Werner Ruzicka nahm Abschied von der Duisburger Filmwoche: Wie geht es ohne ihn mit dem Festival weiter?

15.11.2018 • Am 11. November ging mit der Preisverleihung die 42. Duisburger Filmwoche zu Ende. Mit ihr endete an diesem Sonntag auch die Zeit, in der Werner Ruzicka diese besondere Veranstaltung des deutschsprachigen Dokumentarfilms leitete. Da über die Struktur seiner Nachfolge zwischen den Hauptfinanziers der Filmwoche – dem Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Duisburg – allem Anschein nach noch keine Einigung besteht, kam es zu keiner Übergangszeremonie. Ruzicka nahm Abschied, aber eine Person, die ihm nachfolgt, konnte noch nicht begrüßt werden – so hing am Ende der 42. Duisburger Filmwoche etwas Unvollendetes merkwürdig in der Luft.

Werner Ruzicka hatte sein Amt im Jahr 1985 angetreten. Allerdings begann seine Duisburger Karriere schon vier Jahre früher. Um das zu erläutern, muss man kurz ausholen. Die Filmwoche ging 1977 aus den Informationstagen des deutschen Films hervor, die Klaus Jaeger und Horst Schäfer in den Jahren zuvor durchgeführt hatten. Das war eine Veranstaltung, auf der alljährlich die wichtigsten deutschen Spielfilme noch einmal gebündelt gezeigt und mit den Regisseuren diskutiert wurden.

1977 wurde diese regionale Veranstaltung zu einem deutschen Filmfestival aufgerüstet, zu dem jetzt auch dokumentarische wie nicht-narrative Filme eingeladen wurden. Doch es sollte bei einem einmaligen Event bleiben, da im nächsten Jahr das vom Sommer in den Februar gewechselte Filmfestival Berlinale eine deutsche Reihe einrichtete, welche die Duisburger Idee einer jährlichen Bilanzveranstaltung übernahm, und da zeitgleich die Stadt Duisburg in eine Finanzkrise geriet. Als die Frage anstand, ob man die Filmwoche einstellen oder mit einem neuen, aber auch finanziell deutlich reduzierten Konzept fortführen wolle, entschied sich eine Gruppe um die damalige Leiterin Angela Haardt – zu der auch der in diesem Jahr verstorbene Dokumentarist Klaus Wildenhahn gehörte – dafür, die Veranstaltung zukünftig vor allem dem deutschen Dokumentarfilm zu widmen.

1981 war Werner Ruzicka in Duisburg zum ersten Mal Mitglied der Kommission, die die Filme für die bis heute zirka zwanzig Vorführtermine auswählt und deren Mitglieder die Diskussionen mit den Regisseuren leiten. In jenem Jahr kam es zu einem Skandal. Die Auswahlkommission hatte einen kleinen Film abgelehnt, der von einer Häuserbesetzung im Ruhrgebiet handelte. Gegen das Votum wurde protestiert und der Film, um den es ging – „Recht auf die Auguststraße“ von Klaus Helle – wurde in einer Piratenaktion der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) im Duisburger Diskussionsraum vorgeführt.

Der einzige aus der Kommission, der sich mit dieser Aktion solidarisierte, war Werner Ruzicka. Die Unruhe, die um die Ablehnung des Films und aus dem Skandal seiner ‘illegalen’ Vorführung resultierte, sorgte dafür, dass im folgenden Jahr die Kommission verjüngt und mit Frauen und Männern besetzt wurde, die auch ein Auge für die neuen, eher kleinen, ‘schmutzigen’ Dokumentarfilme hatten, ob sie nun auf Video oder auf Super-8 gedreht wurden.

Das einzige Mitglied, das weiter in der Kommission blieb, war Werner Ruzicka. Er, geboren 1947, der in der Kommission von 1981 ein Novize gewesen war, wurde durch die Verjüngung gleichermaßen zu ihrem elder statesman, der nun stärker als der zeitgleich installierte neue Filmwoche-Leiter Claus Strobel das Programm und die Programmatik der Duisburger Veranstaltung bestimmte. Als Strobel eher sang- und klanglos Anfang 1985 die Filmwoche verließ (und dann 2009 im Zusammenhang mit der sogenannten Drehbuchaffäre um die NDR-Fernsehspielchefin Doris Heinze wieder ins Bewusstsein der Medienbranche zurückkehrte), rückte Ruzicka fast automatisch an seine Stelle und blieb bis in diesen November Leiter der Filmwoche.

Angesichts dieser Amtsdauer von über 30 Jahren, die ja selbst die von Angela Merkel als CDU-Vorsitzende übertrifft und fast auch an die von Bayern-München-Lenker Uli Hoeneß heranreicht, mögen manche der jüngeren Besucher, die in den letzten Jahren verstärkt nach Duisburg fuhren, glauben, dass Werner Ruzicka das alles erfunden hätte, was die Filmwoche bis heute kennzeichnet: Beispielsweise den Verzicht auf Parallelprogramme. Und die von Mitgliedern der Auswahlkommission moderierten Filmdiskussionen, die in rasch produzierten Texten protokolliert werden. Oder auch die Erörterung scheinbar randständiger Themen in öffentlichen Debatten oder die Verbindung zum Fernsehen, das in Gestalt der Sender Arte und 3sat die Filmwoche begleitet und wichtige Preise dotiert.

