Hörspiel des Monats März: „Blatnýs Kopf oder: Gott der Linguist lehrt uns atmen“ von Christine Nagel 

09.04.2018 • Das Stück „Blatnýs Kopf oder: Gott der Linguist lehrt uns atmen“ von Christine Nagel wurde von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats März benannt. Es handelt sich bei dem Stück um eine Koproduktion des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) mit dem Deutschlandfunk (DLF); die Ursendung erfolgte am 9. März um 22.04 Uhr im RBB Kulturradio (vgl. MK-Kritik). Im Programm des Deutschlandfunks wurde „Blatnýs Kopf“ am 17. März um 22.05 Uhr ausgestrahlt. Bei ihrem Hörspiel führte die Autorin Christine Nagel auch die Regie (Redaktion: Juliane Schmidt, RBB). Mitwirkende in dem Stück sind unter anderem Lisa Hrdina, Werner Rehm, Jennipher Antoni, Sebastian Rudolph und Miroslav Kovárik. Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury der Akademie:

«Der aus Brünn stammende Lyriker Ivan Blatný (1919 bis 1990) galt viele Jahre als verschollen. Eine Lesereise nach England nutzte er 1948 zur Flucht aus der Tschechoslowakei und wurde daraufhin zur Persona non grata erklärt. Von diesem Zeitpunkt an war Blatný staaten- und mittellos. Er fand sein Exil in der Psychiatrie und erlebte im Eingesperrtsein eine größere Schaffensfreiheit als in der damaligen kommunistischen Tschechoslowakei. Mit 280.000 Versen auf 5500 Notizbuchseiten, notiert auf Tschechisch, Französisch, Englisch und Deutsch, erfüllte er sich seinen Lebenswunsch: im Schreiben existieren zu können – in der Sprache zu leben, die ihm Lust und Vergnügen war.

In ihrem Hörspiel „Blatnýs Kopf oder: Gott der Linguist lehrt uns atmen“ nähert sich die Regisseurin und Autorin Christine Nagel vielsprachig Blatnýs Gedanken- und Gefühlswelt an, wirft Schlaglichter auf sein unkonventionelles Verständnis von Begriffen wie „Freiheit“ und „freiem Denken“. In verdichtender Montage entsteht das Porträt eines Schreibers, der nicht schreiben wollte, was ihm die Politik vorschrieb, sondern stattdessen seiner Phantasie freien Lauf ließ – auf entwendetem Toilettenpapier, abseits der Öffentlichkeit. Diese Möglichkeit, sich im Kopf eines der ungewöhnlichsten Denker und Dichter des 20. Jahrhunderts zu befinden, durch seine Ohren, seine Augen, seine Gedichte die Welt wahrzunehmen, zumindest vierundvierzig Minuten lang, ist eine beglückende und verwirrende Erfahrung. Unter Verzicht auf filigrane Erklärung von Zusammenhängen, mit einem feinen Gespür für die Musikalität der Gesamtkomposition, lässt Nagel zusammen mit dem Komponisten Peter Ehwalds und den hervorragenden Sprecher*innen, unter denen auch die authentische Stimme Ivan Blatnýs zu hören ist, einen assoziativen Hörraum entstehen, in dem Sprachgrenzen fließend werden und durch Blatný’s (Sprach-)„Musik der Bedeutungen“ außergewöhnliche Bilder entstehen.»

Die Jury sprach im Monat März zudem eine lobende Anerkennung „im Sinne eines zweiten Preises“ aus für Robert Schoens Hörstück „Aus dem Leben einer Schwebfliege. L.E.-Triptychon 3“. Dieses Hörspiel ist eine Produktion des Hessischen Rundfunks (Dramaturgie/Redaktion: Peter Liermann) und wurde am 21. März von 21.00 bis 21.53 Uhr im Programm HR 2 Kultur erstausgestrahlt. Wie die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste weiter mitteilte, hob die Jury bei Robert Schoens Stück „besonders den poetisch-unpathetischen Umgang mit dem immer noch tabuisierten Thema des Freitodes hervor und die eindrucksvolle Performance des Autors und Darstellers“.

09.04.2018 – MK