Rätselhafter Koran

Zur siebenteiligen Arte-Reihe „Jesus und der Islam“

Von Martin Thull
11.12.2015 •

In der letzten Zeit ist in der Öffentlichkeit sehr viel vom Islam die Rede gewesen, von seinen Auswüchsen im Islamismus, von vermeintlichen Regeln im Koran, von einer Kultur, die im „christlichen Abendland“ angeblich eher Schrecken verbreitet denn Respekt erzeugt. Schnell macht sich gediegenes Halbwissen breit. Da ist es verdienstvoll, dass der deutsch-französische Kulturkanal Arte in der siebenteiligen Dokumentationsreihe „Jesus und der Islam“ versucht, einige Vorurteile auszuräumen und wichtige Hinweise zum besseren Verständnis dieser großen Weltreligion zu geben. Ausgestrahlt wurden die Folgen der von Arte France verantworteten Reihe gebündelt an drei Abenden hintereinander (vgl. Übersicht am Ende dieses Textes).

Die beiden renommierten französischen Autoren Gérard Mordillat und Jérôme Prieur setzen sich in ihrer TV-Produktion vor allem mit dem mutmaßlichen und tatsächlichen Einfluss des Christentums auf den Islam auseinander. Und eröffnen so dem nur oberflächlich informierten Betrachter vielfältige neue Einsichten. 26 Wissenschaftler aus aller Welt nehmen Stellung: Historiker, die sich mit den Anfängen des Islam, mit dem orientalischen Christentum und dem rabbinischen Judentum befassen, außerdem Philologen, Theologen und Spezialisten für die Geschichte des Korans, darunter auch mehrere Professorinnen.

Doppelgänger am Kreuz?

Es geht der Dokumentation darum, den Impuls zu geben, über die Geschichte eines Textes nachzudenken, des für viele so rätselhaften Korans; zu verstehen, welche Bedürfnisse er erfüllt, wie er genutzt wurde, welche Einflüsse sich darin niedergeschlagen haben. Man müsse stets versuchen, den Text aus seiner jeweiligen Zeit heraus zu verstehen, so die Filmemacher, es liege ihnen fern, irgendwelche Wahrheiten zu postulieren. In dieser Reihe werden – wie bereits in vorangehenden Mehrteilern der beiden Autoren – deutlich mehr Fragen aufgeworfen und Hypothesen aufgestellt als Gewissheiten verkündet.

Ausgehend vom Koran und verschiedenen Quellen aus der muslimischen Literatur zeigen Mordillat und Prieur, wie sich diese damals neu aufkommende monotheistische Religion vom Judentum und vom Christentum des 7. Jahrhunderts abgrenzte. So gibt es etwa in der Auftaktfolge („Die Kreuzigung im Koran“) den Hinweis, dass Sure 4, Vers 157 des Korans eine zunächst befremdliche Aussage enthält: Sie lässt die Interpretation zu, dass Jesus, der im Koran deutlich häufiger mit Namen genannt wird als der Prophet Mohammed, am Kreuz gar nicht gestorben sei. Stattdessen habe es sich am Kreuz um eine Art Doppelgänger gehandelt, der mal Simon von Cyrene, mal Judas genannt wird oder auch als 13. Apostel, der stellvertretend für Jesus gestorben sei, angeführt wird. So erfährt der Zuschauer, dass es innerhalb des frühen Christentums den sogenannten Doketismus gab, eine der ersten Häresien, die Vergleichbares zu glauben lehrte. Nicht auszuschließen, dass Mohammed im 7. Jahrhundert Überreste dieser Lehre kannte und für seine Zwecke nutzte.

