Das Rollenspiel: Als Angela Merkel bei Anne Will war

09.10.2015 •

09.10.2015 • Es war ohne Zweifel ein Scoop, den die ARD da gelandet hatte, als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 7. Oktober in die Talkshow von Anne Will ging, die deshalb auch eine Stunde früher zu sehen war als üblich. Das Thema der Sendung lautete: „Die Kanzlerin in der Flüchtlingskrise – Können wir es wirklich schaffen, Frau Merkel?“ Das am Nachmittag vor Publikum aufgezeichnete, rund einstündige Gespräch wurde an diesem Mittwoch um 21.45 Uhr live on tape im Ersten ausgestrahlt.

Es war ein Scoop, weil sich Angela Merkel hier zum ersten Mal in einem Gespräch – und nicht in Reden, Interviews oder Statements – umfassend zur Flüchtlingssituation in Deutschland äußerte, also zu einem Thema, das die Bundespolitik, die Massenmedien und auch die Bürger seit Anfang September in hohem Maß beschäftigt. Alle waren gespannt, wie Merkel ihre Politik der Nichtabschirmung des Landes gegenüber den Flüchtlingen begründen würde, ob sie ihren Kurs nach der lauter werdenden Kritik aus ihrer Partei, aus der Schwesterpartei CSU und mittlerweile auch aus der SPD möglicherweise modifizieren wollte und wie sie auf eben diese Kritik – auch emotional – reagieren würde.

Selbstverständlich sagte die Bundeskanzlerin in der Sendung nichts Neues. Sie bleibt angesichts der Flüchtlingsströme weiter bei einer Politik der Öffnung, und das aus pragmatischen Gründen. „Das wird nicht klappen“, sagte sie zum Gedanken eines Aufnahmestopps. Wie wolle denn Deutschland seine Grenze gegenüber den Flüchtlingen, die in der großen Mehrzahl aus Syrien kommen, absperren? Ein Zaun jedenfalls helfe gar nicht, wie das Beispiel Ungarn zeige. Dass die Lage angesichts der vielen Flüchtlinge, die seit diesem Sommer nach Deutschland kämen, nicht einfach sei, gestand Merkel ein: Es sei für die Politik „die schwierigste Aufgabe seit der Wiedervereinigung“. Doch die Kanzlerin zeigte sich optimistisch. „Wir schaffen das“, betonte sie erneut und sie sagte diesen kurzen Satz mehrfach und nachdrücklich.

Anne Will nahm in einer Art von Rollenspiel mehrfach die Haltung der Kritiker Merkels ein. Die Moderatorin lächelte süffisant, als sie nachfragte, ob die Kanzlerin einen Plan für die Flüchtlingsfrage habe. Will behauptete, alles sei irgendwie aus den Fugen. Und sie äußerte verklausuliert so etwas wie Überfremdungsangst, als sie die Frage stellte: „Was bleibt übrig vom ‘Wir, wenn die Flüchtlinge in Deutschland blieben?“ Mit der ersten Person Plural war das Kollektiv der Deutschen gemeint, die sich irgendwie durch die Neuankömmlinge in diesem Land ändern würden. Zuvor hatte Will schon einmal gefragt: „Was ist das für ein Deutschland, das wir jetzt werden?“

Dass das ein Rollenspiel war, das die Moderatorin vielleicht sogar vorher mit der Kanzlerin verabredet hatte, merkte man kurz vor Schluss, als Anne Will das neue Bündnis zwischen der Europäischen Union und der Türkei thematisierte. Indirekt stellte sie Merkel die Frage, ob man nicht die Prinzipien der Gemeinschaft preisgebe, zu der die Religions- und die Meinungsfreiheit gehören, wenn die EU nun den türkischen Staatspräsidenten Erdogan hofiere? Merkel antwortete mit dem Hinweis, dass Will hier zwar scheinbar neutral frage, in Wirklichkeit aber ihre Meinung – also Kritik an der Politik Erdogans – äußere. Im Umkehrschluss bedeutet das ja, dass Anne Will zuvor eher nicht ihre Meinung in Frageform gekleidet, sondern eher Bedenken und die Kritik anderer aufgegriffen habe.

