Rainer Fromm: NSU privat – Innenansichten einer Terrorzelle (ZDFinfo)

So deutlich noch nicht thematisiert

12.06.2015 •

Die im Spartenprogramm ZDFinfo quasi unter Ausschluss der breiten Fernsehöffentlichkeit ausgestrahlte Dokumentation von Rainer Fromm bietet zum laufenden NSU-Prozess in München um Beate Zschäpe Hintergrundinformationen, wie sie so und in dieser Deutlichkeit noch nicht thematisiert worden sind. Der Autor beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Rechtsextremismus, in Buchpublikationen und in Fernsehbeiträgen. Zuletzt gab es von ihm am 20. Januar dieses Jahres im ZDF-Hauptprogramm die Dokumentation „Der Nationalsozialistische Untergrund: Was wusste der Staat vom braunen Terror?“ (0.45 bis 1.30 Uhr). Auch in diesem Film widerlegte Fromm bereits die offizielle – möglicherweise vor allem aus prozesstaktischen Erwägungen heraus aufgestellte – „Drei-Täter-These“ der Bundesanwaltschaft, indem er Verbindungen von Beate Zschäpe und ihren Terrorkomplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu einem breiten Neonazi-Netzwerk aufzeigte, wobei er Belege für enge Verbindungen zu V-Leuten des Verfassungsschutzes fand.

In dieser neuen Dokumentation, die als Erstausstrahlung im Nischenkanal ZDFinfo selbst hier noch zu wenig attraktiver Sendezeit ausgestrahlt wurde, steht dagegen das Privatleben des Trios im Vordergrund. Die Analyse in diesem Zusammenhang führt indes zu einem vergleichbaren Ergebnis, nämlich ebenfalls zu dem Nachweis einer engen Verbundenheit mit anderen Gruppen aus der Neonazi-Szene wie dem „Thüringer Heimatschutz“ und dem Chemnitzer Verein „Blood & Honour“. Das Trio des NSU, also des Nationalsozialistischen Untergrunds, ist für mehrere Morde verantwortlich, verübte Bombenanschläge und beging Raubüberfälle. Mundlos und Böhnhardt sind inzwischen tot. Tschäpe steht in München als Hauptangeklagte vor Gericht, der Prozess begann am 6. Mai 2013.

Der 45-minütige Beitrag „NSU privat – Innenansichten einer Terrorzelle“ ist ein Thesenfilm, der Stellung bezieht, also bei der Auswahl der Fakten einseitig ist. Dabei deckt er allerdings – häufig mit bisher unbekanntem Filmmaterial – ein weites Spektrum ab. So wird das gesamte ideologische Umfeld beleuchtet; ebenso wird der Hang zu pädophilen Neigungen und zu Gewaltvorstellungen in dieser Neonazi-Szene thematisiert, beispielsweise am Fall des V-Manns Tino Brandt. Aber auch beim NSU-Trio selbst hat man kinderpornografische Dateien gefunden.

Doch liegt der Schwerpunkt der Dokumentation eindeutig auf der Person von Beate Zschäpe, deren Werdegang von ihrer Kindheit an zurückverfolgt wird, wo sich schon früh zeigt, in welchem Maß das rechtsextreme Milieu für sie zum Familienersatz wird. Der Film zitiert auch aus privaten Briefen, die Zschäpe aus dem Gefängnis heraus an einen Neonazi geschrieben hat, und lässt sie psychologisch analysieren. Ebenso wird Material verwertet, das die Polizei im Brandschutt der letzten Wohnung des NSU-Trios sichergestellt hat. So etwa werden einige Teile aus der von dem Trio akribisch betriebenen, makabren Sammlung von Dingen gezeigt, die einst ihren Opfern gehörten; die Sachen erinnern dabei an Devotionalien (Off-Kommentar: „Buchhaltung des Grauens“). Auch Videoaufnahmen aus der vom Trio selbst installierten, vier Kameras umfassenden eigenen Hausüberwachung sind zu sehen. Sie zeigen einen gutbürgerlichen Lebensalltag, der im Film aus dem Off ironisch kommentiert wird.

Überhaupt ist der Dokumentation insgesamt ein ziemlich dominanter Kommentar unterlegt, der zwar weitgehend unpathetisch ist, jedoch mit seiner pointiert formulierten Einordnung des Gezeigten – und gelegentlich auch überpointiert („Rassismus wird hier zum Way of Life“) – sehr bestimmend wirkt. Zahlreiche Experten kommen zu Wort wie beispielsweise Psychologen und Politologen, aber auch Opferanwälte aus dem NSU-Prozess, zwei an Untersuchungsausschüssen beteiligte Politiker, ein Streetworker aus Jena und ein nur vermummt vor die Kamera tretender Insider aus der Nazi-Szene. Ein Statement vom Campingplatz auf Fehmarn darf nicht fehlen, auf dem die drei Terroristen wiederholt Urlaub machten, sogar der griechische Wirt in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihrer Wohnung in Zwickau wird befragt. Er kann sich nur positiv an diese Gäste erinnern und vermochte bei ihnen keinerlei Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit festzustellen. Der Film schildert Beate Zschäpe als einen sehr kommunikativen Menschen, der „reden will“. Sie sei es gewesen, die erst das halbwegs normale Privatleben des im Untergrund lebenden Trios möglich gemacht habe. Im Off-Kommentar heißt es, sie sei die „Seele des Mördertrios“ gewesen. Da sie eigentlich sehr mitteilsam sei, bedeute das ihr im Prozess von ihren Anwälten auferlegte Schweigen für sie ein großer Stress.

Das Privatleben der NSU-Terroristen sei, so das Fazit des Films, „so normal“ gewesen, „wie es niemand vermuten würde“. Weil das Trio – anders als etwa einst die auf Öffentlichkeitswirksamkeit bedachte linksterroristische Rote Armee Fraktion (RAF) – nach seinen Taten keine Bekennerschreiben verschickte, suchte es nach Anerkennung und narzisstischer Befriedigung durch das eigene Milieu, also im ‘internen’ Bereich. Ein Bekennervideo kam erst nach dem Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt an die Öffentlichkeit. Doch auch das sei, so eine Expertin in dem Film, in seiner zynischen Selbstdarstellung und mit seiner Verachtung der Opfer vor allem „anschlussfähig“ im eigenen Milieu.

12.06.2015 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

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