Kein Zweifel, die Machart dieser Dokumentationsreihe erzeugt für den Zuschauer einen Sog, trotz der Sprödheit der vielen Statements. Die rasch aufeinanderfolgenden Stellungnahmen aus der Wissenschaft sind dabei einander zugeordnet. So entsteht beispielsweise in der zweiten Folge („Die Leute des Buches“) zunächst der Eindruck, der Koran sei sehr stark gegen die Juden seiner Zeit eingestellt. Tatsächlich macht Mohammed die Juden für den vermeintlichen Tod Jesu am Kreuz verantwortlich. Wichtiger erscheint Mohammed aber, dass die Juden, die zuvor schon immer wieder die Propheten, die Gott ihnen sandte, getötet hatten, nun auch den Gesandten Jesus gekreuzigt haben. Zudem kann sich Mohammed auf die Selbstbezichtigungen der Juden selber beziehen. Der Koran gehe durchweg mit den Christen weniger streng um, so erfahren wir, weil bei ihnen die Hoffnung auf Bekehrung bestehe. Will der Prophet die Christen „überzeugen“, so verdammt er die Juden. Es stellt sich jedoch in einer weiteren Stellungnahme heraus, dass der Koran weniger antijüdisch, sondern eher als antirabbinisch gelesen werden kann. Mohammed wendet sich gegen die Rabbiner und Schriftgelehrten, die zu viele Gebote erlassen hätten, wo doch Jesus einen Teil der Gebote aufgehoben habe.

Eine Ansammlung von Anspielungen

Dass der Name Marias im Koran über 30-mal genannt wird, der Mohammeds aber nur vier-, der von Jesus zwölfmal, mag überraschen. Man sollte auch berücksichtigen, dass Jesus in dieser Schrift oft als der „Sohn der Maria“ bezeichnet wird, was die Häufigkeit der Namensnennung der Gottesmutter erklären mag. Nur nebenbei: Selbst in den Evangelien und der Apostelgeschichte wird der Name Maria nicht häufiger genannt als im Koran. Hat Maria deshalb eine besondere Stellung im Islam?

Den Wissenschaftlern zufolge ist die Bezeichnung „Sohn der Maria“ ein Zitat der damaligen Zeit. Das Kind ohne Vater war für die Mutter ein Problem, es gab Strömungen, die Maria wahlweise der Unzucht, des Ehebruchs oder der Prostitution verdächtigten. Der Koran ist, das zeigt diese Doku-Reihe an vielen Beispielen, auch eine Ansammlung von Anspielungen; so verwendet er Topoi anderer Schriften, etwa der Juden oder der Christen, und verfremdet sie. Und er kennt zum Beispiel das Protoevangelium des Jakobus, das die Kindheitsgeschichte Jesu anders erzählt, als wir sie etwa aus dem Lukas-Evangelium zu kennen glauben. Dies wiederum hat die Ikonographie der ersten christlichen Jahrhunderte geprägt, auch wenn es heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Ist Mohammed deshalb lediglich ein guter Kopist? Das erregt Widerspruch bei den Strenggläubigen, für die feststeht: Gott ist der Autor aller heiligen Schriften. Und jeder darf sich jederzeit selbst kopieren. Der Koran bleibe original, in seiner Art, metaphysische und praktische Fragen zu behandeln, sei er einzigartig.

Es dauert bis zur vierten Folge („Das Exil des Propheten“), bis der Zuschauer etwas mehr in die Entstehungsgeschichte des Korans eingeführt wird. Dabei entfernen sich die Autoren auch vom Rahmentitel der Reihe, kommt doch Jesus nur noch am Rande vor. Dennoch ist es anregend zu erfahren, dass, ähnlich wie die Kreuzigung Jesu bei den Christen, im Islam die Vertreibung Mohammeds von Mekka nach Medina zum Fundament der neuen Religion wird. Mohammed hatte sich in Mekka, das als Zentrum des Heidentums galt, mit den herrschenden Stämmen zerstritten, weil er im Zuge seiner Offenbarungen zu einer monotheistischen Religion fand. Der Streit war nur zu schlichten, indem man den Propheten mit seinen Anhängern aus der Stadt verbannte und nach Medina ins Exil schickte. In Medina wiederum wurde er zum Schlichter der dort herrschenden Streitigkeiten. Der Koran ist Literatur, das machen die Wissenschaftler deutlich; er orientiert sich etwa bei der Lebenszeit Mohammeds am angenommenen Vorbild Moses: Moses wurde 120 Jahre, Mohammed als dessen Nachfolger genau halb so alt. Und begann Moses mit seinem öffentlichen Wirken im Alter von 80, so Mohammed im Alter von 40 Jahren. Die Forscher verweisen darauf, dass es unmöglich sei, etwa die 140 Suren des Korans in eine chronologische Abfolge zu setzen. Man müsse diese heilige Schrift des Islam als eine Form der orientalischen Erzählweise verstehen. Der Koran sei ebenso wenig eine historische Dokumentation wie die Bibel.

