Die Weihe des gesprochenen Wortes: Zur SWR-Hörspielfassung von William Faulkners Roman „Licht im August“

Von Christian Hörburger

15.02.2018 • Wer heute mit ausgewählten Amerikanistik-Studenten außerhalb einer universitären Prüfungssituation über William Faulkner (1897 bis 1962) spricht, in Sonderheit aber über dessen fast 500 Druckseiten umfassenden Roman „Licht im August“ (1932 im amerikanischen Original unter dem Titel „Light In August“ erstmals veröffentlicht), der wird nicht nur begeisterte Zustimmung über den Nobelpreisträger von 1950 erfahren. Dafür ist die lesende Durchdringung dieses Mammutromans – Hand aufs Herz – zu komplex, dazu ist er zu raffiniert und erlesen verflochten durchkomponiert.

Kurz, es bedarf hier nicht des eiligen Querlesers, sondern des genüsslichen Entdeckers von synchronen und diachronen Bewusstseinsströmen im Kontinuum der Erzählung und ihrer Figuren. Rückblickend meinte der Autor selbst: „Das Verhalten meiner Figuren habe ich bewusst nach verschiedenen Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten ausgewählt, und jede Wahl legte ich auf die Waage der James und Conrads und Balzacs. Ich wusste, dass ich zu viel gelesen hatte, dass ich jenes Stadium erreicht hatte, dass jeder junge Schriftsteller durchlaufen muss, das Stadium, wo er glaubt, dass er zu viel über sein Handwerk weiß.“

Glaubens- und Rassenkonflikte

Der Südwestrundfunk (SWR) hat sich daran gewagt, „Licht im August“ als Hörspiel zu produzieren, ein Vierteiler über eine Gesamtsendestrecke von rund 450 Sendeminuten ist es geworden, ausgestrahlt über und nach Weihnachten am 26., 27., 28. und 29. Dezember im Programm SWR 2 jeweils ab 20.03 Uhr (pro Folge knapp zwei Stunden). Und weil „Licht im August“ wiederum zu den bemerkenswerten Großprojekten der Hörspielabteilung des Senders zählt – nach zuletzt der dreiteiligen SWR-Produktion „Manhattan Transfer“ (Koproduzent: Deutschlandfunk) nach dem gleichnamigen Roman von John Dos Passos (vgl. MK-Artikel) – wurden Faulkner und sein Roman zugleich auf dem SWR-2-Sendeplatz „Wissen“ (am 26. Dezember) durch eine halbstündige Analyse des Germanisten und Literaturkritikers Michael Maar gewürdigt. 

In einer ironischen Apotheose über William Faulkner kommt Maar in seinen Ausführungen dort zu dem Schluss, dass der amerikanische Autor zwar heute als „leicht antiquiert“ gelte – aber nichts könne falscher sein. Denn: „In einem Mount Rushmore der Schriftsteller des 20. Jahrhunderts müsste Faulkner aus Stein gehauen neben Proust, Joyce und Nabokov hochragend auf die schwarzen Hügel South Dakotas blicken, selbst wenn der Letztgenannte, der Verfasser Lolitas, sich nur abschätzig über Faulkner äußerte, er könne dessen hinterwäldlerischen Heimatchroniken nichts abgewinnen.“

Die federführende SWR-Dramaturgin Andrea Oetzmann, die sich dem Stoff und dem Roman schon seit mehreren Jahren gewidmet hat, bestätigt auf Nachfrage, dass großformatige Hörspielproduktionen (und hier den Mehrteilern im Fernsehprogramm durchaus vergleichbar) auf ein verstärktes Hörerinteresse beim Publikum stoßen. Insofern sei die Ausstrahlung an den vier Terminen zu Weihnachten 2017 auch nichts Problematisches, sondern komme eher den neuen Hörgewohnheiten des Publikums entgegen. Zudem habe der Stoff von seiner explosiven Aktualität nichts verloren und spiegle aus historischer amerikanischer Perspektive Glaubens- und Rassenkonflikte, die bis heute nicht befriedet sind. Produziert hat man nicht nur am SWR-Hörspielstandort Baden-Baden, sondern auch beim mit Blick auf die vielen an der Realisation Beteiligten logistisch besser erreichbaren WDR in Köln, und das über viele Wochen.

