Martin Daske: Operation Lithos (WDR 3)

Überzeugende Komposition

12.12.2017 • Eines Tages biegen Sie rechts ab und sind, sagen wir mal, plötzlich in Wien. Selbst wenn Sie nun der Einbahnstraße richtig herum folgen sollten, könnte es durchaus geschehen, dass Sie sich plötzlich in Sankt Petersburg wiederfinden. Und das wollen Sie nicht. Denn die mysteriöse Anomalie, die Sie dorthin gebracht hat, führt Sie früher oder später zum Ort eines Unglücks, eines Attentats, eines Aufstandes oder einer Katastrophe, meist mit zahlreichen Toten und Verletzten.

Der dies im Hörspiel „Operation Lithos“ berichtet, ist ein alter Mann, der die Phänomene über sechzig Jahre verfolgt hat, darunter mehrere Jahrzehnte als Leiter einer international operierenden supergeheimen Abteilung eines (deutschen) Geheimdienstes. Er wird seit Wochen verhört, denn eine seiner Mitarbeiterinnen soll sich als „Maulwurf“ betätigt haben. Sie soll aber nicht mit menschlichen Gegenspielern kooperiert haben, sondern mit einem Stein. Diesem ganz besonderen Stein (griechisch: „Lithos“, daher der Titel) wird ein planhaftes Handeln, wenn nicht gar ein Intellekt unterstellt. Er soll für all die mysteriösen Geschehnisse auf irgendeine Weise verantwortlich sein.

In Interviews, Rückblenden, Erzählungen, Reportagen und Nachrichten wird in „Operation Lithos“ über das Erscheinen des Steins und die Jagd auf ihn berichtet. Das Hörspiel zeichnet das Bild einer besessenen Gralssuche, die – allem Aufwand, allen Bemühungen und Wissenssammlungen zum Trotz – bei den Ermittlungen den Durchbruch zwar immer mal wieder vor Augen hat, ihn aber nie erreicht. „Da wächst und verändert sich etwas. Und wir wissen nicht, wie – und wo. Das ist Teil des Problems“, heißt es etwa. Oder: „Je länger ich forsche, desto unklarer wird es.“ Genau diese Sisyphusarbeit spiegelt sich im Verlauf des 54-minütigen Hörspiels. So ist es absehbar, dass der zum Ende hin aufkeimende Hoffnungsfunke sich genauso als Trugbild entpuppen wird wie die vorherigen.

Verfasst und realisiert wurde das im Auftrag des WDR produzierte Mystery-Hörspiel von Martin Daske. Der 1962 geborene Regisseur studierte in den USA, Krakau und am Mozarteum Salzburg Komposition. Seit Ende der achtziger Jahre betätigt er sich auf dem weiten Feld von moderner Komposition, akustischer Kunst, Klanginstallation, Theater- und Filmmusik und Hörspiel. 1991 legte er mit dem Hörspiel „Der Stein“ (SFB/Radio Bremen) eine erste Verarbeitung des „Lithos“-Stoffs vor. Dabei handelt es sich übrigens um eine der frühesten Produktionen des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM).

In „Operation Lithos“ werden Sprache, Klänge, Geräusche und Töne eingebracht, gesampelt, designt und ausbalanciert. Obwohl eigentlich das Erzählte im Mittelpunkt steht, kann der Regisseur gefühlt an keinem Geräusch, keinem öffentlichen Sound vorbeigehen. Neben Schreibmaschinengeklapper, Straßenbahnklingeln, Durchsagen-Gongs oder Haltestellen-Ansagen werden verfremdete Klangstückchen unterlegt oder dezent eingewoben. Zwischendurch gibt es Breaks mit Nachrichtensätzen und Politiker-Statements in verschiedenen Sprachen, teils neben-, teils übereinandergelegt. Der verhörende Interviewer wird durch einen dem jeweiligen Sprachklang treffend nachempfundenen kurzen Geräuschfaden ersetzt, auf seine Existenz kann man nur aus den Antworten schließen. Diese Antworten wiederum variieren in den Formen zwischen Gespräch, Erzählung, Rückblende und (verrauschter übersteuerter) Bandstimme.

Mit Erwin Schastok und Oliver Brod wurden zwei Sprechprofis als Hauptdarsteller gewonnen. Die anderen Mitwirkenden, die radioerfahrene Journalistin Carmen Gräf und die Performerin Natalia Pschenitschnikowa, sind fähige Kolleginnen aus dem Umfeld Daskes. Letztere spricht eine phantasie- und emotionslose Sachbearbeiterin, die Archivszenen ankündigt. Das gelingt ihr so überzeugend, dass man in ihr beim besten Willen keine professionelle Flötistin, Klangkünstlerin und Vokalistin vermuten würde. Die Frage, ob man die Gralssuche nun eher als Ausfluss eines besonders trockenen Humors nehmen oder ihr vielleicht gar eine anthropologische Bedeutung zumessen soll, muss jeder für sich beantworten. Dass die ewige Wiederkehr des Gleichen im anderen Gewandt dramaturgische Probleme mit sich bringt, liegt auf der Hand. Aber vielleicht geht es hier ja auch weniger um Inhalte als vielmehr um die im besten Sinne verspielte radiophone Gestaltung. Die ausgewogene Komposition bietet Vielfalt, Stimmigkeit und präzises Timing und vermag auf ganzer Länge zu überzeugen.

12.12.2017 – Andreas Matzdorf/MK

Print-Ausgabe 25-26/2017

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