Islam, Judentum und Christentum

Zu dieser Sicht gehört auch anzuerkennen, dass der Koran zwar auf den Propheten Mohammed zurückgeht, dass dieser aber (wie auch seine Koautoren) zur damaligen Zeit bestehende Schriften der Juden und Christen kannte und wahrscheinlich auch verwendet hat. Die zu seiner Zeit herrschende christologische Diskussion war ihm ebenfalls nicht unbekannt. Nicht zuletzt die Begegnung mit anderen Gläubigen in Medina, das an einer wichtigen Handelsstraße lag, hat Mohammed und damit den Koran beeinflusst. Die Gleichung „Der Koran ist Wort Gottes und dessen Sprache ist Arabisch“ lässt die heutige Forschung nicht mehr zu. Sie geht davon aus, dass Mohammed selbst mindestens eine weitere Sprache, wahrscheinlich Syrisch, beherrschte. Und dies war die Sprache der orientalischen Christen. Selbst die Begriffe „Koran“ und „Sure“ sind aus anderen Sprachen entlehnt, im Arabischen sind sie unbekannt. Die Forschung geht heute davon aus, so die Filmemacher, dass der Islam angesichts der Streitigkeiten zwischen Juden und Christen mit einer radikal schlichten Lehre ohne Dogmen zu den Ursprüngen der monotheistischen Religionen zurückkehren und so den Streit befrieden wollte. Dabei übernahm er etwa den Brauch des Fastens und des Pilgerns.

Islam, Judentum und Christentum sind sehr viel verwandter als allgemein angenommen. Dem Koran galten die beiden anderen monotheistischen Religionen als Häresien. Und umgekehrt. Es wird sogar von einer Legende berichtet, Mohammed habe die neue Religion nur erfunden, weil ihm die Kardinalswürde verwehrt worden sei. Offenbar war den Zeitgenossen Mohammeds und seinen Nachfolgern bewusst, dass es Adaptionen und Überschneidungen zu Juden- und Christentum gab. Für den Propheten war nach Ansicht der Wissenschaftler wichtig, dass er sich in einer Art Genealogie befindet: Er sieht sich in einer Kette von Abraham über Jesus bis zu sich selbst. Für ihn weichen Juden und Christen von Abrahams Monotheismus ab. Da Abraham seiner Lesart nach der Gründer der ersten Religion war, war er auch der erste Muslim. Zwar gibt es Strömungen, die Jesus als die Brücke zwischen den Religionen deuten wollen, doch kommen sie nicht ausreichend wirksam zum Tragen. Erst als Mohammeds Nachfolger versuchten, mit militärischer Macht den Islam zu verbreiten, kam es auch zur Ausübung von Gewalt, die der Prophet selber nicht gewollt hatte. Äußeres erstes Anzeichen der neuen Ansprüche war der Bau des Felsendoms in Jerusalem, der auch architektonisch als Antipode der christlichen Grabeskirche verstanden wurde. Politische Macht und sakraler Anspruch verbanden sich hier.

