Totalitäre Formatierung: Studie über dokumentarische Inhalte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen

12.03.2019 •

Viele Sendeplätze, immer mehr Formate, aber immer weniger künstlerische Handschrift – das ist das Fazit einer Studie über dokumentarische Inhalte im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die der Medienjournalist Fritz Wolf im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) erstellt hat. Die Untersuchung wurde am 7. Februar zum Auftakt der diesjährigen Internationalen Filmfestspiele in Berlin auf einer Pressekonferenz vorgestellt hat. „Zwar laufen auf den ersten Blick unzählige Produktionen aus allen Spielarten des dokumentarischen Film- und Fernsehschaffens“, erläuterte Wolf, bei genauerem Hinsehen stelle sich aber heraus, dass beispielsweise beim langen Dokumentarfilm rund 60 Prozent der Ausstrahlungen in den Kulturkanälen 3sat und Arte stattfänden, während im Ersten Programm der ARD oder im ZDF-Hauptprogramm aus diesem Bereich kaum etwas vertreten sei.

Mit der von der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst und dem Grimme-Institut unterstützten Untersuchung „Deutschland – Doku-Land“ schließt Fritz Wolf an seine ähnlich gelagerte Untersuchung aus dem Jahr 2003 an (vgl. diese FK-Meldung). Auffälligstes Ergebnis heute ist die starke Zunahme von formatierten Programmplätzen für Dokumentation und Reportage. Waren im Untersuchungszeitraum für die erste Studie bereits zwei Drittel aller dokumentarischen Sendungen formatiert, stieg dieser Anteil auf jetzt rund 80 Prozent an. Auch das Themenspektrum sei unausgewogen, so Wolf: „Nur etwas sieben Prozent der dokumentarischen Arbeiten behandeln gesellschaftspolitisch relevante Themen und gerade einmal drei Prozent beschäftigen sich mit Wissenschaft und Technik“. Dies sei „ein Armutszeugnis“, sagte Wolf.

Mangelnde Wertschätzung

Gesellschaftspolitische Themen würden, wenn überhaupt, im langen Dokumentarfilm verhandelt, der aber fast durchgehend ins Spätprogramm abgeschoben sei: Jeder sechste dieser Filme ist laut der Untersuchung erst nach ein Uhr nachts zu sehen. Insgesamt spricht Wolf von „mangelnder Wertschätzung“ gegenüber dokumentarischen Arbeiten im Fernsehbereich.

Die Anzahl der Dokumentarfilme im Fernsehen werde dabei allerdings unterschätzt. Im untersuchten Halbjahr von Oktober 2017 bis März 2018 wurden insgesamt 348 lange Dokumentarfilme (ohne Wiederholungen) im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Auf das Gesamtprogramm gerechnet ergebe dies im Schnitt zwei Dokumentarfilme pro Tag. „Die Behauptung, der Dokumentarfilm komme im deutschen Fernsehen nicht oder nur selten vor, kann also in dieser simplen Form nicht aufrechterhalten werden“, heißt es in der Studie. Allerdings sei eben nicht die Anzahl, sondern die Lage der Sendeplätze das Problem. Wolf: „Mit wenigen Ausnahmen setzen die Sender diese Gattung nur sehr spät ein.“

Änderung der Förderpraxis

In der auf die Vorstellung der Untersuchungsergebnisse folgenden Diskussion in Berlin forderten die Filmemacher vor allem mit Blick auf den langen Dokumentarfilm eine Änderung der Förderpraxis in Deutschland und einen Wegfall beziehungsweise eine deutliche Verkürzung der Kinosperre. Bislang sind die mit Kinoförderung produzierten Filme 12 bis 24 Monate für die Fernsehauswertung gesperrt, was sich vor allem bei aktuellen Stoffen als Pferdefuß erweist, da sie so für die Sender unattraktiver werden.

Georg Tschurtschenthaler, Producer bei der Gebrüder Beetz Filmproduktion („Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners“, ARD/Arte), verwies auf die sich verändernde Produktionslandschaft durch neue Player: Streaming-Anbieter wie Netflix setzten international bereits stark auch auf den Dokumentarfilm bzw. Doku-Serien. Die Wolf-Untersuchung belege dagegen, wie „wenig sich eigentlich in den letzten fünfzehn Jahren verändert habe“; dabei habe die Digitalisierung für ein komplett neues Umfeld gesorgt. „Ich habe das Gefühl, im Fernsehen bewegt sich was“, so Tschurtschenthaler, „aber den Kinoverleihern steht das Wasser bis zum Hals. Kino als Ort für Dokumentarfilm? Da wird es brutal krachen!“

Kritik an der Programmpolitik

Fest steht, dass es für Dokumentarfilmmacher heutzutage immer schwieriger wird, durch die Arbeit fürs Fernsehen mit seinen geradezu totalitär formatierten Sendeplätzen, die zumeist wenig Budget für eine Produktion bedeuten, überhaupt noch Geld zu verdienen. Für die Sender verteidigten Matthias Kremin, Leiter des WDR-Fernsehprogrammbereichs ‘Kultur und Wissenschaft’, und Robert Bachem, Programmchef des Spartensenders ZDFinfo, das bestehende Programmangebot der Öffentlich-Rechtlichen. Bachem sagte, er nehme den „Frust der Macherinnnen und Macher“ zwar zur Kenntnis, die eigenen Zahlen sprächen aber eine andere Sprache: „2018 haben wir bei ZDFinfo 17 Millionen Euro für dokumentarische Produktionen ausgegeben und im kommenden Jahr packen wir nochmal vier Millionen drauf.“ Mit Blick auf den langen Dokumentarfilm sagte Kremin, er würde dafür gerne einen verlässlichen Sendeplatz beim WDR schaffen – „dann müssen wir aber das Budget für andere Doku-Produktionen entsprechend umverteilen“. Kremins Fazit lautet deshalb: „Das bringt gar nichts, wenn nicht die entsprechenden Budgets da sind.“ Es wäre allerdings die Aufgabe eines WDR-Kulturchefs, sich um die notwendigen Budgeterhöhungen zu kümmern.

Für die AG Dok hatte deren Vorsitzender und Geschäftsführer Thomas Frickel bereits in seiner Auftaktrede für die Pressekonferenz deutliche Kritik an der Programmpolitik der Sender geübt. „Natürlich sind nicht alle formatierten Sendungen Teufelswerk“, meinte er, bedenklich sei aber die Ausschließlichkeit, mit der sich diese Formen in den öffentlich finanzierten Programmen seit Jahren breitmachten. „Und manchmal sind sie – wie die Casting-Affäre des WDR beweist – eine Einladung, es mit der Wirklichkeit nicht allzu genau zu nehmen“, sagte Frickel mit Blick auf die vom WDR für dessen Drittes Programm produzierte Reihe „Menschen hautnah“, wo in einigen Folgen Laiendarsteller einer Casting-Agentur als vermeintlich authentische Protagonisten auftraten. „Ist das tatsächlich ein bedauerlicher Einzelfall? Oder der Endpunkt einer langen Sackgasse, in die das Formatfernsehen das dokumentarische Arbeiten hineingetrieben hat?“, fragte Frickel.

12.03.2019 – MK

Print-Ausgabe 10/2019

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