Medientage München 2016: Kanzlerin Merkel fordert mehr Transparenz bei Algorithmen

31.10.2016 •

Zum 30. Mal wurden die Medientage München jetzt veranstaltet und angesichts dieses Jubiläums konnte der Fachkongress zum Auftakt am 25. Oktober mit einem hohen Gast aufwarten: Niemand Geringeres als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hielt die Eröffnungsrede. Darin machte Merkel sich für die Meinungsvielfalt stark und positionierte sich gegen die Macht der Online-Konzerne aus den USA. Große Internetplattformen könnten zu einem „Nadelöhr der Vielfalt der Anbieter“ werden und die Medien „existentiell bedrohen“, sagte die Kanzlerin mit Blick auf amerikanische Unternehmen wie Google oder Facebook. In ihrer Rede bewertete Merkel auch die Chancen und Risiken digitaler Medienkommunikation. Dabei betonte sie, es gehe darum, Medien- und Meinungsvielfalt zu erhalten. Das sei Grundlage für die politische Teilhabe einer informierten, kritischen Bürgerschaft.

Vielfalt erweitere in einer Demokratie den Horizont und sei Voraussetzung für Kompromisse, sagte die Bundeskanzlerin. Umso mehr gelte es, Pressefreiheit „immer und überall“ zu verteidigen. Allerdings könne das Internet auch zu einer Gefahr werden, wenn etwa Algorithmen dazu führten, dass die öffentliche Meinung verzerrt werde. Dazu trügen häufig Nutzer bei, die online nur ihre eigene Meinung bestätigt sehen wollten. Deren an der Demokratie geäußerte Zweifel, „die mit konstruktiver Kritik wenig bis nichts zu tun haben“, würden durch Echokammereffekte verstärkt und könnten zu einer weiteren „Verzerrung der Wahrnehmung“ führen.

Künstliche Intelligenz

Merkel forderte, Algorithmen müssten transparent sein. Risiken sah die Regierungschefin auch darin, dass in der Online-Welt die Echtheit von Informationen und Bildern oft nicht geprüft werden könne. Umso wichtiger sei ein Qualitätsjournalismus, der einordne und Einzelaussagen in Beziehung setze. Qualität stärke Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Die Bundeskanzlerin unterstrich zugleich aber auch die Chancen der Internetgesellschaft: Das Forschungsgebiet ‘Künstliche Intelligenz’ sei „eines der großen Themenfelder der Zukunft“, das auf Algorithmen und Big Data angewiesen sei und allen helfen könne, vorausgesetzt der Datenschutz funktioniere und die Daten würden nicht zu anderen Verwendungszwecken missbraucht. Deutschland brauche als führender Industriestandort ebenso Daten („als Rohstoff der Zukunft“) wie breitbandige Internetverbindungen. Bis 2018, so versprach Merkel in München, werde es eine bundesweite Online-Grundversorgung mit einer Datenübertragungsrate von mindestens 50 Mbit/s geben. Dafür würden 4 Milliarden Euro investiert.

Als aktuelle Herausforderungen für die Medienpolitik nannte Merkel die Bereiche Wettbewerbsrecht, Verbraucher- und Datenschutz sowie den Schutz geistigen Eigentums. Das alles müsse auch auf europäischer Ebene gesichert werden. Die Europäische Union benötige bei der Digitalisierung im Binnenmarkt einheitliche Standards; so würden neue Arbeitsplätze geschaffen. Deshalb würden die Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten auch die neue Audiovisuelle Mediendiensterichtlinie (AVMD-Richtlinie) „schnell voranbringen“, versicherte die Bundeskanzlerin auf der Branchenzusammenkunft, die vom 25. bis 27. Oktober im Internationalen Congress Center München stattfand.

Während der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) auf dem Münchner Kongress, dessen Motto in diesem Jahr lautete: „Mobile & Me – Wie das Ich die Medien steuert“, keinerlei programmatische Aussagen zur Medienpolitik machte, wies Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), auf die Umbrüche der Branche hin, die sich in einer Zeit befinde, in der „Algorithmen, Bots und intelligente Empfehlungssysteme die Medienwelt verändern“.

