Gesine Schmidt: Die Nutznießer (NDR Kultur)

„Arisierungspolitik“

31.01.2018 • Unter dem Titel „Bürgerliches Wohnen im späten 19. Jahrhundert“ präsentierte das Göttinger Stadtmuseum unter anderem ein geschmackvoll möbliertes Interieur mit Mahagoni-Sesseln, schwerem Messingleuchter, erlesenen Teppichen, mit Kredenz und Sekretär, Alabastervasen und getöntem Bleikristallglas in kassettierten Türen. Ein eher großbürgerliches Ambiente, dessen Objekte alle von Max Raphael Hahn stammten, wohnhaft in Göttingen, Merkelstraße 3. Vermittelt wurden sie – laut Eintragung des damaligen Museumsleiters aus dem Jahr 1954 – „durch R. Hahn Göttingen Merkelstraße 4 (sic), aus nichtjüdischem Besitz“.

Das war ein nicht zu übersehender Hinweis auf eine lang vertuschte Lüge, der die Theaterautorin Gesine Schmidt auf die Spur zu kommen versuchte. Schmidt, 1966 in Köln geboren, hat als Dramaturgin sowie als Theaterautorin stets dokumentarisch gearbeitet und dafür äußerst respektable Preise erhalten – unter anderem 2013 den Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Oops, wrong Planet!“ (Deutschlandfunk/WDR) und 2007 den Robert-Geisendörfer-Preis für „Der Kick“ (RBB; in Zusammenarbeit mit Andres Veiel).

Das zuerst für die Bühne konzipierte und nun vom NDR als Hörspiel produzierte Stück „Die Nutznießer“ schrieb die Autorin im Auftrag des „Deutschen Theaters“ in Göttingen, wobei sie zahllose Dokumente penibel recherchiert und bis ins kleinste Detail exakt zusammengestellt hat. Die Aufmerksamkeit galt dabei in erster Linie den Auswirkungen der nationalsozialistischen „Arisierungspolitik“ in Göttingen. Zusätzlich entsteht durch viele ins Stück eingebaute Interview-Auszüge Authentizität mit teilweise entlarvendem Charakter. Dramaturgisch sinnfällig geordnet, ergibt sich eine eigene, implizite Spannung, die sich im Hörspiel dramatischer entfalten kann als auf der Bühne, wo die Dialoge in die Gefahr geraten könnten, zum ‘Lesetheater’ einzufrieren.

Im weiteren Verlauf des Stücks entfaltet sich die schleichende Kraft, mit der die Bürokratie des nationalsozialistischen Apparats auch das Leben der Göttinger Kaufmannsfamilie Hahn überfällt. Alltagsinfamie beherrscht Polizei und Presse. Immer unverfrorener werden jüdische Mitbürger – zunächst vor allem die vermögenden – eingesponnen in eine Kampagne, der sich niemand der christlichen Mitbürger entgegenzustellen traut. Zumindest lässt die Aktenlage keine andere Interpretation zu. So heißt es etwa in einer Polizeimeldung über eine Festnahme: „Sie stellen Behauptungen auf, sie wären niedergeschlagen worden, weil sie Juden seien. Man lebe ja im finstersten Mittelalter… Es sollte uns gar nicht Wunder nehmen, wenn in nächster Zeit die Meldung auftaucht, dass in Göttingen zwei wehrlose Juden totgeschlagen seien, denn so entstehen diese Meldungen.“

Vater und Sohn Nathan und Max M. Hahn gelingt unter widrigsten und gefährlichsten Umständen und unter Verlust ihres gesamten Vermögens die Flucht nach New York. Von „Ausreise“ und einem „Aufenthalt in der Schweiz“ ist da die Rede, ganz so, als habe es sich um eine selbstgewählte Entscheidung gehandelt. Auch nur ein winziger Funken Mitgefühl ist nirgendwo zu spüren oder nachzuweisen. Bürokratischer Vollzugseifer und emsige Paragraphentreue herrschen überall vor. Die jüdische Bevölkerung wird fortschreitend entrechtet. Ihr hartnäckiger und schließlich verzweifelter Versuch, sich der immer drastischer werdenden Zumutungen zu erwehren, endet unerbittlich im Abtransport ins Lager. Wer Geld und sehr viel Glück hat, kann sich noch ins Ausland retten.

Nach 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind es nur wenige, die in den sogenannten „Wiedergutmachungsprozessen“ zu ihrem Recht kommen. Und ob das, was dort als rechtens formuliert wurde, auch tatsächlich rechtens war, ist und bleibt in vielen Fällen fragwürdig. So ist es erschreckend, aber leider nicht verwunderlich, dass im Eingangsbuch des Göttinger Stadtmuseums der Vermerk zu finden ist, dass im April 1938 das komplette der Familie Hahn gehörende Interieur – damals natürlich (in Vermeidung alles „Fremdländischen“) „Wohnungseinrichtung“ genannt – dem Museum überantwortet wurde. Dass sie allerdings „aus nichtjüdischem Besitz“ stammen soll, wie 1954 der Eintrag des damaligen Museumsleiters geltend machte, ist nicht nachzuvollziehen. Die besitzmäßige Rückgabe an die Familie Hahn, deren Mitglieder inzwischen allesamt in den USA leben, erfolgte nach sage und schreibe 50 Jahren, am 8. November 2014. Unter dem Titel „Bürgerliches Wohnen im späten 19. Jahrhundert“ verblieben die Objekte dann als Dauerleihgabe in Göttingen.

Die Fakten fügen sich in dem 85-minütigen Hörspiel zu einem bedrängenden Narrativ. Der Berliner Regisseur Giuseppe Maio zeigt einmal mehr sein Gespür für eine Dramatik, die sich nicht im Lauten, sondern im beklemmend Leisen zeigt. Dank einer sorgfältigen Besetzung mit Schauspielern wie Wolf-Dietrich Sprenger, Barbara Nüsse, Gustav Peter Wöhler und Sebastian Rudolph – um nur einige zu nennen – gelingt es, die Konturen einzelner Personen des Stücks genau und trennscharf nachzuzeichnen. Eine frühe Aufnahme des Baritons Heinrich Schlusnus, seinerzeit im deutschen Bürgertum einer der beliebtesten Liedsänger, wird sensibel eingesetzt als Chiffre für die unseligen, tückischen und oft hinter glänzender Fassade verborgenen Verflechtungen und Verletzungen. „Auf Flügeln des Gesanges“ ist der Titel des Liedes, dessen Text von Heinrich Heine und für das die Komposition von Felix Mendelssohn Bartholdy stammt. Bei „jews and gentiles“, wie Engländer sagen würden, ist das Lied gleichermaßen beliebt. Damit und mit wenigen, nur im Hintergrund wahrnehmbaren O-Tönen, vor allem aber durch den Verzicht auf stimmliches Hackenschlagen oder Emphase entsteht in diesem Hörspiel ein Zeitbild, das nicht den Schatten von Antiquiertheit aufweist. Doch man könnte daraus durchaus Parallelen ablesen zu heute wieder zu beobachtenden Entwicklungen.

31.01.2018 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK