Fragen statt klagen

Der Olympia-Verlust ermöglicht ARD und ZDF Erkenntnisgewinne

Von Dietrich Leder
09.12.2016 •

Ganz so überraschend, wie es vielfach dargestellt wurde, war die Nachricht nicht, dass ARD und ZDF ab 2018 nicht mehr live von den Olympischen Winter- und Sommerspielen berichten können. Denn entscheidender als das am 28. November bekannt gegebene Scheitern der Gespräche über Sublizenzen für beide öffentlich-rechtliche Sender war ja im Juni 2015 die Niederlage beider im Bieterwettkampf um die Rechte. Damals hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Übertragungsrechte für Europa an das US-amerikanische Unternehmen Discovery Communications vergeben (vgl. MK-Artikel). Und das war ein veritabler Affront des IOC unter seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach gegenüber den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht nur in Deutschland, sondern auch in den anderen westeuropäischen Ländern. Hatten doch diese Sender – unter anderem auch die britische BBC – die Olympischen Spiele erst zu jenem weltweit wahrgenommenen Ereignis promoviert, als die sie das IOC nun vermarktet.

Das Zusammenspiel zwischen dem olympischem Sport und dem Fernsehen hatte 1936 begonnen. Damals berichtete das neu entwickelte Fernsehen im Probebetrieb live von den Sommerspielen in Berlin. Zu sehen waren die Live-Bilder nur in wenigen Fernsehstuben in Berlin und Umgebung. Beides – die sportliche Veranstaltung und das neue Medium – dienten der Illumination der Nationalsozialisten und ihrer Macht. Von dem, was das Fernsehen zeigte, sind nur wenige Meter Filmmaterial erhalten geblieben. Erinnert werden diese Spiele und die Symbiose aus sportlicher wie politischer Propaganda durch den zweiteiligen Olympia-Film von Leni Riefenstahl („Fest der Völker“/„Fest der Schönheit“). Diese durch viele technische Erfindungen sich auszeichnende Kinofilm-Produktion setzte Maßstäbe für die Darstellung des Leistungssports, die dann auch ab den 1960er Jahren für das Fernsehen galten. Mit der Satellitenübertragung der Sommerspiele von Mexiko-City 1968 wurde Olympia dann zu einer zeitgleich tendenziell von der ganzen Welt wahrgenommenen Veranstaltung.

Wer den IOC-Zwecken am besten dient

Wenn man so will, folgt das Internationale Olympische Komitee dieser Entwicklungslinie. Es suchte sich stets die Bündnispartner in den Massenmedien, die seinen Zwecken am besten dienen. Das waren am Anfang die von den Nazis dominierten Massenmedien Kinofilm und Fernsehen. Das sind heute private Sender, die auch für eine Distribution im Internet stehen, das sind kommerzielle Medienunternehmen wie Discovery, die anders als die ARD oder die BBC nicht mit kritischen Fragen rund um Olympia aufwarten werden.

Es ist sicherlich auch nicht zu erwarten, dass die Reporter der von Discovery betriebenen Sender kritische Fragen zum Thema Doping stellen werden. Discovery finanzierte jahrelang ein Radrennteam, das bei der Tour de France und anderswo viele Siege einfuhr, die sich alle einem kriminellen Dopingsystem verdankten. Was im Übrigen bislang stets unerwähnt bleibt: Die Einnahmesteigerungen, die das IOC erzielt, werden vor allem von Spitzenfunktionären dieser Organisation dankbar registriert, profitieren sie doch offenbar unmittelbar davon, da ihre Gehälter und Provisionen an den Umsatz gekoppelt zu sein scheinen.

ARD und ZDF sind bei allen berechtigten Zweifeln an der Gigantomanie der Veranstaltung Olympia beim Bemühen, auch künftig zumindest über Sublizenzen teilweise weiterhin dabei zu sein, wohl wirklich bis an die Grenzen des finanziell Möglichen gegangen (und vielleicht sogar darüber hinaus). Das ist insofern verständlich, als die stundenlangen Übertragungen von den Olympischen Spielen nicht nur das Programm mit attraktiven Bildern und Tönen füllt, sondern in den wichtigsten Sendezeiten viele Zuschauer bindet. In den Jahren der Sommerspiele hatten ARD und ZDF bislang stets ein Plus in der quotenbasierten Auseinandersetzung mit der privaten Konkurrenz. Das gibt man nicht so leicht auf, auch wenn die stärksten Argumente gegen Olympia längst im eigenen Programm der ARD zu finden waren, als dort die Skandale um Doping und Betrug öffentlich gemacht wurden.

