Christine Nagel: Blatnýs Kopf oder: Gott der Linguist lehrt uns atmen (RBB Kulturradio/Deutschlandfunk)

Labyrinth eines Lebens

23.03.2018 • Ipswich, englische Hafenstadt, 60 Kilometer nordöstlich von London. 1954 soll sich in der dortigen Nervenheilanstalt St. Clement’s Hospital ein 35-jähriger Mann selbst eingeliefert haben, der sich zwar in vier Sprachen verständlich machen konnte, seine Beweggründe aber nur sehr allmählich mitteilte, wobei das, was er dazu erzählte, selbst den behandelnden Nervenärzten ziemlich diffus vorkam. Aus dem wenigen erhaltenen biografischen Material könnte man hingegen womöglich auch ableiten, dass dieser Mann, Ivan Blatný, eingeliefert worden sei. Er selbst machte geltend, er werde vom sowjetischen Geheimdienst KGB verfolgt, er müsse sich zu seiner eigenen Sicherheit verstecken.

Die Leitung des Hospitals erfuhr dann, dass dieser Ivan Blatný, geboren 1919 im mährischen Brünn (heute: Brno, Tschechien), ein Dichter war und man ihn zu einer Lesereise nach England eingeladen hatte. Im Dunkeln bleibt, warum gerade die Heilanstalt in Ipswich es war, in der Blatný Zuflucht gesucht hatte. Der Dichter, der schon in jungen Jahren ein viel beachteter Repräsentant des tschechischen Surrealismus gewesen war, verbrachte fast vier Jahrzehnte im St. Clement’s Hospital, bis zu seinem Tod 1990. Dem der Autorin vorliegenden Material nach zu schließen, hat er im Wesentlichen die Klinik im Ipswich in all diesen Jahren nicht verlassen.“

Blatný war ein ständig Schreibender; gequält von Verfolgungsängsten sei er gewesen, die Taschen – so schildert es Jürgen Serke in seinem Buch „Die verbannten Dichter“ – vollgestopft mit Zigaretten und Schokolade. Ein Mann, der sichtbar die Kontrolle über sich verloren und doch die Fähigkeit bewahrt hatte, sich zu erinnern.

Die 1969 in Wertheim geborene Hörspielautorin und Regisseurin Christine Nagel hat das wenige, aber wohl alles verfügbare Material über Ivan Blatný zusammengetragen. Statt auf die einfacheren Parameter eines Features zuzugreifen, hat sie die biografischen Funde unter dem Titel „Blatnýs Kopf oder: Gott der Linguist lehrt uns atmen“ in Form eines Hörspiels zu einem Konstrukt collagiert, das sich als akustischer Irrgarten präsentiert. Dem Zuhörenden weisen Ariadnefäden den Weg, sich in diesem Labyrinth von Erlebtem, Imaginiertem und von in die Erinnerung eintauchenden Höllenstürzen zurechtzufinden.

Ein Interview mit einer norwegischen Journalistin, die eigentlich eine Lyrikerin war, ist einer dieser Ariadnefäden. Ein weiterer ist der Dialog zwischen einem Pfleger und einer Pflegerin. Sie hatte in Blatnýs letzten Lebensjahren seine Bedeutung gespürt und es sich zur Aufgabe gemacht, alle seine literarischen Notizen zu sammeln. Blatný selbst habe die Notizen verbrennen wollen, sagt sie. Hinzu kommen Lesungen seiner Gedichte durch den Autor selbst, im tschechischen Original. Die Tonbänder mit Aufnahmen aus den späten 1940er Jahren soll das schwedische Fernsehen aufgespürt haben. Das vielfältige Geflecht aus Klarem und Ungefähren könnte in die Gefahr geraten, zu einem Klumpen zu gerinnen. Doch mit überzeugendem Gespür für die Notwendigkeit einer immanenten Struktur setzt Christine Nagel Auszüge aus frühen Lesungen und nachgestellte Zitate aus Blatnýs poetischem Œuvre ein. Unaufdringliche Interlinearübersetzungen tragen zur Deutung bei. Auf ein exaktes Textverständnis wird hier weniger Wert gelegt. Der Klang des Vortrags, die rhythmisierende Gestaltung und die weit ausgefächerte melancholische Stimmung vermitteln mehr als Buchstabenpräzision die surrealistischen und bizarren Denkbewegungen, für die Ivan Blatný schon in frühen Jahren gestanden hat.

Peter Ehwald trägt mit einer kühlen, sparsamen Komposition und seinen wie improvisiert klingenden Saxophonpassagen ein weiteres Gestaltungselement zu dem 45-minütigen Stück bei, einer Koproduktion von RBB (federführend) und Deutschlandfunk. Regie und Komposition scheuen nicht davor zurück, auch banale Sätze aufzugreifen, wie etwa: „[Il fait] très chaud le mois d’août“ – also: Er ist sehr heiß, der Monat August. Diesem völlig belanglosen Sätzchen, dessen Stellenwert sich allein daraus ergibt, dass der Dichter selbst gerne mit seiner Vielsprachigkeit jonglierte, werden Saxophonmelismen aufgesprüht, die durchaus ihren Charme haben, aber dennoch auch etwas lackiert wirken können.

Auch Kalauer finden ihren Platz im Repertoire dieses surrealen Denkens. Von der norwegischen Journalistin gefragt, ob er an Gott glaube, antwortet Blatný: „Wenn man dog rückwärts liest, kommt god heraus. So I believe in dog very much.“ Womöglich leitet sich daraus der irritierende Untertitel des Stücks ab: „Gott der Linguist lehrt uns atmen“. Den Nicht-Linguisten, den Freunden akustischer Kunst und ihrer Möglichkeiten der Verspiegelung, den Liebhabern von Stimmen und Stimmführung wird die Begegnung mit „Blatnýs Kopf“ das Staunen, das Wundern und die Freude am Spiel bringen.

23.03.2018 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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