Ariane Rieker: Wer beherrscht den Osten? 2‑teilige Dokumentation (MDR Fernsehen)

Macht, Einfluss, Seilschaften

25 Jahre nach der Wiedervereinigung „sind die Ostdeutschen in gesellschaftlichen Führungspositionen noch immer nicht adäquat repräsentiert“. So lautet das Fazit einer Studie, die der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) zum Anlass für einen Programmschwerpunkt genommen hat. Nicht nur sendete das MDR Fernsehen eine zweiteilige Dokumentation dazu, sondern die Thematik fand ebenso Berücksichtigung in den aktuellen Sendungen des Dritten Fernsehprogramms, in den Radioprogrammen des MDR wie auch in einem speziellen Internet-Auftritt (www.wer-beherrscht-den-osten.de).

Auf der Webseite lassen sich die Ergebnisse der Studie noch einmal nachlesen, die, wie der Sender mitteilte, von der Universität Leipzig in Zusammenarbeit mit dem MDR erstellt wurde. Die Daten wurden im Zeitraum zwischen August 2015 und März 2016 erhoben. Wie eng die Kooperation zwischen Universität und MDR war, zeigt sich an der Tatsache, dass Olaf Jacobs und Michael Bluhm die Autoren der Studie sind. Olaf Jacobs lehrt seit 2014 als Honorarprofessor für „Ökonomie der Film- und Fernsehproduktion“ am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Gleichzeitig ist er, als Geschäftsführer der Film- und Produktionsgesellschaft Hoferichter & Jacobs (Leipzig), auch Produzent der für das MDR Fernsehen angefertigten zweiteiligen Dokumentation „Wer beherrscht den Osten?“. Michael Bluhm, Koautor der Studie, wird bei der Produktionsfirma als redaktioneller Mitarbeiter geführt.

Bereits der Titel der Dokumentation von Ariane Rieker (Buch/Regie) macht deutlich, worum es hier geht und worum nicht. Es geht nicht um die Tatsache, dass heute viele geborene ‘Wessis’ im Osten der Bundesrepublik arbeiten, so wie es auch viele geborene ‘Ossis’ gibt, die das im Westen tun, was ja eigentlich ein insgesamt positives Indiz für das Zusammenwachsen beider aus politischen Gründen über 40 Jahre getrennter Landesteile ist. Es geht vielmehr um die Machtfrage, um politischen und wirtschaftlichen Einfluss, um Netzwerke und Seilschaften, die verhindern, dass die angestammte ostdeutsche Bevölkerung auf der Führungsebene von Politik und Wirtschaft angemessen repräsentiert ist.

Wichtige Fakten aus der Studie, vorwiegend statistisch aufbereitetes Zahlenmaterial, werden in der Dokumentation durch einen fortlaufenden Kommentartext übermittelt, vieles davon mit kurzen Zeichentricksequenzen bebildert, die ein über eine Stadtlandschaft gebreitetes Schachspiel assoziieren. Sie geben dem Film eine Struktur und sind ästhetisch auch reizvoller als eine übliche grafische Darstellung von statistischem Zahlenwerk, das Ganze ist allerdings, vor allem wegen des relativ schnellen Übermittlungstempos der Fakten, viel weniger gut vom Zuschauer zu behalten. Dieses Manko lässt sich allerdings schnell durch einen Blick auf die entsprechende Internetseite beheben, die weiterhin online steht, wohingegen die zweiteilige Dokumentation selbst dort nicht mehr zu finden ist: Die beiden Teile wurde inzwischen – jeweils pünktlich sieben Tage nach Ausstrahlung im MDR Fernsehen – aus der Mediathek des Senders entfernt.

Das ist bedauerlich, denn – jenseits des vermittelten Faktenmaterials – liegt die eigentliche Stärke dieser zweimal 45-minütigen Dokumentation in den filmischen Porträts von Personen, die 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern solche gesellschaftlichen Führungspositionen innehaben. Die Filmemacherin nähert sich ihnen behutsam und gibt ihnen viel Raum zur Selbstdarstellung. In bester Dokumentarfilm-Manier entfaltet sich in einem sorgfältig von der Kamera begleiteten Wechselspiel von Nähe und Distanz das Bild von Persönlichkeiten, wie sie hier durch die besonderen gesellschaftspolitischen Herausforderungen geprägt worden sind. Dabei werden auch wichtige historische Details im Wiedervereinigungsprozess noch einmal differenziert nachgezeichnet, wie im zweiten Teil der Dokumentation etwa der Wechsel im Banken- und Versicherungswesen.

Es wird bei alldem deutlich, dass sowohl die porträtierten geborenen ‘Ossis’ für ihre jetzige Tätigkeit in diesem vergangenen Vierteljahrhundert viel über das Funktionieren der westdeutschen Gesellschaft gelernt haben, wie auch die im Film porträtierten geborenen ‘Wessis’ sich inzwischen ostdeutscher Mentalität angepasst haben. So verkörpert beispielsweise der derzeitige von der Linkspartei stammende Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow im ersten Teil der Dokumentation in einem Maß den ‘typischen Ossi’, dass es eigentlich zur Einblendung seines Namen zusätzlich auch der Angabe des Orts, wo er aufgewachsen ist, bedurft hätte, um seine ursprüngliche Herkunft aus dem Westen nicht zu vergessen. Einige dieser insgesamt sehr gelungenen Porträts könnte man somit ebenso gut bei einem Thementag zeigen, der sich etwa der gelungenen Integration von ehemaligen Westdeutschen in die Ostgesellschaft annehmen würde.

Dennoch bleibt die Faktenlage erdrückend, auf die der MDR mit dieser besonderen Programmgestaltung die Aufmerksamkeit lenkte. Dass insbesondere in dieser mangelnden Repräsentanz Ostdeutscher in der Führungsebene auch die Gründe für die im Osten der Bundesrepublik zunehmende Demokratieverdrossenheit und Sympathie für rechtsradikales Gedankengut liegen, wie in der Dokumentation angedeutet wird, ist allerdings bisher nur eine (vermutete) Schlussfolgerung daraus. Im Rahmen dieses Themenschwerpunkts wird auch nicht versucht, diese Vermutung über die gesellschaftlichen Auswirkungen weiter – wissenschaftlich oder journalistisch – abzusichern, obgleich das Projekt insgesamt für den MDR offensichtlich ein wichtiges Anliegen darstellt. Die Autorin dieser Dokumentation, Ariane Rieker, hatte zuvor bereits unter dem Titel „Wem gehört der Osten?“ eine dreiteilige Dokumentation erstellt, die im Juni 2015 im MDR Fernsehen ausgestrahlt wurde. Und schon im Jahr 2004 hatte der MDR für sein Wirtschafts- und Verbrauchermagazin „Umschau“ Daten zu dieser Fragestellung erhoben, die jetzt wieder für die neue Studie als Vergleichsdaten mit herangezogen wurden.

24.06.2016