Ob die Verhandlungen der hiesigen öffentlich-rechtlichen Sender mit Discovery wirklich endgültig gescheitert sind, bleibt im Übrigen noch abzuwarten. Das US-Unternehmen, das in Deutschland mit seinen Sendern Eurosport und DMAX vertreten ist, wird eine Mindereinnahme von 200 Millionen Euro, die ARD und ZDF für die nächsten vier Olympischen Spiele geboten haben sollen, nicht so einfach wegstecken. Sollte sich die Lage des Unternehmens möglicherweise ändern, kann man sich durchaus vorstellen, dass es im nächsten Jahr einen neuen Annäherungsversuch zu ARD und ZDF unternimmt.

Bleibt es aber dabei, dass die Öffentlich-Rechtlichen von Live-Übertragungen ausgeschlossen sind, dann bedeutet das für den Zuschauer eine Umorientierung. Nicht in der Qualität der Bilder und Töne, auch nicht in der Qualität der Live-Kommentare, der Studiomoderationen und der Interviews. Auch nicht in der Abbildung der Vielfalt des olympischen Angebots, die über das Internetangebot Eurosport-Player transportiert werden wird. Vielleicht noch nicht einmal in der Abwesenheit jener kritischen Fragen und Kommentare, wie sie ARD und ZDF gelegentlich vom Olympia-Spektakel in diesem Jahr in Rio de Janeiro artikulierten.

Der zahlende Zuschauer

Der Zuschauer wird sich – außer an wesentlich mehr Werbung – vor allem daran gewöhnen müssen, dass er zusätzlich zahlen muss. Offiziell ist ja der Sender Eurosport 1 frei über Kabel und Satellit empfangbar. Allerdings nur in der schlechteren SD-Qualität. Will man Olympia im Privatfernsehen aber in High-Definition-Qualität sehen, muss man eines der HD-Pakete kostenpflichtig buchen, das Kabel- und Satellitenbetreiber wie auch Pay-TV-Portale anbieten. Ähnliches gilt für DMAX, das laut Discovery als zweiter frei empfangbarer Sender für die Olympia-Berichterstattung auserkoren ist. Eurosport 2 wie auch das Internetangebot Eurosport-Player müssen abonniert werden – selbstverständlich über eine Zeitstrecke, die dann über die der Olympischen Spiele hinausreicht. Die Umorientierung auf einen privaten Olympia-Anbieter wird also für den Zuschauer deutlich teurer. Darüber lügen die Propagandisten des kommerziellen Fernsehens ja stets hinweg, wenn sie stattdessen den Rundfunkbeitrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als „Zwangsgebühr“ diskreditieren.

Umgekehrt könnte der Verlust der Rechte für ARD und ZDF einen Erkenntnisgewinn bedeuten, wenn man sich kritisch einige Fragen stellt: Ist Olympia wirklich diesen doppelten Aufwand beider Sender wert? Lässt sich nicht eine vereinfachte, zudem gemeinsam durchgeführte Übertragung von solchen Großereignissen denken? Befand man sich nicht bereits zu sehr in einer ideologischen Abhängigkeit von Sportfunktionären, deren Korruptheit mittlerweile schon als negativ beispielhaft gelten kann? Wie kann man der Vielfalt der Sportarten zukünftig gerecht werden, die in den letzten Jahren erst durch und in Olympia bei ARD und ZDF zum Vorschein kam? (Eine Vielfalt, die bis in die 1970er Jahre hinein in beiden Programmen noch zu bestaunen war.) Wie kann man sinnvoll die Sender und das öffentlich-rechtliche Projekt durch andere, nicht sportliche Angebote profilieren, die man mit dem Geld finanziert, das nun für Olympia nicht ausgegeben werden muss? Sich diesen Fragen – auch öffentlich – zu stellen, ist sinnvoller als jedwede Klage über den Verlust der Rechte.

09.12.2016/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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