Der Zweck dieses Rollenspiels war bald klar: Es bot der Bundeskanzlerin die Chance, auf all die Kritik souverän – mal lächelnd, mal energisch mit den Händen gestikulierend – zu antworten. Auf den Vorwurf etwa, dass die Selfies, die Flüchtlinge in einem Auffanglager mit Merkel aufgenommen hatten, noch mehr Menschen nach Deutschland locken könnten, antwortete sie richtigerweise mit dem Hinweis, dass sich doch niemand wegen eines solchen Fotos auf eine so beschwerliche und gefährliche Flucht begäbe. Und auf die Frage, ob sie denn diese ganze Kritik, die ja auch Anne Will in Frageform geäußert hatte, nerve, fand sie die schöne Antwort, dass nerven in der Politik keine Kategorie sei.

Indirekt musste Angela Merkel aber eine Vielzahl von Versäumnissen einräumen. Denn dass die Bundesregierung erst jetzt über die Ursachen der Flüchtlingsströme – insbesondere den syrischen Bürgerkrieg – nachdenkt und diese Ursachen erst jetzt wirklich bekämpfen will, das muss man schon als das Geständnis eines politischen Fehlers bewerten. Interessanterweise wählte Merkel für den Grund des Versäumnisses ein Bild, das eher den gewöhnlichen Bundesbürger denn eine Politikerin, die ja auch Weltpolitik betreibt, beschreibt: Es sei doch so gewesen, dass man, als man Bilder vom Bürgerkrieg in Syrien gesehen habe, gedacht habe, da werde sich schon jemand drum kümmern. Hier war Anne Will am besten, als sie die Veränderungen in der Politik der Angela Merkel festhielt.

Eher ungeschickt war Wills Nachhaken in dem Punkt, wo es umd das Verhältnis Merkels zu ihrem Bundesinnenminister und Parteikollegen Thomas de Maizière ging. Erst bezeichnete die Moderatorin ihn als „Noch-Innenminister“, was Merkel ignorierte. Dann formulierte Will, dass die Kanzlerin den Minister „entmachtet“ habe, was Merkel überhörte, was Will wiederum zur Nachfrage animierte: „Haben Sie ihn entmachtet?“ Als Merkel das bestritt, legte sie dann sogar noch einmal nach: „Werden Sie ihn entlassen?“ – was Merkel überraschenderweise weit von sich wies.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Moderatorin aufgesetzt, als dürfe sie solche Fragen nicht aus einer entspannten Sitzhaltung stellen. Angela Merkel blieb das ganze Gespräch über in einer solchen Haltung, was die von ihr demonstrierte Souveränität unterstrich. Dummerweise verdunkelte sich bei Großaufnahmen ihres Gesichts regelmäßig der Bildhintergrund. Woran das lag, konnte man nur in der Studiototalen erkennen. An der Wand hinter Merkel changierten auf Displays die Farben der Studiodekoration rhythmisch zwischen hell und dunkel. Der Beleuchtungswechsel war also Zufall und nicht Ergebnis einer Lichtregie, die bei Merkels Worten die Situation verdüstern wollte.

Mitunter zeigte die Kanzlerin gar Charme, etwa als sie der Moderatorin das Kompliment machte, dass jede ihrer Fragen – sinngemäß ausgedrückt – doch irgendwie gut sei, was kurz nach dem Kapitel mit de Maizière jedoch nicht ganz ernst gemeint gewesen sein konnte. Als Merkel erklärte, dass sie stolz auf Deutschland gewesen sei, als die Menschen in München die Flüchtlinge so freundlich und hilfsbereit begrüßten, klatschte das ansonsten zurückhaltende Studiopublikum. Angela Merkel hat die Möglichkeit, die Anne Will und die ARD ihr boten, bestens genutzt. 3,45 Millionen Zuschauer sahen die Sendung, der Marktanteil belief sich auf 13,8 Prozent.

Dass das Gespräch ein Scoop war (und im Übrigen auch für die zu Beginn des Jahres 2016 ja auf den prominenten Sonntagabendplatz zurückwechselnde Talkshow von Anne Will warb), glaubte man ganz besonders gerne in der ARD. Die nachfolgenden „Tagesthemen“ widmeten sich in extensivem Umfang dem zuvor ausgestrahlten Gespräch, zitierten breit daraus, bereiteten es umfassend nach und kommentierten es gleich zweimal, und dies auch noch gendermäßig äußerst korrekt einmal durch eine Frau (Sabine Rau) und einmal durch einen Mann (Rainald Becker). Diese Überdimensionierung in den „Tagesthemen“ war selbstverständlich journalistisch Quatsch, aber der ARD schmeichelte sie eben.

09.10.2015 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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