All das gab es – dank engagierter Dokumentarfilm-Enthusiasten wie Angela Haardt, Rosemarie Schatter, Klaus Wildenhahn oder Egon Netenjakob – schon vor Ruzicka oder wurde zu seiner Zeit von anderen Mitstreitern konzipiert und durchgesetzt. So ist es vielleicht Ruzickas größte Leistung, dass er an diesem bewährten Konzept festhielt und nur genau dort eher leise modifizierte, wo er sich sicher war, dadurch die Substanz der Veranstaltung nicht zu schädigen. Zu solchen Modifikationen gehörte etwa die Einführung einer stetig gewachsenen, mit dem Titel „Doxs!“ benannten Veranstaltungsreihe mit dokumentarischen Kinder- und Jugendfilmen oder die Betitelung jedes Programmjahres durch einen starken Begriff. In diesem Jahr hieß dieses Motto „Handeln“, was man auch als leise Aufforderung an Land und Stadt in Sachen Nachfolgeregelung begreifen konnte.

Allerdings wäre nichts falscher, als zu glauben, dass Werner Ruzicka nur der Sachwalter einer alten Idee gewesen wäre. Denn entscheidend bei allem war, wie er dieses Konzept mit Leben füllte. An wie vielen Diskussionen hat er wohl in all den Jahren teilgenommen? Wie viele der Diskussionen hat er selbst moderiert? Wie viele Streitigkeiten um die Sache hat er angestoßen, begleitet und am Ende wieder beruhigt? Man kann das alles gar nicht zählen, aber doch inhaltlich erfassen, denn die Protokolle der Filmwoche seit dem Jahr 1979 stehen seit einigen Jahren im Internet (unter www.protokult.de) und werden jedes Jahr durch die aktuellen ergänzt. Sie sind eine Quelle für die Geschichtsforschung des Dokumentarfilms und damit auch der besonderen Fernsehprogramme. Da die Moderatoren stets genannt und viele zitierte Diskussionsbeiträge namentlich benannt werden, kann man also auf dieser Internetseite auch das Lebenswerk von Werner Ruzicka studieren – das insistierende, ausdauernde und genaue Sprechen über die Bilder und Töne des Dokumentarfilms.

Als Leiter der Duisburger Filmwoche war Ruzicka aber nicht nur der oberste Diskursstifter und -wächter, sondern zugleich auch ein charmanter Gastgeber, der die Gäste herzlich begrüßte – mit wehendem Schal, oft mit einer Zigarette in der Hand, mit einem weiten Lächeln, einem festen Händedruck, einem schnell hinausgehuschten Kalauer oder einer kleinen Sottise. So fühlte man sich in Duisburg – und sei das Wetter noch so schlecht (und es war wirklich oft schlecht) – wie zu Hause.

Vom 5. bis 11. November 2018, bei dieser seiner letzten Filmwoche, nahm er wie stets an den Diskussionen teil, moderierte die eine und die andere oder meldete sich bei weiteren aus der zweiten Reihe des Publikums zu Wort. Wenn der Eindruck nicht täuschte, sprach er im diesen Jahr langsamer als früher. Das war insofern überraschend, als zu seinen Kennzeichen normalerweise eine enorme Redegeschwindigkeit gehört. Bei Michel de Montaigne findet man in den „Essais“ ein Kapitel mit der Überschrift „Vom raschen und zögernden Sprechen“. Dort erklärt er, dass vor allem die Prediger zögernd sprächen, weil sie ja viel Zeit hätten, ihre Sprechtexte zu entwickeln. Rasch sprächen vor allem die Advokaten, denen oder deren Mandanten es oft an Zeit mangele.

Das lässt sich leicht auf Werner Ruzicka übertragen. Sein rasches Sprechen war stets advokatorisch – also für die Sache, die auf der Filmwoche verhandelt wird. Es war einnehmend, für die Filme und ihre individuellen Formen sprechend. Und es war auf angenehme Art für die jeweiligen Regisseure werbend. Das hatte nie den priesterlichen Ton, mit dem manche vom Wert des Dokumentarfilms raunen. Wurde es in den Duisburger Diskussionen seiner Meinung nach zu weihevoll, zu begeistert, zu einmütig, dann krächzte er mit seiner durch die vielen Gespräche und Zigaretten heiser gewordenen Stimme dazwischen und entwickelte aus dem Stand eine Gegenposition.

Das hatte etwas Spielerisches. Wie auch eine der wichtigen Entscheidungen, die er allein entwickelt hatte und die bis heute die Filmwoche prägt, einen spielerischen Zug besitzt. Im Jahr 1989 in den Tagen nach der Berliner Maueröffnung kam ihm die Idee, die Duisburger Filmwoche zum Festival des deutschsprachigen Dokumentarfilms zu erweitern. Statt also die Filmwoche nur um die Dokumentaristen der bald ehemaligen DDR zu ergänzen, warb er nun auch um die aus der Schweiz und aus Österreich. Er dachte also statt nur gesamtdeutsch schon teileuropäisch, was der Filmwoche seit 1990 bis in die Gegenwart sichtlich gutgetan hat und ihr die Partnerschaft von Arte und 3sat eintrug.

Die Duisburger Filmwoche stand also auch 2018 eigentlich wieder gut da. Wäre da nicht die Frage, wie es ohne Werner Ruzicka weitergeht. Eine Frage, die Stadt und Land schleunigst beantworten müssten.

15.11.2018 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 24/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren