreas Ammer und FM Einheit fehlen zwar die Kriegsschiffe, weil Brünn keine Hafenstadt ist, aber eine Lokomotive, vier Betonmischer, fünf Kanonen, mehrere hupende Autos, vier Chöre, einer Blaskapelle, Hockey-Fans aus Brünn und natürlich vier Alarmsirenen und eine Handsirene kommen vor.

„Die ganze Welt von New York bis Brno und zum Tungusen lebt in riskanter Aktion in der Vibration der Erwartung“, so beschrieb der russische Futurist Alexei Gastev, dessen Werk „Ein Packen von Ordern“ aus dem Jahr 1921 Andreas Ammer in Avraamovs Konzeption eingebaut hat, seine Weltsicht. Und die Welt eilt bei Ammer und FM Einheit durch wohlorganisierten, flächigen Krach, der ab und an vom „Zukunftsgeheul der Ereignisse“ überschrien wird. Die Gattung Mensch hat die Ohren gespitzt und wartet auf die Orders eines Dirigenten, der jene Chöre steuert, die die Völker auffordern, die Signale zu hören. „Die Internationale“, auf Tschechisch wie auf Deutsch intoniert, trifft in produktiver Disharmonie auf die „Marseillaise“ – eine voraussetzungsreiche Konfrontation, stritten sich im Vorfeld der französischen Revolution doch schon der Komponist Jean-Philippe Rameau und der Philosoph Jean-Jacques Rousseau grundsätzlich über den Ursprung der Musik. Rameau plädierte für die Harmonie, Rousseau für die Melodie. Um einer „unité de mélodie“ willen sollte, so die Interpretation Rousseaus durch den Musikwissenschaftler Hans Georg Nicklaus, alles Unstimmige eliminiert werden – natürlich gehe es in dieser Kontroverse nicht um Musik, sondern um Politik.

Alexei Gastev plädierte für eine rousseausche Einheit der Melodie, für die der ganze Erdball gestimmt werden sollte: „Asien komplett auf Note d, Amerika einen Akkord höher.“ Das Orchester soll am Äquator positioniert werden, die Chöre am siebten Meridian, die E-Saiten sollen ins Zentrum der Erde reichen. Und viermal soll nach Gastevs Vorstellung der Erdball unter Musik gehalten werden: „Vier Monate in der Umlaufbahn ein Pianissimo, vier Minuten vulkanisches Fortissimo dazu.“ Andreas Ammer und FM Einheit erliegen nur zu gern der Faszination dieser Totalität, in der Natur und Kunst im Klang der Musik in eins fallen. Der Gestus der Überwältigung und das Bestreben, das Publikum mit einer totalen Klangwolke zum umhüllen, teilt sich unmittelbar mit. Allerdings ist der Anspruch von Ammer und FM Einheit, kein totalitär-melodischer, sondern ein total-harmonischer, was man unter anderem daran erkennt, dass in ihrer Komposition ein Element konsequent vermieden wird – ein marschierender Rhythmus, der die Welt unter die Stiefel nimmt.

07.05.2018 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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