Der heimliche Krisengewinnler: Grimme‑Studie sieht Aufschwung für das Genre der TV‑Dokumentationen

18.07.2003 •

Es wäre wohl verfrüht und übertrieben, schon von einem Boom zu sprechen; aber fast unbeachtet gehören die Dokumentationen zu den heimlichen Gewinnern der Branchenkrise. Das ist ein wesentliches Ergebnis einer von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) in Auftrag gegebenen Expertise, die das Adolf-Grimme-Institut am 22. Juli der Öffentlichkeit vorstellen wird. Das Ergebnis mag überraschen, haben doch viele, denen die inhaltliche Entwicklung des Fernsehprogramms nicht gleichgültig ist, einen Klageton gerade der Dokumentaristen im Ohr (vgl. hierzu FK-Heft Nr. 27/01). Aber schon einfaches Nachzählen überrascht: Fast 1500 Dokumentationen verschiedener Art gab es zum Beispiel allein im Monat Oktober des vergangenen Jahres. Das sind gut 1000 Stunden Programm. Dabei spielt es sicherlich eine Rolle, dass selbst ambitionierte Dokumentationen um ein vielfaches preiswerter zu produzieren sind als fiktionale Programme.

Auf dem Weg zum Gipfel allerdings vollzieht sich im dokumentarischen Fernsehen ein rascher Formenwandel. Das Zauberwort dafür heißt „Formatierung“. Wer beim Dokumentarfilm an das große, womöglich investigativ orientierte Einzelstück des Autoren-Individualisten denkt, liegt tatsächlich schief. So wie bei der Serie oder dem TV-Movie der Zuschauer schon vorab genau wissen will, was ihn erwartet, werden nun auch Sendungen des dokumentarischen Fernsehens als Dachmarken etabliert oder in Reihen, Serien und Mehrteilern abgepackt. Das lange, ein- oder gar anderthalbstündige Einzelstück wird zur programmlichen Ausnahme.

Deutlich vorn liegt das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das sich aber dennoch nicht vollständig darüber bewusst zu sein scheint, dass nicht allein Reichenweiten und Zuschauerzahlen, sondern auch ein besonderer Wirklichkeitsbezug und Themensetzungen jenseits des Mainstreams Gebührenlegitimation sein können. Auffällig ist jedenfalls, dass die große quantitative Bedeutung des dokumentarischen Fernsehens sich auch daraus ergibt, dass Sendeplätze bevorzugt in Spartenkanälen und an den Programmrändern angeboten werden.

Die kommerziellen Sender werden sich wohl allmählich des Potenzials dokumentarischer TV-Formen bewusst, sind sich aber noch unsicher, welche Formen Reichweite ermöglichen. Ob es um die bundesrepublikanische Geschichte, die DDR oder den Irak geht, RTL ist munter dabei, eigene Produktionsweisen zu erproben, wobei der Sender selbstverständlich breiteste emotionale Themenzugänge sucht und keineswegs an Irritationen seiner Stammzuschauer interessiert ist. Nachdem sich all die versprochenen real people in so vielen Fällen als reine Knallchargen erwiesen haben, richtet sich bei den Programm-Machern die Sehnsucht nach Wirklichkeit auf neue Mischformen. Mit Serien wie „Lenßen & Partner“ oder „Niedrig und Kuhnt“, in denen die Protagonisten jeweils auch „in echt“ tun, was sie im Film vorführen, mischt Sat 1 munter dokumentarische Elemente in fiktionale Produktionen.

Wirklichkeit und Wirklichkeitswahrnehmung

Für die Dokumentationen gilt dasselbe, auch wenn sie von der anderen Seite her kommen. „Wo Doku draufsteht, kann sehr Verschiedenes drinstecken: von der klassischen Reportage bis hin zur durchinszenierten Soap“, weiß Fritz Wolf, der Autor der Grimme-Studie. So werden in den offiziellen Programmberichten sogar die Gerichtsshows als dokumentarisches Fernsehen gewertet, weil schließlich Verhandlungen nach-inszeniert würden. Solcher Zählweise folgt die Studie nicht, nennt aber auch „Hybrid-Formen“ als das zentrale Merkmal für die neue Formenvielfalt in der Doku-Familie. Kaum noch gibt es historische Dokumentationen ohne „Reenactment“, und längst weiß das Medium Fernsehen von seinen Möglichkeiten, mit denen es spielt. Zwischen Machern und Zuschauern läuft so gerade eine neue Runde beim Aushandeln, was denn nun als Wirklichkeit und Wirklichkeitswahrnehmung zu gelten habe. Gelegentlich bleibt allerdings unklar, ob es sich nun um fiktive Dokumentationen oder um die Dokumentation eines fiktiven Ereignisses handelt.

Zur fröhlichen Unschuld früherer Fernsehtage, in denen ebenso messerscharf wie naiv definiert wurde, dass Fiktion Konstruktion von Wirklichkeit sei, Dokumentation hingegen deren Abbildung, wird es keinen Weg zurück mehr geben. Die Produktionsweise wird sich auch in diesem Genre industrialisieren, wobei die Hoffnung auf Formenvielfalt nicht unbedingt begraben werden muss. Denn TV-Dokumentationen sind nicht von gestern, sondern im Kommen.

• Autor Bernd Gäbler ist Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts (Marl). – Die Studie: Fritz Wolf: Alles Doku – oder was? Eine Expertise über die Ausdifferenzierung des Dokumentarischen im Fernsehen. Eine von der Düsseldorfer Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) herausgegebene Untersuchung des Adolf-Grimme-Instituts.

Text aus Heft Nr. 29/2003 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

18.07.2003 – Bernd Gäbler/FK