Holger Böhme: Manitu (MDR Kultur)

Warten auf den Mutzbraten

10.12.2017 • Wenn man nach des Tages Last zurückkehren kann in eine ungestörte, köstlich duftende Küche mit lieben Menschen, dann – so scheint es in Holger Böhmes neuestem Hörspiel „Manitu“ –, ja dann fehlt nur noch eins: der Mutzbraten. Was es damit auf sich hat, wird dem mit ostdeutscher Regionalküche nicht vertrauten Hörer (also zum Beispiel dem Wessi) zunächst nicht verraten. Für den sächsischen und thüringischen Hörer hingegen ist dieser leckere Teil vom Schwein so etwas wie ein identitätsstiftendes Stück gut gewürzte Heimat. Etwa so, wie die Laugenbrezel in Württemberg oder der Klaben in Bremen. Allerdings lernt auch der diesbezüglich unwissende Hörer im Verlauf des rund 50-minütigen Hörspiels, was es für die Befindlichkeit mit dieser Delikatesse vom Schwein auf sich hat.

Nun hat Holger Böhme, der 1965 in Dresden geborene, erfahrene Theater- und Hörspielautor, mit „Manitu“ keineswegs ein Lustspiel über die Lust am Schwein geschrieben, sondern einen intelligenten, ansprechenden Dialog über die Begegnung von zwei Männern mittleren Alters, die ganz zufällig beide Lothar heißen. Beide sind unterwegs zu den Karl-May-Festspielen in Radebeul (bei Dresden). Groß gewordene Fans des Autors überaus erfolgreicher Abenteurerromane („Winnetou“, „Old Surehand“, „Durchs wilde Kurdistan“) treffen sich dort Jahr für Jahr als Mitwirkende und Zuschauer bei mit Hingabe aufgeführten Laienspielen, träumen sich zurück in wirkliche oder eher erfundene Idyllen ihrer Kindertage und Jugendzeit. Manitu war – in der Lesart des unermüdlichen Abenteuererfinders Karl May – der Gott der nordamerikanischen Dakota-Indianer. Ihm huldigen auch die Festspiele, an ihn können alle glauben, die dort mitspielen.

Beim Autostopp auf der Straße in Richtung Festspielort lernen Lothar aus Ost und Lothar aus West sich kennen, werden sich bald sympathisch und tauschen sich über ihre unterschiedlichen Lebenserfahrungen aus. Was zunächst etwas konstruiert wirken mag, gewinnt im Verlauf des Stücks an Substanz und Gewicht und – wie ein Rohdiamant in der derzeitigen Hörspielszene – leichten und gleichzeitig witzigen Humor.

Angelegt wie eine Parabel, in der vieles gleichnishafte Züge trägt, ist es Böhme in einem fast unmerklichen Salto gelungen, aus dem ‘Lehrstück’ eine Komödie zu machen. Er mischt dabei Sarkastisches mit bodenständigen Lebens- und Binsenweisheiten, wie schon in seinem früheren Hörspiel „Der Kormoran“ (vgl. FK-Kritik). Auch dort gab es einen Lothar, einen passionierten Angler von stoischer Lebensergebenheit, der etwa räsonierte: „Dass in der Politik gelogen wird – gut, is’ so. Dass in der Familie gelogen wird… Aber im Verein, unter Anglern… Ja, was bleibt denn dann noch!?“ Schon in dieser Produktion, die im Juni 2013 als „Hörspiel des Monats“ ausgezeichnet wurde, zeigte Böhme seine Stärke als Autor, die wesentlich darin besteht, dass er die Welt aus der Sicht der Figuren sieht. Nur so konnte es nun auch gelingen, dass aus „Manitu“ keine verquere Soziologen- und Politparabel entstand, sondern ein Stück Ost-West-Geschichte, lebensnah und ungedrechselt.

Dass sich dieser Eindruck beim Hören herstellt, geht nicht zuletzt auf das Konto der Regie von Gabriele Bigott. Wie schon in ihrer Inszenierung des Stücks „Der Kormoran“ setzt sie auch bei „Manitu“ wieder auf leise Nuancen. Temperamentsausbrüche der Figuren werden ausagiert, aber nicht überzeichnet. Sie bleiben so lebensecht und sind so nah, dass man fast meinen könnte, man sei als Hörer ein Teil der Geschichte.

Im Gegensatz zum Kino-Kassenschlager „Der Schuh des Manitu“ (2001) von und mit dem Comedian Michael „Bully“ Herbig lassen in dem kleinen Hörspiel weder der Autor noch die Ausführenden sich aufs Glatteis gelegentlich platter Parodie führen. Jörg Schüttauf als Lothar-Ost und vor allem Gustav Peter Wöhler als Lothar-West setzen den Dialog ausschließlich mit Mitteln der Sprache, fast gänzlich ohne akustische Nebeneffekte um. Auf diese Weise gewinnt der Text Authentizität und eine fast realistische Dreidimensionalität, die es dem Hörer leicht macht, mit den Personen mitzuleben.

Natürlich weiß man immer, dass es um die Problematik der deutsch-deutschen Befindlichkeit mit all ihren Schwierigkeiten, aber auch Selbstverliebtheiten geht. Dieses bewusst kleinformatige Stück, das sich in der derzeitigen Hörspiellandschaft und all den Aufmerksamkeit heischenden größeren und großen Produktionen nahezu verlieren könnte, bezieht seine Überzeugungskraft aus einer fast ‘unmodern’ gewordenen Menschlichkeit. Dass diese Menschlichkeit sich auch in der gemeinsamen Freude auf den unbekannten (Lothar-West) bzw. bekannten (Lothar-Ost) Mutzbraten äußert – wen wundert’s?

10.12.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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