Schorsch Kamerun: Kreiskolbenmotorhase. Extratheatrales Hörspiel über das Ende aller Vielfalt (WDR 3/WDR 1Live)

Souverän ist, wer über das Framing entscheidet

08.12.2017 •

Die akustische Signatur, die Schorsch Kamerun gleich zu Beginn seinem neuen Hörspiel „Kreiskolbenmotorhase“ gibt, ist das Hecheln. Der rasanten Fortentwicklung der Welt ist nicht mehr beizukommen, geschweige denn, dass man sie einholen oder überholen könnte. Schon schlägt der Präsident – sein Name wird im Hörspiel nicht genannt – mit seinem nächsten Tweet einen Haken und die Meute muss ihm folgen. Da kann man schon mal außer Atem geraten.

„Katastrophenstimmung – eine Oper zum Weglaufen“, so hat Schorsch Kamerun sein Stück genannt, das im Mai dieses Jahres im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses uraufgeführt wurde und das dann als Vorlage diente für sein 48-minütiges „extratheatrales Hörspiel über das Ende aller Vielfalt“ (so der Untertitel von „Kreiskolbenmotorhase“). Ohne den apokalyptischen Sound geht es bei Kamerun nicht. Schon in seinem Hörspiel „Kann mir nicht vorstellen, dass es weitergeht“ (WDR) hatte er die Ideologie des unbegrenzten Wachstums gegeißelt (vgl. hierzu diese FK-Kritik). Und zu seinem mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichneten Stück „Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt“ sagte er in seiner Dankesrede: „Mein Hörspiel beschäftigt sich mit dem Verlust von eigener Zeichensetzung. Es ist die Ohnmacht der Ausdruckslosigkeit, wenn sämtliche Individualität zu Öffentlichkeit geworden ist.“ Das war im Jahr 2006, dem Jahr, in dem der Kurznachrichtendienst Twitter erfunden wurde. Damals hatte der Feind noch eine Farbe, das Magenta der Telekom, und als Soundsignatur des Hörspiels taugte noch ein Megaphon.

Schorsch Kameruns Katastrophenstimmung ist mehr als begründet, denn jedes Zeichen, was man setzen könnte, wird sofort im Warenumlauf der Kommunikationsindustrie kapitalisiert. In einem lesenswerten Interview in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Ausgabe vom 4. Juli 2017) konstatierte Kamerun: „Jedenfalls ergibt es Sinn, über einen Ausdruck nachzudenken, der nicht taugt für H&M-Werbung oder den nächsten originellen Spruch von Christian Lindner oder so.“ Wirklich katastrophal ist aber, dass der Gestus des subversiven Sprechens – so schal er schon im Anything-goes der Postmoderne geworden war – die Seite gewechselt hat. Plötzlich ist dieses Sprechen zu einer Machttechnik geworden, und zwar nicht nur für US-Präsidenten. Für Kamerun, der in einer „dissident diskursiven Popkultur“ sozialisiert wurde, ein herber Schlag.

Deshalb tritt er in seinem Hörspiel nun auch in der Rolle des „Mitdemschwanzwedlers“ auf, der über jedes Stöckchen springt, das ihm hingehalten wird. Als „Kreiskolbenmotorhase“ rotiert Kamerun zwischen den Igeln, die immer schon da sind und die Grenzen der kommunikativen Räume definieren. Denn souverän ist, wer über das Framing entscheidet. Aber, und das ist die Pointe: Im gehetzten Gehechel wird Arbeit verrichtet – mechanische im Brennraum des Kreiskolbenzylinders, ästhetische und politische im Hörspiel. Der Titel des Hörspiels „Kreiskolbenmotorhase“ macht also buchstäblich Sinn.

In den lose verklammerten Szenen des Stücks geht es um Big Data, algorithmengestützte Gedankenkontrolle und den Bau einer Mauer um eine neue Stadt namens Betonville. Der Chef dort ist Dr. Rosey (gespielt von Rosemary Hardy) – eine Figur, die zwischen Donald Trump und Dr. Seltsam changiert, hart geworden in schwermetallverseuchten Kombinaten, deren Beschäftigte nach der politischen Wende 1989 zu Tausenden nicht etwa nur ihre Jobs, sondern vor allem „ihre Bedeutung verloren“ hatten. Entschieden positioniert Dr. Rosey sich „gegen einen jammernden Selbstverwirklichungstrip und für einen sauberen Brutpflegebetrieb“. Schorsch Kamerun dengelt doch immer noch die besten Metaphern zusammen – und niemand weiß seine Stücke sperriger anzulegen als er.

Durch Spoken-Word-Arien und nicht (mit)singbare Refrains wird vorsätzlich ein widerständiger „schwer einzuordnender Sound“ (Kamerun) gebastelt, der die musikalischen Schematismen unterläuft, mit denen man sonst beliebige Inhalte transportieren kann. Kameruns Songtexte werden von Syntax, Rhythmik und Reimschema zusammengehalten, schlagen der Semantik durch kontaminierte Metaphern aber öfter mal ein Schnippchen. Erst nach dem zweiten Hören erkennt man, wie gut das alles zusammenpasst und wie und nach welchem Kalkül es gebaut ist. So überwindet man das Framing der etablierten Diskurse.

Das Personal des Hörspiels ist Kamerun-typisch. Neben Dr. Rosey und dem Autor selbst treten auf: Hannah aus dem Service (Carlotta Freyer), ein sogenannter Prepper, der sich auf den Weltuntergang vorbereitet (Marie Nasemann), ein Weekly Action User (Svenja Lau) sowie Paul aus Betonville (Paul Herwig). Auch sie keine Figuren oder Charaktere im dramatischen Sinne, sondern eher Diskursformationen. Und dann kommt noch eine Agentin der Formatierer im O-Ton vor: Es ist die namenlos bleibende Redakteurin eines Online-Portals, die sich etwas darauf zugutehält, einmal in der Woche ein politisches Thema zu bringen – neben all dem Work-Live-Balance-Quatsch, der gut klickt. Ihre Angebote sind offensichtlich für die Algorithmen der Klickonomie gemacht – und für jene Nutzer, die als (in)formiertes Klickvieh Teil dieser Maschinerie sind. Schorsch Kamerun bewegt sich als Kreiskolbenmotorhase auf der Höhe der Zeit – und quer zu ihr.

08.12.2017 – Jochen Meißner/MK