Eine gigantische Aufgabe

Für die Hörspielfassung von „Licht im August“ verabschiedeten sich die Radiomacher von der alten deutschen Übersetzung aus dem Jahr 1935, die seinerzeit Franz Fein besorgt hatte. Paul Ingendaay („FAZ“) beklagte an dieser legendären Übertragung „grammatikalische Schnitzer“ und erhebliche Fehler „in der Verwendung der Zeitenfolge“. Seit 2008 liegt eine Neuübertragung des Romans (Rowohlt) von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel vor. Auch an dieser Übersetzung gab es inzwischen Kritik. Fritz J. Raddatz etwa bemängelte in der „Zeit“, dass die Lakonie des Originals verlorengegangen sei und stattdessen ein „weit ausholender Ton“ beobachtet werden könne. Wesentlich positiver begrüßten Brigitte Kronauer („FAZ“) und Heinz Schlaffer („Süddeutsche Zeitung“) den Zugang der neuen Übersetzung. 

Im Übrigen haben es Übersetzer und Verlag vermieden, den sprachlichen Transfer von den heute ‘anstößigen’ Wörtern und Begriffen wie „Nigger“ oder „Neger“ im Zuge einer falsch verstandenen Political Correctness auszumerzen. (Nicht nur bei Romanen wie „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ von Mark Twain flickschusterten Sprachwächter an der originalen Sprache, sondern auch Agatha Christie musste sich jüngst die Titelumwidmung ihres Krimis „Zehn kleine Negerlein“ in „Und dann gab’s keines mehr“ gefallen lassen.) Ganz in diesem Sinne ist Paul Ingendaay zu folgen, wenn er bezüglich „Licht im August“ ausführt: „Der Autor macht die Welt für uns nicht besser, und er hat keine Angst, ihre verkommensten Winkel auszuleuchten“ – dieses Anliegen galt es sicher auch in der Übersetzung ‘radikal’ zu bewahren. Und das ist gelungen.

Walter Adler, der Doyen der Regie- und Hörspielkunst in Deutschland – man spricht von rund 300 Hörspielen, die er als Regisseur oder Bearbeiter gestaltet hat – ist vom SWR mit der gigantischen Aufgabe der Adaptation von Faulkners Meisterwerk betraut worden, zugleich bat ihn der Sender, auch die Regie zu übernehmen. Und wer den Hörspielvierteiler mit dem Roman in neuer Übersetzung vergleichen konnte, wird feststellen, dass Walter Adler im Verlauf der sechs Hörspielstunden immer ganz dicht an der Übersetzung von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel geblieben ist, von notwendigen Strichen selbstverständlich abgesehen.

Gleich der biblischen Maria

Damit bleibt die Hörspielfassung von „Licht im August“ in engster Anlehnung an die Vorlage, wobei Faulkners Feier der Hypotaxe, sein Ausleuchten der geheimsten Seelen- und Rassismusabgründe, dann zum Problem hätte werden können, wenn es dem Ensemble von über 65 Sprecherinnen und Sprechern nicht gelungen wäre, das Inferno der Gewalt und Niedertracht, den Blick in die Vernichtung und Selbstvernichtung, als prosodische Weihe des gesprochenen Wortes zu inszenieren. Davon weiter unten mehr. Dem Hörer erging es dann bei der Rezeption nicht anders als dem Faulkner-Biograf Stephen B. Oates: „In der ersten Phase glaubt man, dass jeder und alles gut ist. Dann kommt die zweite, zynische Phase, wo man glaubt, dass niemand gut ist. Schließlich gelangt man zu der Erkenntnis, dass jeder zu fast allem fähig ist – zu Heldentum oder Feigheit, zu Zärtlichkeit oder Grausamkeit.“

Aber worüber erzählt dieser Roman der Weltliteratur, was spiegelt der Hörspielvierteiler? Da ist einmal die unschuldig-naive Lena Grove – gesprochen mit sympathisch anmutender Verträumtheit von Yohanna Schwertfeger –, die auf der Suche ist nach Lucas Burch, dem Vater ihres ungeborenen Kindes. Sie ist gleich der biblischen Maria auf suchender, fliehender Wanderschaft, verlässt als kreatürliches Wesen ihre Heimat Alabama und zieht (in der Rahmenhandlung) schließlich weiter nach Tennessee. Faulkner bezeichnete die wie somnambul einherziehende Mutter einmal mit den Worten „unerschütterlich, schafgleich“.