Medienbots und Roboterjournalismus

Eine weitere Welle der Digitalisierung, so prognostizierten Experten beim Medientage-Gipfel am 25. Oktober, stehe unmittelbar bevor: Wolfgang Wahlster, Vorsitzender der Geschäftsführung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), zeigte konkrete Auswirkungen einer digitalen Disruption auf. Nachdem Zahlen bislang überwiegend nur gesammelt, gespeichert und verarbeitet worden seien, gehe es im nächsten Schritt darum, digitale Daten mit Hilfe von Algorithmen zu interpretieren und „aktiv zu monetarisieren“.

Welche Folgen es haben kann, wenn Maschinen das Denken beigebracht wird („Deep Learning“), machte der Informatik-Professor Wahlster an Beispielen wie der Personalisierung von Medieninhalten oder selbstlernenden Systemen zum Erkennen von Sprache und Gesichtern deutlich. Auf dieser Basis könne etwa das interaktive semantische Fernsehsystem „Swoozy“ Fernsehzuschauern jederzeit gestengesteuert Fakten über eine gerade eingeblendete TV-Szene beantworten. Medienbots und Roboterjournalismus könnten Medienangebote personalisieren. Wahlster warnte aber auch vor Gefahren. Würden Algorithmen die Arbeit von Redaktionen übernehmen, seien Nachrichtenauswahl und Informationsgenese oft intransparent, kritische Distanz und Unabhängigkeit nicht garantiert.

Was Künstliche Intelligenz leisten kann, veranschaulichte Martina Koederitz. Die Vorsitzende der Geschäftsführung von IBM Deutschland gab Einblicke in die Plattform „Watson Internet of Things“. Als Beispiel präsentierte sie einen Trailer zum Film „Das Morgan-Projekt“, den der Superrechner Watson automatisch aus Filmsequenzen erstellte, nachdem zuvor selbstlernende Algorithmen erfolgreiche andere Trailer analysiert hatten.

Verführung zur Seriosität

Conrad Albert, der im Vorstand der Pro Sieben Sat 1 Media SE für den Bereich External Affairs & Industry Relations zuständig ist, hob hervor, für die Programmplanung von Sat 1 oder Pro Sieben gelte vorerst weiter die Devise „Weniger Algorithmus, mehr Mensch“. Schließlich wollten die Fernsehzuschauer überrascht werden. Dass die großen Streaming-Anbieter aus den USA stark auf Algorithmen setzten, habe der eigenen Video-on-Demand-Plattform von Pro Sieben Sat 1 nicht geschadet, so Albert: „Maxdome leidet nicht unter Amazon und Netflix, im Gegenteil!“

Auch wenn Nutzerdaten und Algorithmen Aufschluss über die Wünsche und Motive von Zuschauern, Hörern oder Lesern geben können, bleiben immer mehr Rezipienten für klassische Medien unerreichbar: Die Vertrauenskrise der Medien hat dazu geführt, dass sich im Internet Verschwörungstheorien und Hass-Kampagnen verbreiten. Armin Wolf, stellvertretender Chefredakteur des Bereichs TV-Information beim Österreichischen Rundfunk (ORF) und Moderator des via 3sat auch in Deutschland zu sehenden Nachrichtenmagazins „ZIB 2“, sprach in diesem Zusammenhang vom Kampagnenjournalismus einer postfaktischen Gesellschaft. Sein Rezept dagegen: Könnten Journalisten das Publikum nicht mehr über die klassischen Medien erreichen, müssten sie online eine Gegenstrategie entwickeln. Wolf empfahl, Social-Media-Plattformen zu „infiltrieren“ und das Publikum „zu seriösem Journalismus zu verführen“.

Außer dem Kampagnenjournalismus kritisierte der ORF-Moderator in München auch den sogenannten Kommerzjournalismus. In diesem Fall gehe es im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie vor allem darum, mit extremen und schrillen Inhalten Eskapismus zu bieten. Wolf appellierte an die Branche, dass Journalismus stärker Kontext und Komplexität abbilden, zwischen wahr und unwahr, zwischen Sinn und Unsinn unterscheiden müsse, um so der Wahrheit so nahe wie irgend möglich zu kommen.

31.10.2016 – mak/MK