Was geht mich das an? 4-teilige Dokumentationsreihe (WDR Fernsehen)

Ein respektabler, ausbaufähiger Versuch

31.10.2016 •

Liest man die Werbetexte des WDR zu dieser neuen Reihe seines Dritten Programms, könnte man meinen, der Sender hätte damit das Genre der Geschichtsdokumentation neu erfunden. Zu Beginn und im Abspann sind die (vorerst) vier Folgen von „Was geht mich das an?“ stets als „Schauspiel basierend auf historischen Quellen“ tituliert. Was nun das Konzept des Ganzen nicht wirklich trifft. Denn das „Schauspiel“ nimmt in den einzelnen Folgen allenfalls ein Viertel der Zeit in Anspruch. Der weitaus größere Rest besteht in klassischer Manier aus Archivbildern und erklärendem Off-Kommentar. Das ist fernsehhistorisch nicht eben revolutionär, aber dennoch die konsequente Fortschreibung eines Trends. Setzten Dokumentationen zur jüngeren Geschichte lange Zeit neben Archivbildern vor allem auf Zeitzeugen, traten an deren Stelle irgendwann die szenischen Nachstellungen. Weil man der Überzeugung war, mit den Reenactments auch Zuschauer gewinnen zu können, die mit verbalen Erinnerungen allein nicht vor den Bildschirm zu locken waren.

Doch diese Nachstellungen konkreter historischer Figuren und Begebenheiten nahmen sich vielfach ungelenk bis dilettantisch aus, da man entweder die Kosten für versierte Darsteller scheute oder die dokumentarisch geschulten Regisseure mit der szenischen Aufbereitung und der Führung von Schauspielern schlicht überfordert waren. Oft kam auch beides zusammen.

Vor diesem gesamten Hintergrund kann man der neuen WDR-Reihe (Produktion: VYDY) zumindest eine konsequente Weiterentwicklung attestieren. In jeder Folge verkörpert ein Darsteller eine namenlose fiktive Figur, etwa Mitte 20, die auf irgendeine Art in die jeweiligen Geschehnisse involviert war (dreimal ist es ein Mann, einmal eine Frau). In einem karg möblierten Raum monologisiert die Figur darüber, was sie motivierte, so zu handeln, wie sie es getan hat.

In der ersten Episode („Die Mauer“) spielt Pit Bukowski einen ehemaligen DDR-Soldaten, der die Flucht eines „Grenzverletzers“ mit Waffeneinsatz verhinderte. „Ich war Grenzsoldat in der DDR und ich habe auf einen Menschen geschossen“, sagt er gleich zu Beginn. Der Mann ist sichtlich nervös, reibt sich die immer wieder die Hände. Natürlich habe er gehofft, so sagt er, seinen Dienst mit weißen Handschuhen beenden zu können. Die Dramaturgie der Spielszenen bewegt sich auf jenen Tag zu, an dem er dann doch zur Waffe griff. „Bei einem Warnschuss bleibt doch jeder normale Mensch stehen. Aber jetzt komme ich für diesen Penner in den Knast.“ Dass hier, wie auch in den weiteren Folgen, keine reuigen Sünder auftreten, sondern Menschen, die ihr Verhalten zu rechtfertigen versuchen, ist mit Blick auf die Anregung zum Nachdenken und zur Diskussion eine durchaus kluge Entscheidung.

In der zweiten Folge, in der es um die Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF) geht, ist es ein Ex-Terrorist, gespielt von Christian Löber, der seine Taten noch immer zu rechtfertigen versucht. Schließlich lassen sich nur so die Beweggründe dieser Figuren plausibel inszenieren. Und diesen Spielszenen merkt man durchweg an, dass für sie eigene Autoren und Regisseure verantwortlich zeichnen. Doch diese immer wieder eingeschnittenen Spielsequenzen machen, wie erwähnt, lediglich rund 25 Prozent der Laufzeit jeder Episode aus.

Der überwiegende Rest besteht aus eher konventionellen Montagen von Archivbildern, unterlegt mit erklärendem Off-Kommentar. Und diesem Kommentar ist jederzeit anzuhören, dass er sich vornehmlich an Zuschauer wendet, die mit den einzelnen Themen – neben Mauer und RAF werden noch der Kosovo-Krieg und die NS-Zeit abgehandelt – gänzlich unvertraut sind. Das klingt dann bisweilen wie Schulfernsehen und dafür wird „Was geht mich das an?“ im Rahmen der Reihe „Planet Schule“ (WDR/SWR) ja auch tatsächlich eingesetzt. Doch diese Anlage des neuen Doku-Formats lässt dann eben für differenzierte Betrachtungen nicht sonderlich viel Raum. So ist da vielfach von „den Menschen in der DDR“ oder „den Studenten“ die Rede. Gerade so, als seien seinerzeit (Folge: „Die RAF“) alle Studenten im Westen in der Außerparlamentarischen Opposition APO gewesen.

Als Korrektiv gegen solche Allgemeinplätze werden pro Folge jeweils zwei Historiker aufgeboten (immer ein Mann und eine Frau), die das Geschehen aus ihrer Sicht der Dinge einzuordnen versuchen. Dazu gesellt sich dann noch ein mehr oder minder prominenter Gast, der seine ganz persönlichen Anmerkungen beisteuert. In der „Mauer“-Folge ist das der Popmusiker Clueso, bürgerlich: Thomas Hüber, geboren 1980 in Erfurt), der zum Thema allerdings kaum mehr beizusteuern hat als die Erinnerungen an einen frühen (Ost-)Berlin-Besuch mit seinen Eltern. Da hätte es sicherlich kompetentere Zeitzeugen gegeben, die aber bei der avisierten jüngeren Zielgruppe – auf die ja auch der Sendetitel zielt – vermutlich weniger gut angekommen wären als eben Clueso.

Unter dem Strich ist diese vierteilige Versuchsanordnung mit der originellen elektronischen Musik von Occupanther dennoch ein überaus respektabler, ausbaufähiger Versuch, im Genre der Geschichtsdokumentation neue Wege zu gehen. Und für dieses Unterfangen hätten die Programmverantwortlichem beim WDR Fernsehen dann durchaus auch mehr Mut bezüglich der Sendezeiten aufbringen können, statt die Minireihe erst kurz vor Mitternacht auszustrahlen (die Folgen 1 und 2 begannen um 22.55 Uhr, die Folgen 3 und 4 um 23.25 Uhr).

31.10.2016 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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