Dirk Laucke: Ein paar Dinge, die ich loswerden wollte (SWR 2)

Funktioniert nur bedingt

20.12.2017 • Der Theatermacher, Regisseur und Autor Dirk Laucke, 1982 auf halbem Weg zwischen Halle und Leipzig in Schkeuditz geboren, wurde vor etlichen Jahren von Tankred Dorst (1925 bis 2017) als Nachwuchsdramatiker entdeckt und zu den Salzburger Festspielen eingeladen. Preise und Auszeichnungen folgten Schlag auf Schlag: 2006 Kleist-Förderpreis, 2007 kürt die Zeitschrift „Theater heute“ Laucke zum Nachwuchsautor des Jahres, 2009 wird seine Hörspielproduktion „Alter Ford Escort dunkelblau“ mit dem Zonser Hörspielpreis bedacht (vgl. FK-Heft Nr. 21/09). Es folgen ebenfalls noch 2009 der Lessing-Preis des Freistaates Sachsen, 2010 der Dramatikerpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft und 2011 der Georg-Kaiser-Förderpreis.

Was Dirk Laucke skizziert und beschreibt, leuchtet oft Biografien Zukurzgekommener im Brennspiegel der Nachwende aus. Die Republik ist aus den Fugen und die Antihelden schubsen sich gegenseitig und verweisen auf kleinste Tagträume, die ganz schnell zerplatzen, weil das soziale Gefüge sich längst irgendwelchen „Werten“ und Idyllen verweigert.

Solche liebenswerten Underdogs hat Laucke auch in seinem kleinen, 2015 im Rowohlt-Verlag erschienenen Roman „Mit sozialistischen Grusz“ nachgezeichnet: Hermann Odetski aus Bitterfeld, schon lange ein Arbeitsloser, der es auch bleiben wird, hat jede Hoffnung auf sich selbst, den Sohn und dessen Zukunft begraben und wendet sich in kuriosen Hilfeschreien und Petitionen an die ferne, einstige DDR-Volksbildungsministerin Margot Honecker, die die Restfamilie wenigstens mental aus dem Schlamassel der Hoffnungslosigkeit befreien soll. Dass das nicht klappen kann, versteht sich von selbst, zumal die Briefe gar nicht abgeschickt werden.

Laucke hat seinen Roman jetzt – „frei nach dem Roman“ und unter dem geänderten Titel „Ein paar Dinge, die ich loswerden wollte“ – fürs Hörspiel eingerichtet und die Gespräche und Wortfetzen jagen hier als amüsante Jugendsprache einer deklassierten Schicht über eine Radiostrecke von 51 Sendeminuten. Das funktioniert allerdings im Hörspiel nur bedingt, weil zum Beispiel die langen Rekorder-Spielereien des jungen Philip Odetski (Sebastian Urzendowsky) hier nur selten schlüssig sind. Sehr, sehr obsolet kommen Bändergespule und -gehacke daher, dergestalt, als seien die Hörspielgeschichte und ihre Produktionsweise vor 25 Jahren stehen geblieben. Die Bandaufzeichnungen (gedacht als Bewerbungsmaterial des „leidenden Werthers“ für die Kunsthochschule) funktionieren hier einfach nicht, wenngleich das Hörspiel anders als das Buch nahezu mit einem Happy End zwischen Vater und Sohn endet. Weiter zeigt sich in der Funkeinrichtung die nachweislich streng optisch angelegte Ausrichtung des Manuskripts (Film oder Theater?) als ein veritabler Stolperstein für das Hörspiel selbst, das nun seinerseits nicht entscheiden kann und mag, wem es mehr verpflichtet ist: dem Auge oder dem Ohr.

Nun hat Autor Dirk Laucke bei der vom Südwestrundfunk (SWR) produzierten Hörspielrealisation auch die Regie übernommen. Solche Symbiosen gelingen im Hörspiel, das lehren zahllose Beispiele, nur ganz, ganz selten. Auch diesmal scheint ein Autor-Regisseur in seinen persönlichen Schöpfungen (hier Roman, dort Radio) derart verfangen, dass eine befreiende Loslösung oder Metasicht nicht mehr gelingen will. Auch der Gag mit Margot Honecker (schon im Roman nicht ganz überzeugend durchkomponiert) ist in der Hörspielbearbeitung ein Block von seltsamer Unschlüssigkeit, ein erratischer Knoten ohne jede Konsequenz. Es gibt Bearbeitungen fürs Radio, auf die verzichtet hätte werden können. Hier scheint ein solcher Fall eindeutig vorzuliegen, wobei der Hörspielfreund sich gerne und in unserem Zusammenhang zugleich schmerzlich an die gelungene Regiearbeit von Matthias Matschke im erwähnten Laucke-Hörspiel „Alter Ford Escort dunkelblau“ (MDR 2008) erinnern wird.

20.12.2017 – Christian Hörburger/MK