Rainer Fromm: Die AfD – wie aus Wut Politik wird (ZDFinfo)

Dass es geschehen ist

20.08.2016 •

Der Satz „Wie aus Wut Politik wird“ im Titel dieser Dokumentation lässt Beobachtungen erwarten, die den Vorgang beschreiben und erklären würden, wie aus einer Protestbewegung eine neue politische Partei entsteht, die ihren Weg in die Parlamente der Republik findet, um künftig am politischen Entscheidungsprozess in der Demokratie mitzuwirken. Doch eine solche Ursachenforschung steht in dem 45-minütigen Beitrag nicht im Vordergrund. Der Film beschreibt vielmehr ausführlich Orte und Situationen, wo diese Entwicklung bereits eingetreten ist. Es geht daher statt um das Wie eher darum, festzustellen, dass es geschehen ist.

Mit Beispielen von den Landtagswahlen aus den Jahren 2015 und 2016 in Sachsen-Anhalt und Thüringen belegt Filmautor Rainer Fromm, dass die Partei, die sich Alternative für Deutschland (AfD) nennt, zumindest in Ostdeutschland auf dem Weg fast schon zu einer neuen Volkspartei ist. Die Dokumentation beschäftigt sich dabei überwiegend mit Entwicklungen in den neuen Bundesländern, nur relativ kurz wird – etwa in der Mitte der Sendung – zum rheinland-pfälzischen Landtagswahlkampf vom Frühjahr 2016 gewechselt und dann später auch von einem AfD-Auftritt im Münsterland berichtet. Vom Filmemacher befragte Experten stützen die These, dass die AfD anscheinend in der Mitte der Bevölkerung angekommen sei.

Ein heimlicher ‘Star’ der Dokumentation ist der thüringische AfD-Landesvorsitzende Björn Höcke. Er wird ausführlich porträtiert und interviewt, in einer Weise, die weder anbiedernd noch denunzierend ist. Auch die übrigen Gespräche, die mit Funktionären und Sympathisanten der AfD geführt werden, nehmen ihre Gegenüber ernst und lassen sie ausreden. Des Weiteren kommt der AfD-Spitzenkandidat in Rheinland-Pfalz, Uwe Junge, zu Wort, einst Oberstleutnant der Bundeswehr und ehemaliges CDU-Mitglied. Einer möglicherweise beim Zuschauer in diesem Zusammenhang aufkommenden Vermutung, die AfD erhalte vor allem Zulauf aus Teilen der CDU, die sich von der eigenen Partei nicht mehr vertreten fühlen, kontert Fromm, indem er an späterer Stelle in Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) eine AfD-Aktivistin interviewt, die vormals für die SPD tätig war und ihm erklärt, warum sie jetzt politisch die Seiten gewechselt hat. Zur ausländerfeindlichen Pegida-Bewegung und verwandten Protestgruppen hat die AfD der Dokumentation zufolge ein gutes Verhältnis.

Ein längeres Gespräch mit zwei Dresdnern der älteren Generation, geführt nicht als Straßeninterview, sondern in ruhiger und sachlicher Atmosphäre in einem Restaurant, ist besonders aufschlussreich: Die beiden, noch durch die sozialistische DDR geprägten Interviewpartner verstehen sich selbst – durchaus auch in Abgrenzung zum früheren Sozialismus – als bürgerliche Mitte und sie empören sich über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen außerhalb ihres Milieus, die sie als „nicht mehr bürgerlich“ betrachten. Von dieser Position aus attackieren sie nicht nur die ‘hohe Politik’, sondern etwa auch das Zusammenleben von Paaren ohne offiziellen Trauschein und, wie sie es nennen, den „Gender-Wahn“. Hier wird sichtbar, dass sich die AfD nicht ausschließlich auf ihre „dunkle Seite“, wie es im Film an einer Stelle heißt, nämlich auf rechtsextremistische Positionen reduzieren lässt. Doch auch dieser Aspekt wird nicht weiter vertieft.

Die Dokumentation von Rainer Fromm, der sich bereits in zahlreichen Filmen mit dem Rechts­extremismus befasst hat, pflegt einen eher sachlichen, unaufgeregten Ton, der vermittelt, dass es in diesem Film nicht um Skandalisierung geht. Dennoch – oder gerade deswegen – sind die eingeholten Statements oft sehr erschreckend. Diese Wirkung wäre jedoch sicher noch nachhaltiger, würde sie nicht immer wieder in einem überflutenden Kommentar ertränkt. Der zudem hastig gesprochene Kommentar und die teils sehr langen, ungeschnittenen Interviewpassagen mit den Experten erwecken den Eindruck, als sei diese Dokumentation über die AfD ziemlich schnell erstellt worden – vielleicht noch in einer vorläufigen, unfertigen Fassung versendet oder gar als Resteverwertung vorhandenen Filmmaterials, gerade gut genug für den Nischensender ZDFinfo, in dem ja nur selten Eigenproduktionen in Erstausstrahlung angeboten werden. Der Beitrag gewährt interessante Einblicke, die dringend einer weiteren kritischen Analyse bedürfen.

20.08.2016 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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