Jànos Kereszti: 11 Götter sollt ihr sein – Fußball als Ersatzreligion. Reihe „Gott und die Welt“ (ARD/Radio Bremen)

Seit 50 Jahren Fan

26.01.2016 •

Bereits 1932 sprach der Schriftsteller Hans Seiffert vom Sport als „Weltreligion des 20. Jahrhunderts“. Der Auslöser für Seifferts satirisch-prophetischen Text war der Boom des Sports im frühen 20. Jahrhundert. Die Frage, welche Parallelen es zwischen Sport und Religion gibt beziehungsweise ob solche Vergleiche überhaupt angemessen sind, ist aber erst in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt diskutiert worden.

Jànos Kereszti beschäftigt sich in der Reportage „11 Götter sollt ihr sein“ mit der Frage, inwieweit der Fußball, der sich in der heutigen Gesellschaft immer weiter ausdehnt, Züge einer Ersatzreligion trägt. Quasi als Anschauungsobjekt dienen ihm Anhänger von Schalke 04 und Werder Bremen. Der Innenarchitekt Wilfried Hahn und seine Ehefrau Jutta verpassen kein Spiel und kein Trainingslager der Schalker; Familienoberhaupt Wilfried, seit 50 Jahren Fan, „verwaltet“, wie es im Film heißt, mittlerweile sieben Dauerkarten“, weil auch die Kinder und die Enkel auf Schalke mit dabei sein wollen. Der Werder-Anhänger Thorsten Brunkhorst arbeitet ehrenamtlich fürs Bremer Fanprojekt und ist in der Fanszene auch als Werder-Statistiker bekannt. Weitere Gesprächspartner sind der Fußballtrainer Christoph Daum (u.a. 1. FC Köln, VfB Stuttgart) – der davon erzählt, dass Trainer in der Türkei, wo er auch einige Jahre tätig war, oft „Hodscha“ (Religionsgelehrter) genannt werden – und der Pfarrer Eugen Eckert, der in der Kapelle des Stadions von Eintracht Frankfurt tätig ist.

Die Nähe zwischen Fußball und Religion versucht der Autor gleich zu Beginn mit Hilfe von Musik herauszustellen: Ein Kinderkirchenchor singt das in Fußballstadien beliebte Lied „You’ll never walk alone“, das in dieser Version eine ähnliche Stimmung hervorruft wie die Ursprungsfassung aus dem 1945 uraufgeführten Musical „Carousel“. Später erklingen auch Chorversionen von Vereinshymnen, etwa der von Werder Bremen.

Die interessanteste Figur unter den Protagonisten ist Thorsten Brunkhorst. Der 35-Jährige stottert und leidet unter einer spastischen Störung in der linken Körperhälfte. Dass er sich trotz seiner Behinderung einen enormen Status in der Werder-Szene hat erarbeiten können, nimmt Jànos Kereszti als ein Beispiel dafür, dass das Fußballmilieu auch als „Zuflucht für Schwache und Außenseiter“ diene. Diese Zufluchtsmöglichkeit wolle ja auch die Kirche bieten.

Ansonsten bleibt „11 Götter sollt ihr sein“, was die Parallelen zwischen Fußball und Religion betrifft, an der Oberfläche. Autor Kereszti scheint der Ansicht zu sein, es sei der Sache dienlich, möglichst viele sprachliche Berührungspunkte im Film unterzubringen. Die abgedroschene Metapher „pilgern“ (für Fahrten zu Auswärtsspielen) fehlt natürlich nicht, auch von der etwa nach Trainerwechseln verbreiteten Hoffnung auf eine „Erlösung aus der sportliche Misere“ beziehungsweise auf eine „sportliche Wiederauferstehung“ ist die Rede. Völlig verkrampft wirkt die Suche nach Bezügen zur Religion, wenn zu sehen ist, wie Mitglieder der Familie Hahn am Spieltag ihre Schalke-Trikots anziehen und dies mit den Worten kommentiert wird: „Sie tragen das Emblem ihres Glaubens für alle sichtbar.“

Man kann zwar eine 30-minütige Reportage nicht mit analytischen Passagen überfrachten, aber wenn Kereszti wohldosiert Andeutungen zum Stand der wissenschaftlichen Diskussion hätte einfließen lassen – da gab es etwa die Tagung „Fußball – vom profanen Freizeitvergnügen zur religiösen Sinnstiftung im 21. Jahrhundert“ (Schwabenakademie Irsee, 2014) und 2015 erschien das vom Sporthistoriker Peter Kühnst verfasste Buch „Tempel der Körper“ –, hätte das dem Film sicher gutgetan.

Die Frage, was es über die Gesellschaft aussagt, dass sich manche Fußballfans beinahe sklavisch einem Wirtschaftssektor unterwerfen, streift Kereszti auch nicht. Und wenn man schon den Vorteil hat, mit Wilfried Hahn einen Protagonisten dabei zu haben, der seit einem halben Jahrhundert ins Stadion geht: Ihn hätte man fragen können, wann der Fußball einen Status zu erlangen begann, der dem heutigen ähnelt.

Phasenweise wirkt diese Reportage aus der ARD-Reihe „Gott und die Welt“ wie ein Beitrag über Fußball-Leidenschaft, dem das Thema Religion übergestülpt wurde. Bei allem Verständnis dafür, dass das Publikum am frühen Sonntagabend eine andere Ansprache braucht als die Zielgruppe, die am späten Abend Dokumentationen einschaltet: Es ist schade, dass der Film „11 Götter sollt ihr sein“ (1,14 Mio Zuschauer, Marktanteil: 5,0 Prozent) sein Publikum unterfordert.

26.01.2016 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 10/2019

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