Dann berichten das Hörspiel wie der Roman in wechselnden Bildern und Rückblenden über die schillernde Figur des Joe Christmas. Tom Schilling intoniert diese tragische Figur angemessen als zerbrochen und zugleich zerbrechlich. Joe ist jemand, der sich bald als Weißer, bald als Neger fühlt und der „nicht weiß, was er ist, und weiß, dass er es niemals wissen wird“  (Faulkner). Joe Christmas wurde von bigotten Christen als Waisenkind erzogen und zugleich zerstört. Sich an der Welt rächend, ermordet er die nymphomanisch disponierte Joanna Burden – gesprochen von Judith Engel mit Biss und kühler Zuwendung für ihr Opfer –, um im Finale als jesuanisches Zerrbild grausam hingerichtet und geschändet zu werden. Christmas ist die „tragische, zentrale Idee der Geschichte“, zerrieben im religiösen und politischen Fanatismus Amerikas, im Kampf der Religionen und Rassen. 

Walter Adlers Hörspielgespür

Die dritte Hauptachse des Romans bildet die schillernde Figur des ehemaligen Pfarrers Gail Hightower (Sylvester Groth spricht den Frömmler mit subversiver Doppelbödigkeit), der seinen falschen Stolz aus den Bürgerkriegen nicht loswerden kann und zugleich dem Flüchtling Joe Christmas nicht helfen will und ihn erbarmungslos scheitern lässt. Besonders eindrücklich nimmt der Hörer die vergleichsweise kurzen Einlassungen des fanatischen Sadisten Eupheus Hines wahr. Hans-Michael Rehberg spricht den Folterknecht des Waisenknaben Christmas mit schauerlicher Konsequenz – demnach eine biografische Reminiszenz, die sich in das Kind lebenslang einbrennen wird und die früh den unerbittlichen Weg in die Katastrophe aufzeigt. 

Bemerkenswert ist bei dieser Inszenierung, dass die Produktion sich bei den zunächst bescheiden anmutenden musikalischen Akzenten (Komposition: Pierre Oser) eher zurückhält und auf folkloristisches Aufblähen bewusst verzichtet wird. Der Raum wird dem gesprochenen Wort, dem Roman selbst belassen, wobei die komplexen und oft atemlosen Erzählstrecken Ulrich Matthes kunstvoll durchmaß. Das war gewiss nicht immer einfach, aber das Ohr gewöhnte sich rasch an den weiten, manchmal ausufernd scheinenden Erzählraum, eingebettet in eine Augustsonne, die Faulkners Heimat Mississippi in ein Licht taucht, „das eine seltsame leuchtende Eigenschaft hat“.

Gewiss ist es möglich, den Roman „Licht im August“ mit aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen in den USA und Europa zu vergleichen. Das ist möglich, aber es ist nicht zwingend. Auf alle Fälle zeigen Roman und Hörspiel Gründe und Abgründe religiöser und politischer Entfesselungen, die nur die sympathische Heilsgestalt Lena Grove mit ihrem Kind zu transzendieren versteht. Walter Adler hat mit seiner großen Erfahrung und seinem Hörspielgespür den Weg für diese unerhörte Weltliteratur geebnet. Man darf ihm dafür Lob, Respekt und große Anerkennung zollen. (Die Hörspielproduktion „Licht im August“ ist am 12. Januar 2018 im Verlag Hörbuch Hamburg auf 8 CDs als Hörbuchausgabe erschienen.)

15.02.2018 – MK

Print-Ausgabe 25-26/2018

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