Zentral ist die Frage nach der Autorschaft des Korans. Für den gläubigen Moslem mag dies keine Rolle spielen. In der Wissenschaft jedoch geht es darum, diese Autorschaft entweder Mohammed zuzuschreiben oder dessen Gefährten und Nachfolgern. Dem Eindruck nach gibt es verschiedene Denkschulen, die aus philologischen, theologischen oder historischen Sehweisen zu antworten suchen. Am Ende geht es wohl um Plausibilität: Außer Frage steht die Annahme, dass der Text auf eine göttliche Inspiration zurückgeht. Und dass die Autorschaft nicht allein dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird – der in frühen Polemiken als des Schreibens und Lesens unkundig bezichtigt wurde –, sondern dass auch die Gemeinde und vor allem ein Schreiber für die überlieferte Textfassung verantwortlich waren. Für die Gläubigen mag allein schon die Frage nach der Autorschaft ein Sakrileg darstellen. Seit etwa 150 Jahren aber befassen sich unterschiedlichste Wissenschaftler mit den Hintergründen der Entstehung des Korans. Vergleichbar ist dies mit der historisch-kritischen Methode, mit der Forscher wie Rudolf Bultmann und andere christliche Theologen das Neue Testament untersuchten und entmythologisierten. Deutlich wird allerdings auch, dass der Text des Korans belanglos wird, sobald man als Forscher die göttliche Inspiration ausschließt.

Beachtlicher Informationsbeitrag

Insofern ist Gérard Mordillat und Jérôme Prieur Recht zu geben, wenn sie sagen, dass „der kritische Umgang mit den Schriften und mit der Geschichte vor allem den Wissenschaftlern islamischer Tradition Mut abverlangt, wenn es darum geht, Glaubensinhalte von historischen Fakten zu trennen“. Dazu müssten dogmatische Ansätze und falsche Gewissheiten über Bord geworfen werden, denn wie bei der Bibelexegese gebe es auch hier keine endgültigen Antworten, sondern nur Fragen, die den Reflexionsprozess vorantreiben.

Insgesamt erinnert diese Arte-Dokumentationsreihe eher an ein TV-Kolleg früherer Jahrzehnte, als das Fernsehen noch in Schwarzweiß sendete. Die jeweils rund 50 Minuten langen Folgen verlangen vom Zuschauer hohe Konzentration, zumal in der deutschen Version fast durchgängig die zwei Stimmen von Nina Hoss und Hansi Jochmann aus dem Off nicht nur die Statements der Wissenschaftler übersetzen, sondern auch das Vortragen der erläuternden Zwischentexte übernehmen. Im Bild zu sehen sind immer wieder alte, wunderschöne Handschriften. Und die Köpfe der Koran-Interpreten vor schwarzem Hintergrund. Wenig Fernsehen also, eher gefilmter Hörfunk. Neben den Statements der Wissenschaftler gab es keine zusätzlichen Töne, selbst die Schwenks über die Handschriften wurden überwiegend von sanften Bibliotheksgeräuschen wie Blättern oder leises Laufen unterlegt. Gäbe es beim Fernsehen so etwas wie eine Bauhaus-Ästhetik, hier wäre sie zu besichtigen: Verzicht auf jeglichen Schnörkel, allein der Funktion verpflichtet und der Kraft der vermittelten Inhalte.

Die Arte-Reihe „Jesus und der Islam“ arbeitet beeindruckend die Gemeinsamkeiten und frühen Unterschiede der drei großen monotheistischen Religionen heraus und zeigt die Kontinuität ihrer Entwicklung vom Judentum mit Moses über das Judenchristentum bis hin zu Jesus auf. Der deutsch-französische Kultursender hat damit (erneut) einen wichtigen und beachtlichen Beitrag zur Information seines Publikums geleistet.

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Die Titel und Sendedaten aller sieben Folgen im Überblick:

JESUS UND DER ISLAM (Arte France)

Folge 1: Die Kreuzigung im Koran

Di 8.12.15 – 20.15 bis 21.10 Uhr

Folge 2: Die Leute des Buches

Di 8.12.15 – 21.10 bis 22.00 Uhr

Folge 3: Der Sohn Marias

Di 8.12.15 – 22.00 bis 23.05 Uhr

Folge 4: Das Exil des Propheten

Mi 9.12.15 – 22.20 bis 23.15 Uhr

Folge 5: Mohammed und die Bibel

Mi 9.12.15 – 23.15 bis 00.10 Uhr

Folge 6: Die Religion Abrahams

Do 10.12.15 21.45 bis 22.40 Uhr

Folge 7: Das Buch des Islam

Do 10.12.15 – 22.40 bis 23.25 Uhr

11.12.2015/MK