Mona Botros: Drohnenkrieg – Tod aus der Luft (ZDF)

Rechtliche Grauzone

07.08.2015 •

Natürlich wäre Ursula von der Leyen eine passende Interview-Partnerin gewesen. Wenn es darum geht, dass die Bundeswehr demnächst womöglich mit Kampfdrohnen ausgerüstet werden soll, müsste die amtierende Verteidigungsministerin ja wohl etwas dazu sagen können. Hatte sich auch Dokumentaristin Mona Botros für ihren Film „Drohnenkrieg – Tod aus der Luft“ gedacht und war zur Berliner Luft- und Raumfahrtausstellung nach Berlin gefahren, um der Ministerin auf den Zahn zu fühlen.

In der ausgestrahlten Dokumentation sah das dann so aus: Von der Leyen, umgeben von einem Tross aus Leibwächtern, Militärs und sonstigen Männern in dunklen Anzügen, eilte forschen Schrittes zur Eröffnung der Messe, als die Autorin ihr zurief, ob sie sich nicht mal eben zum Thema Kampfdrohnen äußern wolle. Wollte Frau Ministerin nicht. Was man ihr in dieser Situation allerdings kaum verübeln konnte. Nichtsdestotrotz hieß es im Off-Kommentar zu der Szene: „Unsere Fragen werden abgeblockt.“ Hätte die Autorin Frau von der Leyen zuvor auf dem Dienstweg um ein Interview gebeten, das diese verweigert hätte, wäre solch eine Überfall-Aktion ja noch zu rechtfertigen, doch von einer offiziellen (und abgelehnten) Anfrage war im Film nicht die Rede.

Bisweilen sind es solche Momente, die einen an der Seriosität eines Films zweifeln lassen. Schon die Anfangssequenz von Botros’ Dokumentation kam arg martialisch daher. Zu Bildern explodierender Raketen hieß es: „Wenn sie am Joystick abdrücken, fällt der Tod vom Himmel.“ Und weiter: „In den Einsatzgebieten gibt es kein Entkommen.“ Angefügt wurde noch die Aussage der Grünen-Politikerin Antje Vollmer, die gleich eine umfassende „Enthemmung der Menschheit“ diagnostizierte. Gottlob hielt sich Mona Botros im Folgenden mit solch plakativen Statements weitgehend zurück und versuchte, eine mehr oder minder differenzierte Bestandsaufnahme des Waffentyps Kampfdrohne zu liefern. Womit jene unbemannten Flugkörper gemeint sind, die aufgrund ihrer Hightech-Sensorik in der Lage sind, Menschen punktgenau zu liquidieren.

In der 45-minütigen Dokumentation (Produktion: Cincecentrum) wurde lange Zeit nicht darauf eingegangen, dass es auch vor der Erfindung der Drohnen Distanzwaffen gegeben hat. In der Mitte des Films gab es dann doch einen historischen Exkurs in Sachen Militärtechnologie. Dabei wurde die elementar neue Qualität bzw. Problematik der Kampfdrohnen allerdings nicht wirklich thematisiert. Wo für Bomberpiloten und Schützen von Lenkwaffen die Opfer stets anonym bleiben, haben die Operatoren von Kampfdrohnen angesichts von hochauflösenden Kameras, mit denen die Drohnen ausgerüstet sind, eine ziemlich konkrete Vorstellung, wen sie da per Knopfdruck töten.

So gab etwa der ehemalige US-Soldat Brandon Bryant hier zu Protokoll, dass er von seiner Basis in Nevada seine Zielpersonen in Afghanistan teils über Wochen habe beobachten können. Bryant steuerte rund fünf Jahre bei der US-Armee Drohnen und quittierte dann 2011 aus Gewissensgründen den Dienst. Er war auch der Informant für den US-Spielfilm „Good  Kill“, den das ZDF unmittelbar vor dieser Dokumentation ausstrahlte und aus dem die anschließende Dokumentation ausgiebig Szenen übernahm.

Weit besser als die technische und psychologische Analyse dieses neuen Waffentyps gelang der Autorin die Aufbereitung der (völker)rechtlichen Probleme, die mit seinem Einsatz vor allem durch die US-Streitkräfte einhergehen. Wo der Angriff auf identifizierte Einzelpersonen die Genehmigung des US-Präsidenten verlangt, gibt es auch immer wieder Fälle, in denen mit Hilfe der Drohnen namenlose Personen oder ganze Gruppen getötet werden, weil von ihnen nach Geheimdienstinformationen eine Terrorgefahr ausgeht. Der sogenannte „Targeting-Prozess“, der zu diesen Entscheidungen führt, findet in einer rechtlichen Grauzone statt. Letztlich handelt es sich um eine Exekution von Personen auf bloßen Verdacht in Ländern, mit denen sich die USA nicht im Kriegszustand befinden. Der Film, der unter dem Label „ZDFzeit“ ausgestrahlt wurde, geht auch darauf ein, dass durch Drohnenangriffe immer wieder auch Unbeteiligte getötet werden. Ein befragter Militärforscher erklärt, er habe durch Analyse von Einsätzen herausgefunden, dass Angriffe durch Drohnen zehnmal häufiger zivile Opfer forderten als solche mit bemannten Flugzeugen.

Bisweilen sind von Drohnenangriffen auch deutsche Staatsbürger betroffen, wie der Film am Beispiel der Deutsch-Marokkanerin Chadia Erdogan deutlich machte. Sie überlebte mit Mann und Kind im Jahr 2010 einen solchen US-Angriff in Pakistan, bei dem auch ein Freund, ebenfalls deutscher Staatsbürger, ums Leben kam, der für das amerikanische Militär im Verdacht stand, ein Dschihadist zu sein. Eigentlich ein klarer Fall für die deutsche Justiz, doch der Generalbundesanwalt hatte, wie Mona Botros erklärte, ein Interview zu diesem Thema abgelehnt. Chadia Erdogan trat übrigens ebenso wie Brandon Bryant bereits 2013 in der ARD-Dokumentation aus der Reihe „Die Story im Ersten“ mit dem Titel „Töten per Joystick“ auf, die dasselbe Thema behandelte und die von der Produktionsfirma Eco Media im Auftrag des WDR hergestellt wurde (vgl. Kritik in FK 30/13).

Unter dem Strich brachte die ZDF-Dokumentation „Drohnenkrieg – Tod aus der Luft“, die sich bei den Dokumenten der Einsätze vorwiegend bei der britischen Internet-Plattform LiveLeak bediente, nicht unbedingt neue Erkenntnisse. Der Film (1,14 Mio Zuschauer, Marktanteil 12,6 Prozent) lieferte zu sehr später Stunde jedoch eine informative Zusammenstellung der Probleme, die mit dem Einsatz von Kampfdrohnen einhergehen.

07.08.2015 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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